Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 224 Warum popeln wir?

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Zum Glück bleibt beim Bohren normalerweise jeder in der eigenen Nase.

(Foto: CFalk / pixelio.de)

Wie kommt es, dass die meisten Menschen popeln? Und stimmt es, dass man sich dabei verletzen kann? Warum beobachtet man immer wieder Menschen, die sich ihre Popel in den Mund stecken? Das ist doch krank! (fragt Katharina P. aus Bonn)

"Immer, wenn ich pinkle oder kacke, esse ich meine Nase leer von Popeln." Es sind krasse, unverblümte Worte, die Charlotte Roche in ihrem Buch "Feuchtgebiete" wählt. Doch schockieren einige ihrer Schilderungen nur deshalb so sehr, weil unsere Gesellschaft Themen wie die ihren tabuisiert oder nur mit Ironie und Häme behandelt – sie schicken sich eben nicht. Nasebohren ist genau so ein Thema. Erzählen Freunde beim Bierchen eine abstoßende Popelgeschichte, dann sind es immer die anderen, etwa die Kinder in der U-Bahn, die Lastwagenfahrer auf der Autobahn oder die unangenehmen Kollegen, die sich mit ihrem Finger tief in der Nase auf der Suche nach Nasensekret - auch als Schnodder, Buhmann, Rotz oder Nasengold bezeichnet – befinden.

Dabei berichten die wenigen dazu existierenden Studien, etwa aus den USA und Indien, dass über 90 Prozent der befragten Menschen zumindest manchmal in der Nase bohren. Dieses Ergebnis stimmt auch mit der Einschätzung von Eva-Tessina Becker überein, Oberärztin an der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Das Bohren ist also weder ein amerikanisches noch ein indisches Phänomen.

Wenn es in der Nase kratzt…

Doch warum popeln Menschen überhaupt? Der "Normalbohrer" popelt aus Langeweile, etwa im Auto an der Ampel, aus Nervosität, oder weil es ihn in der Nase juckt und er tatsächlich das Gefühl hat, etwas entfernen zu müssen. "Gerade im Frühling führen zum Beispiel Pollenallergien zu einer erhöhten Nasensekretion und dementsprechend zu einer erhöhten Krustenbildung", sagt Becker. "Diese Krusten jucken, erzeugen ein Fremdkörpergefühl in der Nase und führen zu einer Nasenatembehinderung". Schnelle Erleichterung finden Betroffene im Popeln.

Unterscheiden muss man diesen "Durchschnittsbohrer" von Menschen mit dem krankhaften Zwang zu popeln. In diesen Fällen sprechen Ärzte von Rhinotillexomanie (Rhino = Nase, tillexis = Gewohnheit des Bohrens, Manie = der Zwang, etwas zu tun). Hinter dieser Krankheit stecken oft schwere psychische Probleme. Aber auch Demenzkranke würden in manchen Fällen zu "Vielpoplern", erklärt Becker.

Schnell, aber nicht nachhaltig

Gesundheitlich bedenklich ist Gelegenheitspopeln nicht, und schlimmstenfalls kommt es zu leichtem Nasenbluten. "Dies passiert, wenn Bohrer Krusten in der Nase abreißen, somit die Schleimhäute verletzen und Blutgefäße zum Platzen bringen", sagt Becker. Massives Popeln könne hingegen zu starken Blutungen führen, die nicht von selbst zu stoppen seien. Auch noch ernstere Schädigungen sind möglich: "Wir behandeln Fälle, in denen Patienten ihre Nase über Monate so stark manipulieren, dass sie sich immer wieder die Schleimhaut aufreißen, bis letztlich ein Loch in der Nasenscheidewand entsteht", sagt die HNO-Ärztin. Hinzu kommen soziale Probleme, mit denen Menschen, die übermäßig häufig in der Nase bohren, rechnen müssen. Konflikte in der Zweisamkeit können die Folge sein oder eine Ächtung im Freundeskreis. "Dass jedoch wirklich eine Beziehung am Nasepopeln zerbricht – das sind äußerst seltene Fälle", so Becker.

Der Innsbrucker Lungenarzt Friedrich Bischinger sieht Vorteile im Nasebohren. Beim Naseputzen alleine erreiche man nie alle Stellen in der Nase. "Sinnvoller ist es, zu bohren, zu popeln – und, natürlich kann man dann auch besser atmen, das hängt ja auch von der Größe des Popels ab. Das ist auch eine mechanische Reinigung", schreibt Bischinger. Becker hält von diesem Argument wenig: "Zwar ist das Nasebohren die schnellste Variante, die Nase zu säubern, doch führen zum Beispiel Nasenduschen mit Kochsalzlösung, Nasensalben oder Nasenöle zu besseren und nachhaltigeren Ergebnissen". Diese beugten auch einer neuen Popelbildung vor. Bohren kann sogar kontraproduktiv sein: "Löst man beim Popeln eine Kruste, kann dies die Schleimhaut soweit irritieren, dass diese noch mehr Sekret produziert – und schon hat man wieder den nächsten Popel".

Mission Popelentfernung beendet – was nun?

Nasebohrer haben aber auch noch ein anderes Problem: Wohin mit dem Schnodder? Wer zu faul ist, sich ein Taschentuch zu holen oder sich die Finger zu waschen, flitscht den Popel durchs Zimmer, schmiert ihn an den Sesselbezug oder – steckt ihn in den Mund. Letzteres wird als Mukophagie (mukus = Schleim, phagein= essen) bezeichnet. Vielleicht ist ja das Popelentsorgungsproblem der Grund für Mukophagie – wissenschaftliche Erklärungen gibt es zumindest keine.

Gesundheitliche Risiken sieht Becker nicht im Sekretessen. "Dafür sind die verspeisten Mengen auch nicht groß genug", sagt sie. Bischinger beschreibt in seiner Studie sogar positive Effekte des Sekretessens. Popelessen steigere das Immunsystem, behauptet er. Die Nase diene als Filter, in dem sich viele Bakterien ansammeln. Werde dieser Schmutz herausgeholt und durch den Mund zurück in den Körper befördert, gelange er letztendlich in den Darm. Im Körper wirke der Popel "genau wie Medizin", schreibt er. "Die moderne Medizin versucht ständig das gleiche Ziel zu erreichen, aber mit sehr viel komplizierteren Methoden". Medizinische Belege hat Bischinger nicht für seine Theorie der kostenlosen Immunsystemstärkung. Becker kritisiert zudem an seiner Behauptung, dass man Nasensekret bereits auf natürliche Art und Weise abschlucke. "Dementsprechend sehe ich keinen Grund, darüber hinaus noch Popel zu essen", scherzt sie.

Popelnde Kinder sind normale Kinder

Bei Kindern spielt auch Neugierde eine Rolle, wenn sie sich Popel in den Mund stecken. Eltern bohrender Kinder müssen sich nicht sorgen: "Popeln ist kindlich-normal", beruhigt Becker. "Nur wenn das Kind permanent in der Nase popelt, sollte man dies versuchen zu unterbinden, schon alleine um Verletzungen vorzubeugen", empfiehlt sie. So komme es bei Kindern nicht nur zu Nasebluten, sondern auch zu Fällen, in denen beispielsweise in der Nase bohrende Kinder beim Laufen hinfielen und sich dabei den Finger in die Nase rammten, warnt die Oberärztin.

Als krankhaft schätzt Becker weder Nasebohren noch Sekretessen ein, "eher als eine schlechte Angewohnheit". Ist Popeln also zu Unrecht verpönt? Wahrscheinlich nicht. Bei aller Kritik an Tabus… eigentlich will niemand einen nasepopelnden Partner, Kollegen oder U-Bahn-Mitfahrer. Wer keine Lust auf Nasenspülungen hat, der sollte seinen Finger auch weiterhin HEIMLICH in die Nase einführen. Und wem die kleinen Dinger so richtig gut schmecken: Der tut sich selbst einen Gefallen, seinen Nachtisch für zu Hause aufzuheben.

Quelle: n-tv.de

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