Frage & Antwort

Gezielte Attacken Warum töten Tiere junge Artgenossen?

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Ein Berberlöwen-Junges und seine Mutter in einem Zoo.

(Foto: Ludìk Peøina/CTK/dpa )

Aus Zoos und Tierparks gibt es immer mal wieder Meldungen wie "Löwin frisst ihre Babys". Das Verhalten der Muttertiere wird oftmals auf ihr Alter oder die fehlenden Erfahrungen als Mutter zurückgeführt. Dabei passiert so etwas auch in freier Wildbahn und zwar viel öfter, als man denkt.

Vor einigen Tagen hat die Meldung "Löwin frisst ihre Jungen" die Runde gemacht. Die Nachricht aus dem Leipziger Zoo schockierte das Personal und so manchen Leser. Dabei ist das Töten von Nachkommen durch Artgenossen im Tierreich verbreiteter, als man denkt. Infantizid, so der Fachbegriff, gilt bei manchen Arten sogar als häufigste Todesursache bei Jungtieren. Von Biologen wird es deshalb als natürliches Verhalten eingestuft. Beobachtet wurde das Töten von Nachkommen bei Raubkatzen, Bären, Affen, Nagetieren und Vögeln. Über die Gründe für diese grausam anmutenden Handlungen herrscht unter Experten nicht immer Einigkeit. Klar jedoch scheint der Fall, wenn ranghohe männliche Tiere die Nachkommen töten, die sie nicht selbst gezeugt haben.

Von Löwen in freier Wildbahn beispielsweise ist bekannt, dass ein neuer Rudelführer, der den alten durch einen blutigen und mitunter tödlichen Kampf besiegt hat, häufig alle Nachkommen, die er aufstöbern kann, tötet. Auf diese Weise sollen die weiblichen Tiere schneller wieder zur Paarung mit ihm bereit sein. So kann eigener Nachwuchs gezeugt werden.

Diese Art des Infantizids ist eine Folge der Sozialstruktur einer Gruppe, schlussfolgern Forscher 2014 aus ihren Ergebnissen. Das Team um Elise Huchard und Dieter Lukas hatte das Verhalten bezüglich der Jungtiere von insgesamt 260 Säugetierarten untersucht. Die Forscher konnten erkennen, dass das Risiko für Infantizide steigt, je größer die Konkurrenz um die Weibchen ist. Auch Tierarten, bei denen die Weibchen das gesamte Jahr paarungsbereit sind und ständig mit männlichen Tieren im Kontakt, sind öfter von Tötungen der Jungen betroffen.

Löwin frisst ihre Babys

Doch nicht nur ranghohe Männchen oder Rudelführer haben es auf nichtverwandte Nachkommen abgesehen. Auch weibliche Tiere töten: entweder als Mütter ihre eigenen Jungen oder als "Tanten" die Sprösslinge anderer Mütter. Als Schock wird das von Menschen empfunden, wenn Muttertiere ihre Babys quasi vor laufender Kamera auffressen. In diesen Fällen sprechen Experten von Kronismus, in Anlehnung an den griechischen Titanen Kronos, der seine Kinder auffraß.

In solchen Fällen wird nach Gründen für die vermeintliche Katastrophe gesucht. Die fehlende Erfahrung von Muttertieren, die zum ersten Mal gebären, ist eine der Standarderklärungen. Möglich ist allerdings auch, dass die Jungen nicht gesund sind und die junge Mutter das wahrnimmt. Dann startet bei den Tieren eine Art Programm, das abwägt: Lohnt sich die weitere Aufzucht der kranken Nachkommen oder ist ein schnelles Töten ökonomischer? Dann könnten die Muttertiere nämlich schneller wieder trächtig werden und im besten Falle gesunde Nachkommen zur Welt bringen.

Zur Ressourcensicherung

Der Kindsmord, der durch Weibchen vollzogen wird, die nicht die Muttertiere sind, wurde unter anderem bei Erdmännchen, Pavianen und sogar dem nächsten Verwandten des Menschen, den Schimpansen beobachtet. In einer aktuellen Untersuchung dazu geben die Evolutionswissenschaftler Huchard und Lukas vor allem Ressourcenknappheit als Grund für Kindstötungen durch andere Weibchen an. Teilen sich zum Beispiel Weibchen den Bau, Brut- oder Aufzuchtsorte und damit auch die Erziehung der Nachkommen, dann verhindern Infantizide den Zugang fremder Nachkommen zu Nahrung, Aufzuchtsort, Zuwendung und sogar zu einem besseren sozialen Status. Bei Erdmännchen machen die Weibchen auch vor verwandten Nachkommen nicht Halt. Um Ressourcen zu sichern, töten Großmütter ihre Enkel und Tanten ihre Nichten.  

Übrigens: Nicht nur das aktive Töten der Nachkommen wird als Infantizid bezeichnet. Auch das Verlassen der Jungen, die Aufgabe des Brutortes oder das Einstellen der Fütterung wird unter dem Fachbegriff geführt. Denn solches Verhalten von Muttertieren bedeutet in der Natur das sichere Todesurteil für die Nachkommen.

Quelle: n-tv.de

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