Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 141 Warum wird Herbstlaub nicht immer rot?

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Blätter der Laubbäume verfärben sich allmählich, und auf meinen täglichen Spaziergängen sehe ich viele gelbe, aber nur wenige rotgefärbte Bäume. Woran liegt das? (fragt Judith G. aus Erfurt)

Auch wenn gerade erst Herbstanfang war und Sie es eigentlich nicht hören wollen: Der Winter naht. Das spüren auch die Pflanzen. Die Temperaturen sinken, und in einigen Wochen gibt es Niederschläge womöglich nur noch in gefrorener Form. Für die Pflanzen in unserer Region bedeutet Winter daher vor allem eines: Trockenstress. Nicht so sehr die Kälte ist problematisch für sie, sondern, wie uns Gesche Hohlstein, Botanikerin im Botanischen Garten Berlin, erklärt, die "mangelnde Verfügbarkeit von Feuchtigkeit". Deshalb bereiten sich die Pflanzen vor, um den Winter und die damit verbundene Trockenpause zu überstehen.

Weniger Blätter, weniger Oberfläche

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Gut zu erkennen: die unterschiedlich hohe Chlorophyll-Menge in verschiedenen Teilen des Blattes.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Laubwerfende Bäume haben dafür eine spezielle Strategie entwickelt. Ihre Blätter bilden eine große Oberfläche, über die sie viel Feuchtigkeit verlieren. "Also", sagt Hohlstein, "reduzieren sie die Oberfläche, indem sie das Laub abschmeißen, und verringern so den Feuchtigkeitsverlust." Doch in den Blättern sind auch wertvolle Inhaltsstoffe enthalten. Und diese wollen die Bäume natürlich möglichst nicht verlieren. Deswegen baut die Pflanze die wertvollen Bestandteile zunächst nach und nach ab und transportiert sie in den Stamm, bevor sie sich von den Blättern trennt. So auch den grünen Blattfarbstoff, das Chlorophyll, in dem "als zentraler Inhaltsstoff Magnesium enthalten ist. An ein solch wertvolles Spurenelement kommt die Pflanze sonst nur schwer heran", betont die Expertin.

Erst jetzt, da der grüne Farbstoff abgebaut wird, werden die anderen Farbstoffe sichtbar, die ebenfalls in den Blättern enthalten sind und bisher von Chlorophyll überlagert wurden. "Das sind", sagt Hohlstein, "größtenteils Carotinoide, die gelb und orange sind". Ist das Blatt dann irgendwann komplett abgestorben, ist es braun. "Deswegen", so Hohlsteins Hinweis, "gibt es manchmal diese interessanten Muster auf den Blättern: In der Nähe der Blattadern, die in den Blättern verlaufen, ist die Farbe noch grün, während das Blatt in Bereichen, die weiter von den Blattadern entfernt sind, schon braun wird."

Das Wetter muss stimmen

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Hier war die Wetterlage offenbar günstig: Die Anthocyane färben die Blätter leuchtend rot.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Grün, gelb, orange, braun – da fehlt uns immer noch das Rot. "Eine knallrote Blattfärbung kann entstehen, wenn das Wetter ganz besonders ist", verrät jetzt die Botanikerin. "Das passiert also nicht immer." Besonders heißt in diesem Fall, dass tagsüber kräftig die Sonne scheinen und es recht warm sein muss, während die Temperaturen nachts stark abfallen. "Dann nämlich", sagt Hohlstein, "betreibt der Baum tagsüber viel Photosynthese und baut also im lichtbetriebenen Prozess Zucker auf. Normalerweise würde er diesen Zucker in der Nacht über Zweige und Stamm zu den Wurzeln bzw. den Speicherorten transportieren oder dorthin, wo er verbraucht wird. Wenn es nachts schon sehr kalt ist, funktioniert der Zuckertransport aber nicht mehr. Und dann…", und jetzt kommen wir endlich zur Farbe Rot, "bilden sich in den Blättern zuckerhaltige Farbstoffe, die sich Anthocyane nennen, und sie bewirken, dass das Laub flammendrot aussieht."

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Botanikerin Gesche Hohlstein ist am Botanischen Garten und Botanischen Museum der Freien Universität Berlin tätig.

(Foto: Gesche Hohlstein)

Wenn der Oktober in diesem Jahr ein goldener werden sollte, haben wir also gute Chancen auf bunte, gelb-orange-rote Herbstwälder unter blauem Himmel.

Übrigens: Einige Baumarten, wie zum Beispiel der kanadische Zuckerahorn, neigen eher zur Rotfärbung als andere. Darüber hinaus gibt es Züchtungen, die das ganze Jahr über rot aussehende Blätter haben. Dazu gehört zum Beispiel die Blutbuche.

Quelle: n-tv.de