Frage & Antwort

Spezies mit ungewisser Zukunft Wie viele Menschen können auf Erde leben?

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Der Planet eine einzige Stadt - lediglich Fantasie oder doch ein Blick in die Zukunft?

(Foto: imago/Science Photo Library)

Die Erdbevölkerung wächst unaufhörlich weiter. Bald werden mehr als acht Milliarden Menschen den Planeten bewohnen. Doch die Ressourcen gehen zur Neige. Der moderne Lebenswandel überfordert die Natur. Wie viele Menschen können überhaupt auf der Erde leben?

Im Sekundentakt wächst die Menschheit - die Weltbevölkerungsuhr der Deutschen Stiftung für Weltbevölkerung tickt unnachgiebig. Wenn Sie diesen Satz zu Ende gelesen haben, sind es wieder rund 50 Menschen mehr. Insgesamt bereits 7,8 Milliarden. Würde die Weltbevölkerung mit derselben Rate weiterwachsen, wie in den vergangenen drei Jahrhunderten, würden im Jahr 2300 rund 70 Milliarden Menschen den Planeten bevölkern.

Weltbevölkerungstag

Um stärker auf die Probleme der wachsenden Weltbevölkerung aufmerksam zu machen, hat das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) den 11. Juli 2020 zum Weltbevölkerungstag ausgerufen.

Kann das überhaupt funktionieren? Bereits jetzt pfeift der Planet auf dem letzten Loch: Die Denkfabrik Global Footprint Network berechnet jedes Jahr den "Erdüberlastungstag", an dem die natürlichen Ressourcen durch die Menschheit verbraucht sind. 2019 war es der 29. Juli. In diesem Jahr verschiebt sich der Stichtag wegen der Coronavirus-Pandemie etwas nach hinten auf den 22. August. Dennoch: Die Tragfähigkeit der Erde - also die maximale Zahl an Menschen, die theoretisch unbegrenzt auf ihr leben können, ohne sie nachhaltig zu schaden - scheint bereits überschritten.

Womit sich die Frage stellt: Wie viele Menschen kann die Erde überhaupt tragen? "Das ist eine sehr schwierige Frage, bei der sich die Experten auch nicht einig sind", sagt Alisa Kaps vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zu ntv.de. Bei Schätzungen der künftigen Bevölkerungsentwicklung gebe es immer Unsicherheiten. Und tatsächlich gehen die Prognosen weit auseinander: Die Vereinten Nationen (UN) hatten 65 Studien ausgewertet, von denen die pessimistischsten von 2 Milliarden Menschen oder weniger ausgehen. Der Großteil der Studien bewegt sich jedoch zwischen 4 und 16 Milliarden möglichen Menschen auf der Erde.

Eine Billion in "Kathedralen-Städten"?

Eine sehr optimistische Prognose geht sogar von rund einer Billion Menschen aus. Der italienische Physiker und Systemanalytiker Cesare Marchetti demonstrierte in seinem 1979 erschienenen Aufsatz "1012: A Check on the Earth-Carrying Capacity for Man", dass Menschen in Zukunft die zur Verfügung stehende Ressource Energie deutlich effizienter nutzen könnten. Alle Menschen könnten zudem in gigantischen "Kathedralen-Städten" wohnen, die nur ein Zehntel der Erdoberfläche bedecken. Das Fazit: Die richtige Technologie könnte ein nachhaltiges Dasein ermöglichen.

Ein wenig Optimismus scheint wohl tatsächlich nicht unangebracht - schließlich lagen kritische Forscher in der Vergangenheit mit ihren Warnungen vor einer "Bevölkerungsexplosion" oft gründlich daneben. "Schon im 19. Jahrhundert hat der britische Ökonom Thomas Robert Malthus und später - in den 1970er-Jahren - der Club of Rome vorhergesagt, dass angesichts knapper werdender Ressourcen und dem stetigen Bevölkerungszuwachs der Kollaps bevorstehe", sagt Kaps.

Doch es kam anders. Der Kollaps blieb aus, die Erde konnte letztlich deutlich mehr Menschen tragen, als Zeitgenossen dachten. "Vor allem durch technologischen Fortschritt, etwa in der Landwirtschaft, wurde die Grenze der Tragfähigkeit der Erde seit Malthus immer wieder verschoben", sagt Demografie-Expertin Kaps. Das Paradebeispiel für diese Entwicklung ist die Grüne Revolution ab Ende der 1960er-Jahre. Mit ihr wurden weltweit deutlich ertragreichere Nutzpflanzen wie Weizen, Mais und Reis eingeführt, wodurch mehr Menschen aus derselben landwirtschaftlichen Fläche ernährt werden konnten. Eine Verbesserung also ganz im Sinne der Eine-Billion-Theorie von Marchetti.

Eine Erde reicht derzeit nicht aus

Allerdings heißt technischer Fortschritt noch lange nicht, dass dieser nachhaltig ist. Denn die Grüne Revolution brachte auch einige Nachteile mit sich. Etwa sinkt in manchen Regionen der Grundwasserspiegel durch den größeren Wasserverbrauch. Auch bringt die intensive Landwirtschaft einen starken Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden mit sich. Um die jetzige Weltbevölkerung wirklich nachhaltig zu versorgen, wären immer noch 1,6 Erden notwendig, zeigt die Berechnung des Global Footprint Networks. Würden alle Menschen auf der Erde leben wie in Deutschland, wären es sogar fast 3 Erden.

Kann die Menschheit von heute also überhaupt nachhaltig auf der Erde leben? Eine Studie aus dem Jahr 2018 etwa hat errechnet, dass zwar mehr als 7 Milliarden Menschen dauerhaft und nachhaltig den Planeten bewohnen könnten. Allerdings sei es kein Dasein, wie wir es gewohnt sind. Vielmehr würde es auf die Grundbedürfnisse beschränkt sein, wie Ernährung, Gesundheitspflege, Elektrizität und die Beseitigung extremer Armut.

Mittlerweile leben fast 8 Milliarden Menschen auf der Erde. Und angesichts eines immer noch starken Bevölkerungswachstums in Afrika südlich der Sahara und Teilen Westasiens, dürften es noch deutlich mehr werden. Allerdings dürfte sich der Anstieg in den kommenden Jahrzehnten verlangsamen. Die UN rechnen daher mit einem Wachstum bis auf fast 11 Milliarden Menschen im Jahr 2100. In einem Worst-Case-Szenario könnten es jedoch 17,6 Milliarden Menschen sein.

Das hat vor allem mit Entwicklungsfortschritten in Ländern wie Indien, Nigeria, Pakistan, Äthiopien oder Tansania zu tun, welche zu sinkenden Geburtenraten führen. Man spricht dann von demografischem Übergang, wie ihn etwa die Industriestaaten in Europa, Nordamerika und Ostasien bereits hinter sich haben. Dort ist die Geburtenrate derzeit so niedrig ist, wie nirgends sonst auf der Welt, was teilweise schon zu einem Rückgang der Bevölkerung führt, etwa in Japan.

Suche nach einem Mittelweg

Daraus ergibt sich jedoch ein Dilemma: Fortschritte in bisher schwach entwickelten Ländern gehen mit einem erhöhten Ressourcenverbrauch einher, was wiederum die Tragfähigkeit der Erde verringert. Ein möglicher Ausweg: Die Menschen in den Industriestaaten müssten ihr Konsumverhalten ändern, und den weltweiten Verbrauch von Ressourcen zu senken, sagt Kaps. "Damit würde für weniger entwickelte Länder Freiraum geschaffen." Am Ende könne es eine Art weltweite Angleichung im Lebensstandard auf einem Niveau geben, das unter dem der heutigen Industriestaaten und über dem der schwach entwickelten Länder liege.

Gleichzeitig müssten "die schwach entwickelten Länder die Fehler der Industrienationen vermeiden und deutlich schneller, billiger und nachhaltiger große Entwicklungssprünge machen", sagt Kaps. Dies sei durchaus möglich. Es gebe in Afrika bereits viele positive Beispiele, wie "auf nachhaltige Weise die Produktivität in der Landwirtschaft erhöht und Bildung in die Breite getragen wird, damit möglichst viele Menschen Zugang dazu haben".

Doch was ist, wenn die stagnierende Bevölkerung in entwickelten Ländern in Zukunft wieder deutlich zu wachsen beginnt? So könnte etwa der massive Einsatz von Robotern den Menschen so viel Arbeit abnehmen, dass Kinderkriegen nicht nur einfacher, sondern auch zu einem neuen Lebenssinn werden könnte. Die Geburtenrate würde dann wieder spürbar steigen. Fortschritte in der Medizin könnten es Menschen zudem ermöglichen, deutlich älter zu werden als heute, was die Sterberate gleichzeitig senken dürfte. Die Ungewissheit der Bevölkerungsentwicklung und ihrer Folgen ist somit vorläufig das Einzige, was gewiss scheint.

Quelle: ntv.de