Wissen
Montag, 31. Dezember 2007

Frage & Antwort, Nr. 35: Wieso sind die Säulen so verdreht?

Andrea Schorsch

Woher stammen die vier gedrehten Säulen des Hauptaltars im Petersdom in Rom? (fragt Heinz-Dieter Kreis aus Völklingen)

Die spätantiken Säulen, die Bernini im Bronzebaldachin aufgriff, sind auch heute noch ausgestellt.
Die spätantiken Säulen, die Bernini im Bronzebaldachin aufgriff, sind auch heute noch ausgestellt.

Auf den Petersdom wird unser Blick in den ersten Wintertagen gleich zweimal gelenkt: Erst spricht der Papst zu Weihnachten den Segen Urbi et Orbi, eine Woche später verkündet er dann seine Wünsche für das neue Jahr.

Der Petersdom, wie wir ihn kennen, ist quasi ein Neubau. Deshalb heißt er auch Neu-St. Peter. 1506 wurde der Grundstein gelegt, als Papst Julius II. befand, dass Alt-St. Peter keinen angemessenen Platz für sein Grabmal bieten würde. Über viele Jahrzehnte hinweg waren mehrere Architekten mit dem Projekt der neuen Peterskirche beauftragt. Als Michelangelo 1547 die Bauleitung übernahm, entwarf er die Kuppel inmitten des Zentralbaus über dem vermuteten Grab des Heiligen Petrus. Unter Carlo Maderno wurden zwischen 1607 und 1614 das Langhaus mit der Vorhalle und die barocke Fassade vollendet. Nun galt es noch, die gewaltigen Innenräume der Kirche zu gestalten.

Papst Urban VIII. war es, der den Petersdom schließlich 1626 - nach 120-jähriger Bauzeit - einweihte. Und er war es auch, der 1623 beschloss, dem Zentrum der Peterskirche seinen Stempel aufzudrücken. Unter der Kuppel Michelangelos, dort wo Lang- und Querhaus in der so genannten Vierung aufeinander treffen, sollte der Ruhm der päpstlichen Familie für alle sichtbar werden. Gianlorenzo Bernini, erfolgreicher Bildhauer und damals gerade einmal 24 Jahre alt, unterbreitete dem Papst den Vorschlag, über dem Petrusgrab einen Bronzebaldachin von mehr als 28 Metern Höhe zu errichten. Berninis Pläne verfolgten vordergründig das Ziel, alle Blicke Richtung Ruhestätte zu lenken. Doch natürlich kamen sie dem Papst und seinem persönlichen Anliegen sehr entgegen. Ein solcher Baldachin würde tatsächlich die Aufmerksamkeit eines jeden Besuchers auf sich ziehen. "Auf sich, und", wie der Kunsthistoriker Dr. Arne Karsten von der Humboldt Universität Berlin erläutert, "damit dann auch auf den Papst als Auftraggeber und auf seine Familie, die Barberini. Deren Ruhm würde im Zusammenhang mit dem religiösen Zeremonialwerk auf immer und ewig garantiert sein."

Nicht aus dem Hut gezaubert

Der Baldachin sollte von Korkenziehersäulen getragen werden. Diese Idee zauberte Bernini nicht aus dem Hut. "Als er die Korkenziehersäulen entwarf", erklärt Karstens Kollege Dr. Philipp Zitzlsperger, "orientierte sich Bernini an den spätantiken Säulen der Chorschranken von Alt-St. Peter." In der Tat waren auch diese gedreht. Davon können wir uns, wie Zitzlsperger uns wissen lässt, bei einem Blick auf die Vierungspfeiler von Neu-St. Peter leicht überzeugen. Dort sind diese Originale noch heute zu sehen.

Der Bau des Baldachins begann 1625. Es war nicht einfach, zügig die großen Mengen Bronze zu beschaffen, die dafür nötig waren. Wie Bernini-Experte Karsten erzählt, schreckte man nicht davor zurück, dafür das antike Bronzegebälk des ehrwürdigen Pantheons abzunehmen und einzuschmelzen. Die päpstliche Familie, die Barberini, erntete dafür den Spott der Römer: "Quod non fecerunt Barberi, fecerunt Barberini" ("Was selbst die Barbaren nicht gemacht haben, das vollbrachten die Barberini"), hieß es. "Aber solche Wortspiele", sagt Karsten, "?konnte die Papstfamilie verschmerzen. Schließlich entstand gleichzeitig ein Bild ihres Ruhmes von gewaltiger Überzeugungskraft."

Was Statik und Gusstechnik des Baldachins anbelangte, sah sich Bernini allerdings vor völlig neue Probleme gestellt. Von dem Steinmetz und Architekten Francesco Borromini erhielt er schließlich Unterstützung. Mehr als einmal musste Borromini die hochfliegenden Fantasien Berninis korrigieren. Sie wären nicht umsetzbar gewesen. Auch im Hinblick auf ästhetische Fragen nahm Borromini immer mehr Einfluss.

Kostspieliges Projekt

Das eindrucksvolle Resultat ihrer Zusammenarbeit, der Baldachin, verschlang Unmengen an Geld. Die Kosten erwiesen sich als astronomisch: 200 000 scudi waren im Lauf der Jahre ausgegeben worden. "Das entsprach rund 10 Prozent der jährlichen Einnahmen des Papsttums in dieser Epoche", betont Karsten. Man stelle sich, nur als Gedankenspiel, einmal ein Kunstwerk vor, das ein Zehntel des deutschen Bundesetats verschlingen soll.

Aus Sicht Urbans VIII. zahlte sich dieser Einsatz jedoch aus. Als der Baldachin am 29. Juni 1633, dem Tag des Heiligen Petrus, feierlich enthüllt wurde, erwies er sich als spektakulärer Erfolg. "St. Peter hatte seinen Mittelpunkt erhalten", erklärt der Bernini-Experte, "und dieser Mittelpunkt gab bereitwillig Auskunft über die Frage, wem er seine Existenz zu verdanken hatte." So entdeckt der Betrachter noch heute überall das Wappentier der Barberini, jene Bienen, die den Römern zwischen 1623 und 1644 in unübersehbaren Schwärmen als Ruhmesboten ihrer Auftraggeber begegneten.

Dr. Arne Karsten und Dr. Philipp Zitzlsperger sind wissenschaftliche Mitarbeiter des REQUIEM-Projektes, das sich mit den römischen Papst- und Kardinalsgrabmälern der frühen Neuzeit befasst. Karsten ist außerdem Autor eines kurzweilig und spannend geschriebenen Buches über Bernini als "Schöpfer des barocken Rom". In dem umfassenden Porträt bringt uns Karsten das Leben des hochtalentierten, selbstbewusst-exzentrischen Künstlers ebenso nahe wie dessen Persönlichkeit, sein Werk und sein Umfeld.

Quelle: n-tv.de