Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 346 Wird man aus dem Flugzeug gesogen?

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Die Maschine der Aloha Airlines nach der Landung im Jahr 1988.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Stimmt es, dass man aus einem Flugzeug gesogen werden würde, wenn ein Fenster oder eine Tür herausfällt oder herausgesprengt wird? (fragt Paul R. aus Mainz)

In Action-Filmen ist die Szene von einer aufgerissenen oder herausgesprengten Flugzeugtür, durch die dann mindestens die Hälfte der Passagiere geschleudert wird, beliebt. Oft wird sie kombiniert mit einem Haupthelden, der mit letzter Kraft eine andere Person vor dem sicheren Tod rettet. Doch das ist alles nur Film - oder nicht?

"Tatsächlich gab es in der Vergangenheit ein paar Unglücke, bei denen aus verschiedenen Gründen die Kabinen der Maschinen so beschädigt wurden, dass Passagiere und Flugbegleiter nach außen gesogen wurden", erklärt Oliver Brieger, Leiter des Flugbetriebs beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig und Oberpfaffenhofen (DLR). Grund dafür ist die extrem schnell einsetzende Dekompression, also der Druckabfall, der durch ein Loch im Flugzeugrumpf entsteht. Die Szenarien im Film sind also nicht vollständig aus der Luft gegriffen.

Heute sind die Türen bei großen Flugzeugen jedoch so konstruiert, dass sie ein Teil der Druckkörper bilden, in denen sich auch die Passagierkabinen befinden. Sie werden von innen nach außen verriegelt, so dass sie gar nicht herausfallen können. Auch ein Öffnen der Türen  während des Fluges wäre wegen des hohen Drucks nicht möglich. Auch die Fenster gehören zum Druckkörper. Sie sind mehrfach verglast und wären darüber hinaus zu klein, als dass Personen durch sie hinausgesogen werden könnten. Im Falle eines Druckabfalls in der Kabine fallen in Passagiermaschinen automatisch Atemmasken von den Decken. Als weitere Sicherheitsmaßnahme sollten Passagiere während des Fluges angeschnallt bleiben.

Druck lässt Material müde werden

Der Druck ist auch dafür verantwortlich, dass es zu fatalen Folgen von Materialermüdungen bei Flugzeugen kommen kann. Das gilt vor allem für Maschinen, die schon viele Jahre im Einsatz sind. Ein Beispiel liefert das Unglück der Aloha Airlines von 1988. Auf dem Flug von Hilo nach Honolulu wurde einer Boing 737 ein Teil der oberen Rumpfschale abgerissen. Der plötzliche Druckabfall sorgte dafür, dass eine Flugbegleiterin aus dem Flugzeug gerissen wurde und starb. 64 der 95 Passagiere wurden verletzt, die meisten davon aber nur leicht.

"Solche Materialermüdungen entstehen durch die Druckunterschiede, die der Druckkörper eines Flugzeugs aushalten muss", erklärt Brieger. Bei Verkehrsflugzeugen entspricht die Atmosphäre in der Kabine einer Reiseflughöhe von ungefähr 2000 Metern. Das Flugzeug hingegen befindet sich in 10.000 bis 12.000 Metern. Der Außendruck in diesen Höhen ist nur noch ein Viertel so hoch wie der Innendruck. "Bei jedem Steigflug bläht sich der Flugzeugrumpf auf und bei jedem Sinkflug schrumpft er wieder zusammen. Dieses Vorgänge werden als Cycles bezeichnet" erklärt der Experte. Obwohl die Ausdehnungen gering und als Passagier nicht wahrnehmbar sind, beanspruchen sie das Material erheblich, so dass bei jeder Wartung gezielt nach Anzeichen von Materialermüdung gesucht werden sollte.

Da die verunglückte Maschine der Aloha Airlines hauptsächlich für die kurzen Verbindungsflüge zwischen den Inseln eingesetzt worden war, hatte sie viele Cycles durchlaufen. Das hat schließlich zur verheerenden Materialermüdung und schließlich zu dem Unfall geführt.

Übrigens: Dass Helden jemanden festhalten können, um ihn vor dem Heraussaugen aus einem Loch im Flugzeug zu bewahren, ist unwahrscheinlich aber möglich. So geschehen durch einen Flugbegleiter, der den Piloten des berühmtberüchtigten British-Airways-Flugs 5390 rettete. Der Pilot war, nachdem sich in 5000 Metern Höhe eine Scheibe im Cockpit gelöst hatte, aus dem Fenster gesogen worden. Zum Glück verhakten sich seine Beine zwischen Steuersäule und Cockpit-Podest. Nur einige Sekunden später kam der Flugbegleiter Nigel Ogden und umklammerte mit aller Kraft die Beine des Piloten, der mit ein paar Knochenbrüchen davonkam.

Quelle: n-tv.de

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