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Freitag, 10. August 2007

Fundsache, Nr. 186: Mehr Grönlandwale vor Grönland

Der Bestand seltener Grönlandwale vor der Küste Westgrönlands scheint sich zu erholen. Einer neuen Erhebung zufolge leben dort derzeit mehr als 1200 Exemplare der ersten jemals unter internationalen Schutz gestellten Tierart. Vermutlich seien Tiere aus anderen Gegenden in die Winter- und Frühjahrs-Nahrungsgründe zugewandert, berichten die Forscher in den "Biology Letters" der britischen Royal Society. Denkbar sei auch, dass die Tiere aufgrund der jüngst schmelzenden Eisdecke einen besseren Zugang zu der Küstenregion haben.

Zählung vom Flugzeug aus

Die Forscher um Mads Peter Heide-Jrgensen vom Greenland Institute of Natural Resources (Nuuk/Dänemark) hatten die Grönlandwale (Balaena mysticetus) aus der Luft gezählt. Zwischen März und April 2006 überflogen sie eine Fläche von etwa 125 000 Quadratkilometern in der Disko Bay vor Westgrönland – etwa ein Drittel der Fläche Deutschlands. Außerdem erhielten einige Wale Satellitensender. Die Auswertung zeigte, dass sich die Tiere hauptsächlich in einem 25 000 Quadratkilometer großen Territorium aufhielten. Nur 11 Prozent aller Sichtungen gab es außerhalb dieses Gebietes.

Insgesamt errechneten die Wissenschaftler einen Bestand von 1229 Grönlandwalen. Obwohl ähnliche Erhebungen seit 1981 regelmäßig in der Region vorgenommen würden, seien bislang stets zu wenige Tiere gesichtet worden, um daraus auf den Gesamtbestand zu schließen, schreiben die Wissenschaftler. Dies zeige, dass es während des 20. Jahrhunderts nur sehr wenige Wale vor Westgrönland gegeben habe. Die nun festgestellte, erstaunliche Größe der Population lasse sich mit einer kürzlichen starken Vermehrung innerhalb der Gruppe nicht erklären.

Zuwanderung als Ursache

Vielmehr seien Tiere aus anderen Regionen zugewandert, vermuten die Forscher. Die Wale vor Westgrönland seien Teil einer größeren Population, die bis in die kanadische Arktis hineinreiche. Möglicherweise habe der Gesamtbestand kürzlich einen Schwellenwert erreicht, der es ermögliche, dass einige Weibchen zwischen den Paarungszeiten zum Fressen nach Westgrönland wanderten. Eine Untersuchung habe jedenfalls gezeigt, dass 85 Prozent der westgrönländischen Wale ausgewachsene Weibchen seien.

Eine andere Erklärung für die plötzlich beobachtete Zunahme an Walen liege möglicherweise in der schrumpfenden Eisdecke. Während zwischen 1979 und 2002 im März noch durchschnittlich 92 000 Quadratkilometer von Eis bedeckt waren, waren es zwischen 2003 und 2006 nur noch zwischen 30 000 und 69 000 Quadratkilometer. Die Tiere erreichten deshalb die Nahrungsgründe früher und blieben länger.

Erste Art unter Schutz

Grönlandwale wurden über Jahrhunderte in den Gewässern zwischen Spitzbergen, Grönland und Kanada systematisch gejagt. Allein in und um die Baffin Bay herum wurden zwischen 1719 und 1900 Berechnungen zufolge mindestens 28 700 Tiere erlegt. 1825 gab es schätzungsweise noch 11 000 Tiere in der Region, am Ende des 19. Jahrhunderts war der Bestand derart dezimiert, dass sich der kommerzielle Walfang kaum noch lohnte. 1931 wurden die Grönlandwale als erste Wildtierart vom damaligen Internationalen Völkerbund unter Schutz gestellt. Noch heute sind alle fünf Bestände von Grönlandwalen auf der Roten Liste der bedrohten Arten zu finden, die Population um Spitzbergen gilt als "vom Aussterben bedroht".

Quelle: n-tv.de