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Alles "Idioten und Blechpfeifen": Design-Terrorist Colani heißt Lutz

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Eigentlich heißt er Lutz, Lutz Colani und wurde 1928 in Berlin geboren. Aber so richtig schmissig ist der Name Lutz ja nicht, und so verpasste sich das Enfant terrible der Designwelt selbst den Vornahmen Luigi. Passt auch echt besser zu den immer runden Formen des Künstlers. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Eigentlich heißt er Lutz, Lutz Colani und wurde 1928 in Berlin geboren. Aber so richtig schmissig ist der Name Lutz ja nicht, und so verpasste sich das Enfant terrible der Designwelt selbst den Vornahmen Luigi. Passt auch echt besser zu den immer runden Formen des Künstlers.

Eigentlich heißt er Lutz, Lutz Colani und wurde 1928 in Berlin geboren. Aber so richtig schmissig ist der Name Lutz ja nicht, und so verpasste sich das Enfant terrible der Designwelt selbst den Vornahmen Luigi. Passt auch echt besser zu den immer runden Formen des Künstlers.

Aber nicht nur als solcher sieht sich Colani. Vielmehr ist er auch Philosoph. Genauer gesagt 3D-Philosoph mit aerodynamischem Weltbild. Während die Interpretation der Welt und ihres Seins eher mit markigen Worten begleitet wird, hat die Aerodynamik doch einen ernst zu nehmenden Hintergrund.

Von 1949 bis 1952 studiert Colani an der Pariser Sorbonne am Fachbereich Aerodynamik. Ab 1953 arbeitet er für den kalifornischen Flugzeughersteller Douglas Aircraft Company als Leiter der Materialforschung, bevor er in Frankreich Kunststoffkarosserien für die Autoindustrie mitgestaltet.

Bald trennt er sich aber von den Vorgaben anderer und entwirft seine eigene runde Welt. Alles, was nicht aus seiner Feder stammt, ist nach seiner Meinung "Rotz". Natürlich haben die von Colani in fröhliche Kurven gepressten Erfindungen immer einen tieferen Sinn.

Mit Beginn seiner eigenständigen Arbeit als Designer gilt sein Kampf der Einhaltung von Naturgesetzen, die dank einer besseren Aerodynamik einen geringeren Verbrauch bringen.

Bereits 1970 sorgt das Colani sportscar C 112 für Furore. Es handelte sich hierbei um einen Mercedes und die Idee, ...

... wie ihn der Designer gern gesehen hätte. Windschnittig, flach und ohne Kanten.

Seinen größten Eklat erlebt der Designer 1972, als der Ruder-Achter für die deutsche Olympiamannschaft unter großem Getöse zu Wasser gelassen wird. Das Sportgerät, das für den Goldkurs designt ist, ist so strömungsoptimiert, dass es nach dem Stapellauf gleich untertaucht. Ein Bild von diesem denkwürdigen Ereignis gibt es leider nicht.

Gewöhnlich überstehen die Designarbeiten Colanis aber wenigstens die Pressevorführungen. Danach verschwinden sie zumeist in den Rumpelkammern der Entwicklungsabteilungen. So auch ein im Frühjahr 1977 abgeliefertes Modell eines VW-Polo-Nachfolgers.

Mit Siebkühlergrill und hängender Unterlippe kam der Colani-Polo beim damaligen VW-Chef Toni Schmücker und Entwicklungsexperte Ernst Fiala nicht gut an. Der Meister beschimpfte die beiden dann als "Blechpfeifen", die mal weiter mit ihrer "Kartoffelkiste auf Rädern" rumfahren sollen.

Ein Jahr zuvor war schon sein VW "Turbo-Polo" bei den Wolfsburgern abgeblitzt.

Ebenfalls ein Flop bleibt des Meisters Prototyp eines Sportscars mit Entenschnabel.

Für einen Geschwindigkeitsrekord entwirft Colani 1989 eine "Colani Corvette".

Dabei erinnert nichts mehr an den Zweisitzer von Chevrolet, der mit dem Beinahmen Convertible bis heute Kultstatus hat. Der Design-Revolutionär klopft sie platt, zieht die Unterlippe nach oben, als ob der Flitzer schmollt …

… und öffnet hinten Luftauslässe, die befürchten lassen, dass der Wagen einen solchen Auftrieb erhält, dass er nur noch auf den Hinterrädern fährt. Zu einer Geschwindigkeitsfahrt kommt es indessen nicht.

Ein Jahr später überrascht der Meister der Rundungen mit der Sportwagenstudie Utah 8.

Ein BMW-Motorradmotor sollte das ultraflache Geschoss auf 250 km/h beschleunigen. Ob es funktioniert hätte, ist unbekannt, denn auch hier bleibt ein Versuch aus.

Die Zusammenarbeit mit der Firma Lotec gestaltet sich da 1993 erfreulicher. Colani und der Tuner schließen siich zusammen, um den seit 53 Jahren bestehenden Geschwindigkeitsrekord für Straßenfahrzeuge zu brechen.

Als Grundlage wählt man einen Ferrari Testarossa, der mit zwei Turboladern auf 1000 PS hochgezüchtet wird. Die Zylinderköpfe werden vergoldet und geben Colanis Studie den Namen "Testa D'oro".

Der windschlüpfrige Renner verfehlt aber den angestrebten Weltrekord, weil seine Räder auf einem Salzsee in Utah durchdrehen.

Einen Weltrekord gibt es dennoch: Den für Katalysatorautos mit einer Geschwindigkeit bis 351 km/h. Um die Kupplung zu schonen, musste der "Testa D'oro" übrigens bis 60 km/h angezogen werden, ...

... um überhaupt Fahrt aufzunehmen. Andernfalls würde dem Fahrer die Kupplung um die Ohren fliegen.

Auch die Transportbranche versuchte Colani mit aerodynamischen Lastwagen zu beglücken. Ihre vollverglasten Fahrerhäuser ließen Trucker bei Sonnenschein in subtropischer Hitze köcheln.

Andererseits schaffte es Colani dank der stromlinienförmigen Motorverkleidung und der runden Fahrerkanzel, den Luftwiderstand im Vergleich zu einer herkömmlichen LKW-Front auf einen cW-Wert von 0,38 zu reduzieren.

Die perfekte aerodynamische Form versucht Colani auch in Flugzeugstudien zu finden. Um bei der Formgebung der Natur zu folgen, bekommt die Studie eines Megaflugzeugs für 1000 Passagiere die Form des Urhais Megalodon. Im Jahre 1977 legte Colani diesen Entwurf Boeing vor. Der Flugzeugbauer dankt und lehnt ab.

Auch eines der größten Segelflugzeuge verdankt die Welt Luigi Colani. Leider bekam die es nie zu sehen.

Das war ein Auftrag "für die Superidioten von der Nasa", erinnert sich der hitzköpfige Designer, die das kaum manövrierfähige Luftgefährt nach wenigen Versuchen wieder fallen ließen. "Die Piloten", betonte Colani, "standen bis zum Hals in ihrer Pisse."

Es ist aber nicht so, dass alle Colani-Projekte im Sande verlaufen. Nur wirklich erfolgreich waren sie nie. 1994 bittet der ehemalige DDR- Fernsehhersteller RFT-Stassfurt, dem das Wasser angesichts der immensen Konkurrenz aus dem Westen bis zum Hals steht, Colani darum, ein ganz ausgefallenes Gerät zu kreieren. Der Meister macht und …

… auf der IFA 1995 wird das Televisionsgerät zum Highlight bei der Presse. Nur kaufen will die Rundglotze anschließend keiner und Stassfurt verabschiedet sich.

Apropos DDR. Colani versucht sich natürlich auch am Trabant, dessen Design für ihn ähnlich unwürdig ist wie alles andere auch. Er verpasst ihm ein Doppelkinn, zwei kleine Äugelein und einen Lufteinlass, der an den Schlitz eines Briefkastens erinnert.

Aber man soll ja nicht alles schlechtreden. So auch nicht das Design von Colani. Denn eins muss dem Antipoden mal zugute gehalten werden: Bei allem runden Wahn ist er doch ein Visionär. Bereits 1970 beschäftigte er sich mit möglichen Hybridfahrzeugen.

Seine Studie basierte damals auf der Grundlage eines Lamborghini Miura. Die Fahrgastzelle wurde separiert und glich in seiner Stromlinienform dem Cockpit eines Segelfliegers.

Schon damals soll Colani gesagt haben: "Die Zukunft liegt in Fahrzeugen, die mit 3 x L zu umreißen wären: langsam, leise, lustig."

Betrachtet man seine Designstudien unter diesem Blickwinkel und lässt das L für langsam weg, dann versteht man auch seine Interpretation der Corvette Stingray.

Da sich Colani stets an der Natur orientiert, muss der Stachelrochen seinem natürlichen Vorbild gleichen.

1996 präsentiert Colani einen Horch nach seinen Vorstellungen. Es ist ein Auto für die "Verrückten und Ganoven", wie er die Reichen und Spleenigen nennt.

Immerhin wird der wohlgeformte Aero-Bolide von einem 16-Zylinder befeuert.

Das zumindest darf den ökologischen Gedanken Colanis für einen Augenblick vergessen machen. Inzwischen hat der Meister mit Europa abgeschlossen.

Zu verstockt ist man seiner Ansicht nach den wirklich guten Ideen gegenüber. Deswegen sucht er seit einigen Jahren sein Heil in China.

Nachdem Colani schon in Japan Erfahrungen mit der asiatischen Mentalität gesammelt hat, will er jetzt sein Glück im Reich der Mitte versuchen.

Sein "Lebenswerk und Vermächtnis Eco-City" will er dort verwirklichen. Sicher werden dort auch seine Magnetbahnen fahren. Zurzeit arbeitet er aber an dem Modell einer Stadt, die einen auf dem Rücken liegenden menschlichen Körper gleicht.

Ob diese Mega-City je gebaut wird ist fraglich. Wie kritisch auch immer man zur Person Colani, ...

... der sein Gegenüber mehr als einmal mit Begriffen unter der Gürtellinie ("alles Idioten") bedacht hatte, auch stehen mag:

Der selbst ernannte "3D-Philosoph" hat zweifelsfrei Visionen und sorgt seit mehr als 50 Jahren mit seinen futuristischen Entwürfen für Furore.

Dabei ist stets die Natur sein Vorbild: Rund, dynamisch und ungewöhnlich wurde alles, was Luigi Colani in seine künstlerischen Finger bekam.

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