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Legales Anschaffen seit 2002: Ware Sex in Deutschland

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Prostitution - kaum ein Thema scheint so undurchsichtig und komplex. Sexarbeiter werden gesellschaftlich stigmatisiert, moralisch verachtet und oftmals pauschal kriminalisiert. Dabei ist Prostitution in Deutschland seit einigen Jahren nicht mehr strafbar. (Foto: picture alliance / dpa)

Prostitution - kaum ein Thema scheint so undurchsichtig und komplex. Sexarbeiter werden gesellschaftlich stigmatisiert, moralisch verachtet und oftmals pauschal kriminalisiert. Dabei ist Prostitution in Deutschland seit einigen Jahren nicht mehr strafbar.

Prostitution - kaum ein Thema scheint so undurchsichtig und komplex. Sexarbeiter werden gesellschaftlich stigmatisiert, moralisch verachtet und oftmals pauschal kriminalisiert. Dabei ist Prostitution in Deutschland seit einigen Jahren nicht mehr strafbar.

Bis zum 1. Januar 2002 galt die Prostitution in Deutschland als sittenwidrig. Sie war damit nicht ausdrücklich verboten, aber in der täglichen Praxis lief es de facto auf ein Verbot hinaus - nicht zuletzt wegen der vielen Restriktionen, mit denen die Branche konfrontiert war.

Diese Duldung ist mit dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes zu einer Legalisierung geworden.

Im Jahr 1901 entwickelt das Reichsgericht eine Formel für das "Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden". Die Prostitution wird im Bürgerlichen Gesetzbuch als sittenwidrig erklärt.

Es gibt Sperrgebietsverordnungen, die die Lokalitäten der Prostituierten regelten. Das Strafgesetzbuch stellt die Förderung der Prostitution unter Strafe. Um die Rechte der Prostituierten ist es schlecht bestellt.

Im Jahr 1965 stuft ein Richterspruch Prostituierte sogar als Berufsverbrecherinen ein. Bordelle, Nachtclubs oder Callgirl-Agenturen können sich aufgrund der Sittenwidrigkeit ebenso wenig offiziell als Gewerbe anmelden.

Da sich die Freier dennoch nicht von ihrem Wunsch nach sexueller Dienstleistung abhalten lassen, fängt die Branche mit der Verschleierung ihrer Dienstleistungen an.

Eine Callgirl-Agentur zum Beispiel meldet ihr Gewerbe bei den Behörden offiziell als sittlich nicht zu beanstandende Modelagentur an.

Die Sexarbeiterinnen und ihre Kunden treffen sich unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit, das Finanzamt bekommt sein Geld, die Prostituierten aber keine Krankenversicherung.

Mitte der 1990er Jahre setzt ein Umdenken im Umgang mit Prostitution ein. 1995 gelingt es einer Prostituierten erstmals, das verabredete Honorar gerichtlich einzuklagen.

Mit dem Urteil pflichtet das Gericht der Prostituierten bei, dass Prostitution ein Rechtsgeschäft ist, bei dem man seinen Lohn notfalls auch einklagen kann. Prostitution ist nach dessen Ansicht also nicht sittenwidrig.

Zum 1. Januar 2002 zieht die Bundespolitik nach: Das "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten" - kurz: Prostitutionsgesetz (ProstG) tritt in Kraft.

Ziel des Gesetzes ist es, Prostituierte aus der Illegalität zu holen, indem man ihre Tätigkeit als sozialversicherungspflichtige Dienstleistung anerkennt.

Rein theoretisch ist die Prostitution seitdem als legale Erwerbstätigkeit anerkannt: Prostituierte können sich nun zum Beispiel als Selbstständige bei den Behörden anmelden und sozialversichern.

Eine Prostituierte untersteht darüber hinaus nicht dem Weisungsrecht ihres Arbeitgebers, das heißt, dass sie laut Gesetz selbst entscheiden darf, ob sie gewisse Kunden oder Sexualpraktiken ablehnt.

Betreiber eines Bordells oder Zuhälter machen sich außerdem nicht mehr strafbar, nur auf Grund der Tatsache, dass sie für Prostituierte sichere Arbeitsbedingungen schaffen.

Praktisch gesehen schafft das Gesetz jedoch keine klare Grundlage zum Umgang mit der Prostitution.

Im Lexikon der Prostitution resümiert Marcel Feige, "dass die Bundesländer das Gesetz unterschiedlich handhaben, Behörden es variierend auslegen, Rechtssicherheiten auf allen Seiten fehlen und nicht zuletzt andere, die Prostitution berührende Gesetze (Sperrgebietsverordnung, Gaststättengesetz, Gesetz über Ordnungswidrigkeiten), vom Prostitutionsgesetz ausgenommen sind".

Das Familienministerium evaluiert 2007 die Auswirkungen des Gesetzes wie folgt. Die Ziele seien "nur zu einem begrenzten Teil" erreicht worden. Die Liberalisierung habe "keine messbare tatsächliche Verbesserung der sozialen Absicherung von Prostituierten bewirken können." Und: "Für einen kriminalitätsmindernden Effekt" des Gesetzes gebe es "bislang keine belastbaren Hinweise".

Zur Anzahl der Prostituierten in Deutschland gibt es keine zuverlässigen Angaben aus einer Statistik oder auf wissenschaftlicher Grundlage. Eine häufig zitierte Schätzung, die auf die Berliner Prostituiertenberatungsstelle Hydra e.V. zurückgeht, geht von bis zu 400.000 Prostituierten in Deutschland aus. Zum Vergleich: Die Post beschäftigt rund 200.000 Mitarbeiter.

Verdi geht davon aus, dass täglich 1,2 Millionen Kunden die Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch nehmen.

Jährlich werden der Gewerkschaft zufolge über 14 Milliarden Euro mit Prostitution umgesetzt.

Bundesweit gibt es rund 3500 Rotlicht-Etablissements.

Der organisierte Sextourismus mit Kunden aus Asien und den USA blüht. Die sexhungrigen Kunden reisen für einen spottbilligen, Sechs-Tage-Puffurlaub nach Deutschland.

Zum deutschen Alltag beim Geschäft mit der Lust gehören Flatrate-Bordelle - Sex und Drinks, so viel man will und kann -, Onlineauktionen, bei denen Sex mit Jungfrauen oder Schwangeren ersteigert werden kann und Prostituierte, die keinen Kunden ablehnen dürfen.

2011 ermittelte die Polizei 640 Menschenhandelsopfer, die sexuell ausgebeutet wurden, knapp 5 Prozent mehr als 2010. Über die Hälfte (61 Prozent) stammen aus osteuropäischen Staaten, vor allem aus Rumänien und Bulgarien. Aber auch der Anteil der deutschen Opfer ist gestiegen (auf 21,7 Prozent).

56 Prozent aller Opfer von Gewalt in der Prostitution waren 2011 laut Bundeskriminalamt jünger als 21 Jahre.

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