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"Der Ball geht mir an die Brust und dann reflexartig an die Hand": Lars Stinl.
"Der Ball geht mir an die Brust und dann reflexartig an die Hand": Lars Stinl.(Foto: imago/Sven Simon)

"Collinas Erben" haben Absichten: Warum Stindls Hand-Tor regulär war

Von Alex Feuerherdt

Gladbachs Lars Stindl erzielt mit seinem Unterarm das Führungstor. Die Ingolstädter protestieren, aber: Der Treffer zählt zu Recht. In Berlin ist das 1:0 nicht regelgerecht, was sich mit menschlichem Auge jedoch kaum erkennen lässt.

Ganz sicher war sich Lars Stindl selbst nicht. "An der Reaktion von meinem Jubel sieht man, dass ich nicht wusste, was der Schiedsrichter pfeift", sagte der Mönchengladbacher Mittelfeldspieler, der bei der Partie seiner Borussia in Ingolstadt den umstrittenen Führungstreffer erzielt hatte. "Der Ball geht mir an die Brust und dann reflexartig an die Hand", schilderte der 28-Jährige die Entstehung seines Tores an diesem 22. Spieltag der Fußball-Bundesliga. "Ich glaube, dass es nicht ganz astrein war, aber auf keinen Fall war es absichtlich." Gleichwohl könne er den Protest verstehen, "wenn ein Tor so kurios zustande kommt".

Der Ingolstädter Sportdirekter Thomas Linke dagegen hielt Stindls Treffer uneingeschränkt für irregulär. "Die Hand geht aktiv zum Ball", fand er. Deshalb sei "nur eine Entscheidung richtig: Handspiel". Der frühere Profi des FC Bayern sah sogar "Parallelen zum Fall Andreasen". Damit spielte er auf das berühmt gewordene Hand-Tor an, das der Däne Leon Andreasen im Oktober 2015 für Hannover 96 im Spiel beim 1. FC Köln erzielt hatte. Der Schiedsrichter hatte die Regelwidrigkeit nicht gesehen und den Treffer anerkannt.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Tagelange erregte Diskussionen waren die Folge. Liegt Linke mit seinem Vergleich richtig? Dazu muss man sich vergegenwärtigen, welche regeltechnischen Kriterien bei der Beurteilung eines Handspiels zugrunde gelegt werden. Einen Freistoß respektive Strafstoß für den Gegner zieht es jedenfalls nur dann nach sich, wenn es absichtlich geschieht - ganz gleich, ob es von einem Verteidiger bei einer Abwehr- oder von einem Angreifer bei einer Offensivaktion begangen wird.

Ob ein Spieler durch das Handspiel einen Vorteil erlangt, ist ohne Belang. Doch wie soll ein Unparteiischer die Absicht erkennen? Er kann ja nicht die Gedanken des Spielers lesen. Daher gibt es einige Anhaltspunkte, die zur fußballjuristischen Definition der Absicht beim Handspiel dienen. Geht beispielsweise die Hand oder der Arm eines Spielers aktiv zum Ball, dann spricht viel für ein absichtliches Handspiel. Gleiches gilt, wenn ein Arm oder die Hand vor das Gesicht gehalten, über den Kopf gehoben oder vom Körper abgespreizt wird, um den Ball aufzuhalten oder abzulenken. Dann spricht man von einer "unnatürlichen Körperhaltung" oder einer "Vergrößerung der Körperfläche". Entspricht die Hand- und Armhaltung jedoch einem normalen, fußballtypischen Bewegungsablauf, dann besteht für den Referee kein Anlass, von Absicht auszugehen.

Auch die Entfernung zum Ball ist ein Kriterium, das heißt: Je geringer die Distanz, desto kürzer die Reaktionszeit - und desto unwahrscheinlicher ein absichtliches, also strafwürdiges Handeln. Springt der Ball einem Spieler von einem anderen Körperteil unkontrolliert und unkontrollierbar an den Arm oder die Hand, sind die Schiedsrichter - so will es der DFB - ebenfalls gehalten, weiterspielen zu lassen. Genau das ist am Sonntagnachmittag in Ingolstadt geschehen.

Warum der Schiedsrichter Stindl nicht befragte

Denn der Ball, der vom Kopf des Ingolstädters Marvin Matip zum unweit postierten Stindl gelangt war, prallte zunächst gegen die Brust der Gladbachers und von dort unmittelbar gegen dessen rechten Unterarm, bevor er schließlich im Tor der Gastgeber landete. Stindl hatte offenkundig erwartet, die Kugel mit dem Kopf erwischen zu können, und eine entsprechende Bewegung zum Ball gemacht. Intuitiv mit geschlossenen Augen übrigens, auch das spricht eher gegen Absicht.

Aufarbeitung: Gladbachs Andreas Christensen, Stindl und, rechts, Raffael.
Aufarbeitung: Gladbachs Andreas Christensen, Stindl und, rechts, Raffael.(Foto: imago/Sven Simon)

Seinen rechten Arm hatte er dabei allerdings nach vorne geführt, es kam eine Bewegung zum Ball zustande. War das Handspiel also doch absichtlich? Oder handelte es sich um einen normalen Bewegungsablauf, mit dem nicht das Ziel verfolgt wurde, den Ball auf regelwidrige Weise zu spielen, sondern der dem Halten des Gleichgewichts diente? Das ist schwierig einzuschätzen. Berücksichtigt man insbesondere die extrem kurze Reaktionszeit für Stindl, nachdem der Ball unkontrolliert von seiner Brust weggesprungen war, wird man ihm aber schwerlich Absicht unterstellen können. Dass Schiedsrichter Christian Dingert das Tor gab, ist zumindest vertretbar.

Bei Leon Andreasen lagen die Dinge anders, denn in seinem Fall waren unzweifelhaft nahezu sämtliche Kriterien für ein absichtliches Handspiel erfüllt. Kritik gab es seinerzeit daran, dass der Unparteiische den Spieler trotz der ungewöhnlich heftigen Proteste des Gegners nicht ausnahmsweise fragte, ob er den Ball absichtlich mit der Hand ins Tor befördert hatte. Auch jetzt war diese Option ein Gesprächsthema. Marvin Matip etwa berichtete nach dem Spiel von einem Dialog, den er auf dem Platz mit Stindl hatte und bei dem der Gladbacher zum Ingolstädter gesagt haben soll: "Wenn der Schiri gefragt hätte, hätte ich Handspiel gesagt." Er hat aber nicht gefragt - und es ist auch höchst fraglich, ob das etwas geändert hätte. Denn die komplizierte, aber entscheidende Einschätzung, ob regeltechnisch Absicht vorlag, hätte Stindl dem Schiedsrichter ohnehin nicht abnehmen können. Das zu beurteilen, ist die alleinige Aufgabe des Unparteiischen. Und auf dem Feld verfügt auch nur er über die erforderliche Kompetenz dazu.

Verzwicktes Führungstor für Hertha

Regeltechnisch noch komplexer war die Situation, die in der 52. Minute der Partie zwischen Hertha BSC und Eintracht Frankfurt zum 1:0 für die Hausherren führte. Zunächst mussten Schiedsrichter Sascha Stegemann und sein Assistent beurteilen, ob sich der Berliner Salomon Kalou im Abseits befand, als Niklas Stark einen Steilpass auf ihn spielte. Selbst die Standbilder des Fernsehens gaben keinen endgültigen Aufschluss, legten aber nahe, dass Kalou im Moment des Zuspiels auf gleicher Höhe mit dem vorletzten Frankfurter war – und damit nicht im Abseits.

Nach der Ballannahme stürmte der Ivorer auf das Gästetor zu, Bastian Oczipka drängte ihn ein wenig ab und setzte acht Meter vor dem eigenen Gehäuse zum Tackling an. Kalou ging zu Boden, doch der Ball gelangte zu Vedad Ibisevic, der ihn trocken ins Tor der Frankfurter schob. Erst nach mehreren Zeitlupen wurde deutlich, wie verzwickt diese Szene war. Denn Oczipka hatte gegen Kalou zwar zuerst den Ball gespielt, den Herthaner anschließend jedoch am Fuß getroffen und so regelwidrig, das heißt elfmeterwürdig am Weiterlaufen gehindert. Nun könnte man argumentieren, das sei doch gleichgültig, schließlich habe Ibisevic unmittelbar darauf ins Tor getroffen.

Das Problem war bloß: Beim Torschuss des Bosniers befand sich der auf dem Boden liegende Kalou im Abseits. Dort verhielt er sich zwar passiv, er bildete jedoch ein Hindernis für den Frankfurter Torwart Lukas Hradecky und beeinträchtigte so dessen Möglichkeit, den Ball abzuwehren. Dass der Berliner dafür nichts konnte, spielt regeltechnisch keine Rolle – eine Abseitsposition wie diese ist als aktiv zu werten und damit strafbar. Denn es ist unerheblich, ob ein im Abseits befindlicher Spieler den Ball absichtlich spielt oder einen Gegner vorsätzlich beeinflusst. Wesentlich ist allein die Tatsache, dass es geschieht, also das Ergebnis, nicht die Intention.

Das bedeutet: Ibisevics Tor hätte nicht zählen dürfen, stattdessen hätte es einen Strafstoß für Hertha geben sollen. Denn auf Vorteil konnte wegen des aktiven Abseits von Kalou nicht entschieden werden. Eine extrem diffizile Gemengelage aus mehreren unmittelbar aufeinander folgenden, sehr schwer zu beurteilenden Einzelszenen, die auf dem Platz in Realgeschwindigkeit - das heißt, in Sekundenbruchteilen - nahezu unmöglich zu erkennen und zu entwirren war. Wohl nicht zuletzt deshalb gab es dafür auch kaum Kritik am Schiedsrichterteam.

Insgesamt gesehen wäre sie ohnehin unangemessen gewesen, weil Referee Stegemann und seine Assistenten sehr aufmerksam waren und die Begegnung mit viel Augenmaß leiteten. Besonders beachtlich war, dass das Gespann die Tätlichkeit des Frankfurters Haris Seferovic gegen Niklas Stark in der 78. Minute bemerkte und mit der Roten Karte ahndete, obwohl sie weit abseits des Balles geschah. Selbst das Fernsehen brauchte einen Moment, um das zu zeigen, was die Unparteiischen sofort gesehen hatten. Ganz ohne Zeitlupen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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