Spezial
(Foto: picture-alliance/ dpa)
Freitag, 18. März 2011

Schlimmste Folgen für Tokio : "252.500 könnten an Krebs erkranken"

Bernd Ramm war jahrelang Strahlenschutzexperte an der Charité und ist jetzt Chef des Wissenschaftsportals goruma.de, welches auch über Strahlung und Kernreaktoren informiert. Mit n-tv.de spricht er über die Gefahren, die von der Kernschmelze und der radioaktiven Strahlung ausgehen und welche Wirkung sie im schlimmsten Fall auf die Gesundheit der Tokioter haben könnten.

n-tv.de: Wie schätzen Sie die derzeitige Situation in Fukushima ein?

Dr. Bernd Ramm: Die Reaktorblöcke 1 bis 4 liegen in Trümmern. Aber die inneren Hüllen scheinen gehalten zu haben. Zudem ist es sehr wahrscheinlich zu einer Kernschmelze bzw. teilweise zu einer Kernschmelze gekommen. Ohne ausreichende Kühlung ist jedoch mit noch erheblichen Problemen zu rechnen. In jüngster Vergangenheit scheint die Radioaktivität nur immer dann ausgetreten zu sein, wenn man Wasserdampf abgelassen hatte, um den Druck im Reaktor zu reduzieren.

Wieso ist nach dem Abschalten der Reaktoren immer noch mit einer derartigen Hitzeentwicklung zu rechnen?

Die Lage in Fukushima ist prekär.
Die Lage in Fukushima ist prekär.(Foto: AP)

In der Tat sind die Kernspaltungsprozesse weitgehend zum Erliegen gekommen – aber nicht ganz. Bei der Spaltung des Uran 235 wurden eine große Anzahl an radioaktiven Substanzen erzeugt, wie zum Beispiel Jod 131, Cäsium 134 und Cäsium 137 oder Krypton 85, die auch nach dem Abschalten weiter zerfallen und Energie erzeugen. Man rechnet, dass die thermische Energie des Reaktors nach dem Abschalten noch etwa sieben Prozent der ursprünglichen beträgt.

Und wann kommt der Kernspaltungsprozess zum Erliegen?

Der Energieabfall folgt einer e-Funktion, das heißt, dass am Anfang der Energieabfall sehr schnell geht und mit zunehmender Zeit immer langsamer wird. Die Reaktoren müssen noch viele Wochen gekühlt werden, bis eine Kernschmelze ausgeschlossen werden kann. Und irgendwann wird es ein Problem der Zwischen- und Endlagerung.

Was geschieht, wenn es tatsächlich zum Austritt größerer Mengen Strahlung kommt, die zum Beispiel Tokio erreicht?

Bei der Wirkung von Strahlung muss man hohe Dosen und niedrigere unterscheiden. Bei "niedrigen" Strahlendosen bis etwa 0,5 Sievert (Sv, entspricht 500 mSv, Anm. der Red.) erhöht sich vor allem das Krebsrisiko. Bei höheren Dosen kommt es bereits nach Tagen oder Wochen zum Absterben oder zur Schädigung der Zellen einer Reihe von Organen wie zum Beispiel des Magendarmtraktes, der Nieren oder der Leber. Zum Verständnis der Wirkung "niedriger Dosen" nehmen wir an, dass die Bewohner von Tokio Strahlung mit einer Dosis von 0,1 Sv (100 mSv) ausgesetzt wären. Dann würden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten von den rund 35 Millionen Einwohnern im Raum Tokio rund 252.500 zusätzlich an Krebs erkranken, bei 400 mSv wären es bereits über eine Million. Die Krebsrate bei Kindern bezüglich Schilddrüsenkrebs müsste zudem extra betrachtet werden.

Ab welchen Strahlenbelastungen müsste denn in Tokio neben den genannten späteren Krebserkrankungen mit direkten Todesfällen gerechnet werden?

Eine 26 Millionen-Metropole kann sich kaum auf einen Gau vorbereiten.
Eine 26 Millionen-Metropole kann sich kaum auf einen Gau vorbereiten.(Foto: dpa)

Das wäre nur der Fall beim Auftreten hoher Dosen. Dazu eine kleine Rechnung: In der Umgebung des Reaktors in Fukushima hat man Strahlendosen von 400 mSv (0,4 Sv) pro Stunde gemessen. Wenn die dort tätigen Menschen dieser Strahlung rund zwölf Stunden ausgesetzt wären, hätten sie eine Dosis von rund 5 Sv erhalten und würden dann wohl alle sterben. Bereits bei einer Dosis von 1 Sv sterben rund 10 Prozent der Betroffen innerhalb der nächsten Wochen und Monate. Und bei einer Dosis von 3 Sv sind es bereits rund 40 Prozent und, wie gesagt, ab 5 Sv überlebt kaum noch jemand. Aber derartige Dosismengen sind in Tokio mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auch nicht annähernd zu erwarten. Dafür müssten einer oder mehrere der Reaktoren explodieren und den strahlenden Inhalt zum großen Teil freisetzen. Und dann müsste auch der Wind diese riesigen Mengen direkt nach Tokio wehen.

Wie sieht es denn mit den Schädigungen der Nachkommen aus?

Die offiziellen Zahlen, die meist noch auf die A-Bombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki beruhen, geben ein Risiko an, das unter einem Prozent liegt. Die Zahlen sind zweifelsohne korrekt, es gibt dennoch ein großes "Aber".

Und das wäre?

Es gibt eine besonders strahlenempfindliche Vorstufe der männlichen Spermien, die Spermatognien, die zu erheblichen Erbschäden führen können. Sie sind nach circa sechs Wochen "verschwunden". Da aber anzunehmen ist, dass die verstrahlten Menschen in Hiroshima und Nagasaki längere Zeit mit anderen Dingen als der Fortpflanzung beschäftigt waren, wurden die allermeisten Kinder später gezeugt. Damit war das Risiko von Erbschäden erheblich geringer geworden. So makaber es klingen mag - das Risiko, geschädigte Kinder infolge von Strahlung zu bekommen, ist recht hoch, aber nur in den ersten sechs Wochen. Das zu berücksichtigen, würde schon viel helfen.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko für Schwangere ein?

Das ist sehr hoch. Besonders während der Organausbildung im Mutterleib – der Organogenese – können schon 10 mSv, als 0,01 Sv, zu Schäden führen. Daher werden zum Beispiel Röntgenaufnahmen von Schwangeren nur in äußersten Notfällen vorgenommen.

Quelle: n-tv.de