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Freitag, 17. November 2017

Nackt, rau, überdimensional: Auguste Rodin lässt Körper sprechen

Von Katja Sembritzki

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Der in aller Welt berühmte "Denker", ... (Foto: imago/McPHOTO)

Der in aller Welt berühmte "Denker", ...

Der in aller Welt berühmte "Denker", ...

… "Johannes der Prediger" als überlebensgroßer Nackter …

… und ein Paar im "Kuss" vereint: ...

… Auguste Rodin verehrte den unbekleideten Körper und setzte mit dessen Darstellung Maßstäbe. ("Adam und Eva")

Seine Zeitgenossen reagierten auf die Werke des Franzosen, der am 17. November 1917 starb, höchst unterschiedlich - ...

... von Begeisterung bis Skandal war alles dabei. ("Fugit Amor")

Heute zählt Rodin zu den bedeutendsten Bildhauern und gilt als derjenige, der das Zeitalter der modernen Plastik und Skulptur einläutete.

So etablierte er das Halbfertige, das "non-finito", als eigenständige Stilrichtung, … ("Der Schrei")

… verlieh seinen Bronze- und Gipsstatuen bisweilen nicht die üblicherweise glatte, sondern eine raue Oberfläche … ("Balzac")

… und verstand es, die psychische Verfasstheit seiner Figuren durch die Körpersprache sichtbar zu machen.

Eines seiner Leitmotive: "Was man allgemein als Hässlichkeit bezeichnet, kann in der Kunst zu großer Schönheit werden". So orientiert sich "Der Mann mit der gebrochenen Nase", 1864 eines seiner ersten Werke, nicht mehr an den Schönheitsidealen der Akademiekunst.

Für die Skulptur hatte ihm ein Arbeiter des Pariser Pferdemarktes Modell gestanden. Viele Betrachter meinen aber auch, die Gesichtszüge seines großen Vorbildes Michelangelo (Gemälde von Daniele da Volterra, um 1544) zu erkennen, ...

… dessen Statuen ihm ebenso als Folie seiner Werke dienten wie … ("David")

… die hellenistische Kunst … ("Venus von Milo")

… aus dem antiken Griechenland. ("Laokoon-Gruppe")

Rodin, der am 12. November 1840 als Sohn eines Polizisten in Paris geboren wurde, ließ sich zum Steinmetz und Gießer ausbilden.

Die renommierte Pariser Kunsthochschule hatte ihn dreimal abgelehnt. ("Das ewige Idol")

Der Tod seiner Schwester stürzte den damals 22-jährigen Rodin in eine Krise und er trat einem Orden bei. ("Kleiner Kopf mit Stupsnase")

Doch dort erkannte man schnell das Talent des jungen Mannes und riet ihm zu einem weltlichen Leben als Künstler. ("Merkur")

Sein erstes vollfigürliches Werk, mit dem er 1876 bekannt wurde, war "Das eherne Zeitalter". Ausdruck und Haltung der überlebensgroßen Figur lassen viel Raum für Interpretation.

Rainer Maria Rilke, der später für knapp ein Jahr als Privatsekretär des inzwischen berühmten Rodin tätig war und viele Schriften über ihn verfasste, meinte, ...

... die Skulptur zeige "die langsame Rückkehr aus einem tiefen und schweren Schlaf, die von der noch traumbefangenen Geste dieses Jünglings beschworen wird".

Rilke war es auch, der Rodins Frauenfiguren ein "schleierleises Lächeln" nachsagte. ("Helene von Nostitz")

Als Rodins Hauptwerk gilt "Das Höllentor", das literarisch von Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" inspiriert ist. Von 1880 an arbeitete Rodin bis zu seinem Tod an der Bronzetür für das Kunstgewerbemuseum in Paris. Der erste Bronzeguss wurde erst posthum angefertigt.

Einige der mehr als 200 Figuren hat Rodin aus dem Tür-Kontext herausgelöst und zu eigenständigen Werken ausgearbeitet.

Das wohl berühmteste Beispiel ist der "Denker", …

… den es weltweit in über 20 Ausführungen gibt …

… und der immer wieder als beliebtes Motiv bei unterschiedlichen Aktionen eingesetzt wird.

Zu Rodins bekanntesten Werken zählen auch "Die Bürger von Calais". Die Statuengruppe entstand ab 1885 im Auftrag der französischen Hafenstadt und erinnert an die sechs Männer, die sich 1347 während der englischen Besatzung im Hundertjährigen Krieg freiwillig als Geiseln zur Verfügung stellten und nur knapp der Hinrichtung entgingen.

Das Werk revolutionierte die damals übliche Praxis der Präsentation: Rodin holte das Denkmal sprichwörtlich "vom Sockel", die Menschengruppe steht fast ebenerdig auf einer Fußplatte. Die Hierarchie zwischen Werk und Betrachter, der sich nun auf Augenhöhe befindet, wird auf diese Weise aufgehoben.

Außerdem brach Rodin mit der damals üblichen Frontalansicht. Das Denkmal kann, wie fast alle seine Werke, von allen Seiten gleichberechtigt betrachtet werden - und wirkt je nach Perspektive anders.

Innerhalb der Gruppe gestaltete Rodin jeden der sechs Männer mit einem ganz individuellen Ausdruck, der nichts mit Heroismus zu tun hat, sondern auf zeitlose Weise Leiden und Mut zeigt.

Rodin verstand es, Emotionen anhand des Körpers zu transportieren, wobei neben der Mimik immer auch die Hände …

… eine wichtige Rolle spielten. ("Der Denker")

Außerdem sind die meisten der von Rodin abgebildeten Körper in Bewegung. ("Die Kauernde")

Kein Wunder, dass er sich vor allem von Tänzern inspirieren ließ. Der russische Balletttänzer Vaslav Nijinsky stand für ihn Modell …

… und nach der US-amerikanischen Ausdruckstänzerin Isabella Duncan formte er seine "Iris", die wegen ihrer Freizügigkeit viel Aufsehen erregte.

Besonders angetan hatte es ihm Madame Hanako, von der er insgesamt 53 Masken anfertigte. Die japanische Tänzerin, die ganz Europa verzauberte, wurde für mehrere Jahre seine Muse.

Gleichzeitig unterhielt er eine Beziehung zu der walisischen Malerin Gwen John. (Selbstporträt)

Die bekannteste unter Rodins unzähligen Liebschaften ist Camille Claudel. ("Die Flehende" von Claudel)

Ab 1883 war die junge Bildhauerin zehn Jahre lang erst seine Schülerin, dann seine Mitarbeiterin und Geliebte. Vergeblich hoffte sie auf eine Heirat. Auch als sie von ihm schwanger wurde, stand er nicht zu ihr. 1893 trennte sie sich von dem 24 Jahre älteren Rodin und ließ das Kind abtreiben.

Während der ganzen Zeit immer an Rodins Seite: Rose Beuret, mit der er einen Sohn hatte. Im Januar 1917 heiratete Rodin seine langjährige Partnerin. Wenige Wochen später erlag sie einer Lungenentzündung.

Im November desselben Jahres starb auch der 76-jährige Rodin.

Er ist in seiner Villa in Meudon beigesetzt, in der er lebte, arbeitete und bildende Künstler, Musiker, Schriftsteller und Politiker empfing. Im dortigen "Musée Rodin" sowie in Museen in aller Welt kann man ...

... seine manchmal fast pathetisch wirkenden Figuren betrachten, ...

... in denen Rodin auf besondere Weise das Menschliche einfing.

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