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Freitag, 20. April 2018

Die lebenden Toten: Scheintod-Schau mit Herzstichmesser und Sicherheitssarg

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Die Ausstellung "Scheintot – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden" ... (Foto: Charité)

Die Ausstellung "Scheintot – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden" ...

Die Ausstellung "Scheintot – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden" ...

... im Medizinhistorischen Museum der Charite zeigt, ...

... wie Ärzte und Naturwissenschaftler die Grenze von Leben und Tod neu zu bestimmen versuchten. Hier ein Vorgeschmack auf die Ausstellung.

Herzstichmesser, um 1800: Die radikalste Maßnahme, um den Tod sicherzustellen, ist der Stich ins Herz. Ärzte sollten bei Todesfeststellung den finalen Herzstich vollziehen und damit jeden Zweifel ausräumen.

Johann Gottfried Taberger entwickelte 1829 sein vielbeachtetes System der Sicherheitsröhren. Eine Röhre wurde am Kopfende des Sarges verschraubt. An Kopf, Hände und Füße des scheinbar Toten wurden Schnüre geknotet, die mit einer Glocke am oberen Ende der Röhre verbunden waren. Die geringste Bewegung löste diese Glocke aus. Gleichzeitig versorgte die Röhre den im Grab Erwachten mit frischer Luft und sicherte so sein Überleben.

Auf die zweite Röhre am Fußende konnte der Totenwächter einen Blasebalg ansetzen, der bis zur Rettung des fälschlich Begrabenen für Luftzirkulation innerhalb des Sarges sorgte. Taberger hoffte, die wiederverwendbaren Sicherheitsröhren würden zur Standardausstattung eines jeden Totengräbers. (Modell eines Sicherheitssargs, Kassel, 1884, nach einem Entwurf von Theodor Scheld.)

Der Pastor Benjamin Georg Peßler entwickelt 1798 seinen "Leicht anwendbaren Beystand der Mechanik, um Scheintodte beym Erwachen im Grabe auf die wohlfeinste Art wieder daraus zu erretten". Peßler schlug vor, an jeden Sarg eine Röhre anzubringen, durch die ein Seil den Leichnam mit einem Rettungswecker verbindet, der bei Auslösen umgehend gegen die Kirchenglocke schlägt.

Hufeland kritisierte diese Idee scharf: "Nur Ein oder ein Paarmal darf ein starker Windstoß, oder eine gegen die Kette stoßende Nachteule, oder gar eine muthwillige Hand, den Wecker abdrücken, und das Dorf vielleicht um Mitternacht, vielleicht bey übler Witterung, spukhaft und furchtlos beunruhigen: so wird die ganze wohlthätige Absicht verfehlt und die Sache selbst gewinnt Anstrich des Lächerlichen." (Bild: Funktion und Legende eines Rettungsweckers)

Giovanni Aldini (1762-1834) war ein Neffe von Luigi Galvani und Anhänger des Galvanismus. Auch er glaubte an die Existenz der tierischen Elektrizität. Aldini wollte diese Kraft nicht nur in Tierkörpern nachweisen, ...

... sondern weitete seine Versuche auf Enthauptete aus. Die gerade Getöteten hatten, so war Aldini überzeugt, noch ein hohes Maß an Lebenskraft im Körper. In seinen Versuchen an dem erhängten Verbrecher Thomas Forster ging Aldini 1803 noch einen Schritt weiter: Äußerlich war der Körper des Doppelmörders unversehrt und Aldini betrachtete ihn als einen Scheintoten. Die äußerliche Reizung durch Elektrizität sollte diesen nun wiederbeleben. Es gelang nicht.

Der Lebensprüfer oder Anwendung des Galvanodesmos von Christian A. Struve, Hannover 1805.

Christian H. Eisenbrandt ließ 1843 den ersten Sicherheitssarg in den USA patentieren. Sein "Lebenserhaltender Sarg für zweifelhafte Todesfälle" setzte auf ein ausgeklügeltes System aus einer gefederten Klinke, die über Stäbe mit dem Finger des Toten verbunden war. Bewegte sich der Wiedererwachte, öffnete sich unverzüglich der Sargdeckel. Die runde Öffnung am Kopfende war mit einem perforierten Blech verschlossen, durch das permanent Luft in den Sarg eindringen konnte.

Eine der bekanntesten Scheintoten ist "Schneewittchen" aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm. Prinzessin Schneewittchen wird von ihrer Stiefmutter um ihre Schönheit beneidet. Die Königin vergiftet Schneewittchen mit einem Apfel; die wird daraufhin von den sieben Zwergen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt. Beim Transport gibt es eine Erschütterung, wobei sich der im Hals steckende vergiftete Apfel löst und Schneewittchen wieder erwacht.

Anatomisches Gehirnmodell eines Menschen: Das Gehirn ist das Denk‐, Empfindungs‐ und Kontrollzentrum des menschlichen Körpers. Das Großhirn besteht aus einer rechten und einer linken Hälfte. Nach außen hin wird jede Gehirnhälfte durch die Großhirnrinde, die "graue Substanz", eingefasst. Innen lagert das Großhirnmark, die "weiße Substanz". Das Großhirn umschließt das Zwischenhirn, an das sich Mittel‐ und Rautenhirn anschließen. Das Kleinhirn sitzt auf dem Rautenhirn.

Wenn das gesamte Gehirn in allen genannten Teilen ausgefallen und dieser Zustand als unumkehrbar nachgewiesen ist, spricht die Medizin vom "irreversiblen Hirnfunktionsausfall". Diese Festlegung auf einen eingetretenen "Hirntod" ist ein gesetzlich vorgeschriebenes Instrument der Intensivmedizin, um den Tod zweifelsfrei festzustellen.

Christoph Wilhelm Hufeland (1762‐1836) war einer der bedeutendsten Ärzte des 19. Jahrhunderts. Er erlangte insbesondere durch sein Werk Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern (1796) Bekanntheit. Darin propagierte er seine Lehre von der "Makrobiotik". Sie umfasst Regeln, die auf eine gesundheitsförderliche Lebensführung abzielen. Zeitlebens war Hufeland ein prominenter Wortführer in der Scheintod‐Debatte. Seit 1794 wurden in Berlin, wie von ihm empfohlen, Leichenhäuser eingerichtet.

Hufelands Schrift "Ueber die Ungewißheit des Todes …" erschien bereits 1790 als Aufsatz in der Weimarer Zeitschrift "Der neue Teutsche Merkur". Ein Jahr später publizierte Hufeland seine Gedanken noch einmal, ergänzt um Entwürfe für den Bau und die Funktionsweise des Leichenhauses in Weimar. Nach Bruhiers Arbeit wurde dieses Werk die einflussreichste Publikation und gilt als Standardwerk der Scheintodtheorie.

Die Ausstellung im Medizinhistorischen Museum der Charité in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs (rechts) läuft bis zum 18. November 2018. (abe)

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