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Während wir früher stets auf eine Landschaft im Iran blickten, schauen wir heute meist auf eine Landschaft in Iran.
Während wir früher stets auf eine Landschaft im Iran blickten, schauen wir heute meist auf eine Landschaft in Iran.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Dienstag, 02. Februar 2010

Frage & Antwort, Nr. 104: Ist es 'der Iran' oder einfach 'Iran'?

Von Andrea Schorsch

Wie ist das eigentlich mit dem Iran? Oder mit Iran. War es falsch, wenn wir früher durchweg von "dem Iran" gesprochen haben? Können wir nun auch bei Irak, Jemen und Sudan auf den Artikel verzichten? Wie wurde überhaupt festgelegt, welche Länder bei uns feminin, welche maskulin und welche weder das eine noch das andere sind? (fragt Sigmar P. aus Sindelfingen)

Dass unser Leser verwirrt ist, wenn es um Iran geht - oder um den Iran? - ist kein Wunder. Nicht einmal die beiden führenden deutschen Wörterbücher stimmen in diesem Punkt überein. Während der Duden darauf hinweist, dass sich Iran auch mit Artikel verwenden lässt, sagt der Wahrig, Iran könne auch ohne Artikel genannt werden. Da ist guter Rat teuer…

Dr. phil. Cornelius Sommer war als Professor für deutsche Literatur an der University of California tätig, danach 35 Jahre lang im deutschen diplomatischen Dienst, zuletzt als Beauftragter für Asienpolitik, als Generalkonsul in Kaliningrad (Königsberg) und zuvor als deutscher Botschafter in Finnland.
Dr. phil. Cornelius Sommer war als Professor für deutsche Literatur an der University of California tätig, danach 35 Jahre lang im deutschen diplomatischen Dienst, zuletzt als Beauftragter für Asienpolitik, als Generalkonsul in Kaliningrad (Königsberg) und zuvor als deutscher Botschafter in Finnland.(Foto: Stiftung deutsche Sprache)

Wir haben beim Haus der deutschen Sprache in Berlin nachgefragt. Dr. Cornelius Sommer steht dort Rede und Antwort, wenn es um die Feinheiten der deutschen Sprache geht. Auch unsere Frage konnte er sofort klären. "Von richtig oder falsch kann man kaum noch sprechen", sagt Sommer zur unterschiedlichen Handhabung des Artikeleinsatzes bei Iran. "Wer aber ganz korrekt sein will, sollte sich am Gebrauch in den Landessprachen orientieren", so der Rat des Experten. Und das Ergebnis ist dann, wie er ausführt, folgendes: "In Farsi, also der persischen Amtssprache, heißt Iran einfach so, also Iran ohne Artikel." Ganz korrekt müssten wir also sagen: Ich kenne Iran.

So weit, so gut. Das gilt dann wohl auch für den Irak, oder? "Da die beiden Ländernamen so ähnlich sind, behandeln die Deutschen sie oft kurzerhand gleich", sagt Sommer. "Doch im Arabischen hat Irak tatsächlich immer den (für alle Geschlechter gleichen) Artikel 'al': al irak." Deswegen kennen wir also Iran, reisen aber in den Irak. Eine Einheitslösung gibt es für die orientalischen Länder eben nicht. Doch wie Sommer erwähnt, sagt man bei uns "ziemlich einheitlich (und richtig) der Sudan: al sudan. Und auch beim Jemen (al jemenia) ist der Artikel im Deutschen üblich und von der Landessprache her korrekt."

Die Mongolei. Zumindest in der deutschen Sprache ist sie gar nicht so weit von der Slowakei entfernt. Und auch mit Brasilien ist sie quasi verwandt.
Die Mongolei. Zumindest in der deutschen Sprache ist sie gar nicht so weit von der Slowakei entfernt. Und auch mit Brasilien ist sie quasi verwandt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bei vielen anderen Ländernamen im Deutschen entwickelte sich der Gebrauch der Artikel im Lauf der Jahrhunderte nach heute kaum noch feststellbaren Kriterien. Wieso wir die Mongolei, die Slowakei, die Mandschurei und früher auch die Tschechei stets mit dem weiblichen Artikel versehen, kann Sommer jedoch erklären: Die Endung –ei geht auf die spät-lateinische Endung –ia zurück. Letztere wurde germanisiert. " Wo aber diese Endung -ia als -ien eingedeutscht wurde", betont Sommer, "gebrauchen wir keinen Artikel." Deswegen sprechen wir also ganz einfach von Brasilien, Indien, Spanien, Argentinien, Rumänien, Indonesien usw. "Deutlich wird dieser Ablauf bei unserem Nachbarland", veranschaulicht der Experte. "Als man noch Tschechei sagte, tat man es zusammen mit dem Artikel 'die': Wir fahren in die Tschechei. Jetzt, da es Tschechien heißt, gebrauchen wir den Artikel nicht mehr: Wir fahren nach Tschechien."

Die "Schweizerische Eidgenossenschaft" hat ihren Artikel an "die Schweiz" weitergegeben.
Die "Schweizerische Eidgenossenschaft" hat ihren Artikel an "die Schweiz" weitergegeben.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wie verhält es sich denn mit der Schweiz? Wie ist sie zu ihrem weiblichen Artikel gekommen? Sommer weiß Bescheid: "Der Name geht zurück auf einen der drei Ur-Kantone, die sich im Mittelalter zusammenschlossen: Uri, Schwyz und Unterwalden. Soviel wir heute wissen, wurde Schwyz ohne Artikel gebraucht. Später wurde als offizieller Name des (inzwischen größeren) Staates die "Schweizerische Eidgenossenschaft" eingeführt. Offenbar ist das 'die' von dort her dann auch auf die inoffizielle Kurzform 'die Schweiz' übergegangen. Übrigens sagen die Franzosen und die Westschweizer 'la Suisse'."

Und dann sind da noch, wie Sommer ergänzt, die Ländernamen für einige Viel-Inselstaaten, wie etwa die Philippinen, Marianen und Malediven. "Die haben alle den Pluralartikel 'die'."

Einmal analysiert, klingt der deutsche Sprachgebrauch ganz schön kompliziert. "Am besten haben es die Sprecher slawischer Sprachen und auch die Finnen", sagt Sommer. "Die kennen überhaupt keine Artikel und damit auch unser kleines Problem mit den Ländernamen nicht."

Quelle: n-tv.de