Frage & Antwort

Frage & Antwort Macht Buddhismus glücklich?

buddha.jpg

Ein lächelnder Buddha in der Tempelanlage Wat Phra Ram im Norden Thailands.

(Foto: imago stock&people)

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es immer mehr Leute, die meditieren, sich in "Achtsamkeit" und "Loslassen" üben und den Buddhismus für sich entdecken. Wenn ich frage, warum sie das machen, ist die Antwort immer ziemlich ähnlich: Sie wollen gelassener werden und glücklicher. Ist Buddhismus da wirklich ein Patentrezept? (fragt Regine T. aus Dresden)

Diese Frage geben wir an Tobias Esch weiter. Er gehört zu Deutschlands "Glücksforschern". Esch ist Neurowissenschaftler, aber auch Arzt, und hat somit viel mit Menschen zu tun. Außerdem ist er Autor des Buches "Die Neurobiologie des Glücks", in welchem er Glücksgefühle und ihre Entstehung medizinisch unter die Lupe nimmt. Meditation und buddhistische Werte - neben Achtsamkeit und Loslassen sind das zum Beispiel auch Mitgefühl und Dankbarkeit - spielen für das eigene Glücksempfinden tatsächlich eine große Rolle. Das ist Eschs Buch schnell zu entnehmen. Und dennoch stellt der Wissenschaftler auf unsere Leserfrage zunächst einmal klar: "Selbstverständlich kann der Buddhismus glücklich machen, aber eben auch unglücklich. Es kommt dabei auf das 'wie' und das 'wofür' und die eigene Gesinnung an. Es gibt Unternehmer, die sich dem Zen-Buddhismus widmen, um bei harten Entscheidungen weniger gefühlsduselig zu sein. Das Instrument selbst sagt also noch nicht automatisch etwas über den Nutzer und das gespielte Stück aus."

Drei verschiedene Glückszustände

Wie Esch uns erklärt, unterscheidet die Forschung drei verschiedene Formen oder Zustände des Glücks: Da ist zum einen das eher jugendliche Glück, das mit kürzeren Hochmomenten, mit Lust und Befriedigung einhergeht, mit dem Wachsen, dem Wollen - und Bekommen. Bei diesem Glücksgefühl geht es um das "Ich". Ganz anders bei dem zweiten Glückszustand: Er ist mit großer Erleichterung verbunden. "Dieses Glück stellt sich ein, wenn Stress nachlässt oder eine unglückliche, schwere Situation bewältigt ist", sagt der Mediziner. Und dann ist schließlich die dritte Form des Glücks zu nennen, Esch beschreibt sie als Königsdisziplin: "Hier geht es um eine dezentere, aber anhaltendere Zufriedenheit", erläutert er. "Nicht um die Lust und das Wollen, sondern um das Sein und vor allem um Verbundenheit. Nicht das 'Ich' steht hier im Vordergrund, sondern das 'Wir'."

Fürsorge macht glücklich

Dalai Lama.jpg

Für den Dalai Lama ist Glück eine tiefe, innere Zufriedenheit, die viel mit der mentalen Einstellung zu tun hat.

(Foto: imago stock&people)

Wie der Forscher weiß, spielt sich diese dritte Form von Glück vornehmlich im Fürsorge-System des Gehirns ab; von dort kann es sich als wohliges Gefühl über den ganzen Körper ausbreiten. Es ist diese Glückskategorie, die sich gut mit buddhistischen Werten in Verbindung bringen lässt. Denn Mitgefühl, altruistisches Verhalten und Dankbarkeit stärken dieses Glück. Sie machen zufrieden, sie fördern das Wir-Gefühl und vermitteln Verbundenheit. Auch das von unserer Leserin angesprochene Loslassen trägt zu dieser Form des Glücks bei.

Wie Letzteres sein kann, erklärt Esch folgendermaßen: "Das wird besonders deutlich, wenn man an Vergebungsrituale denkt - die sich übrigens nicht nur im Buddhismus, sondern in fast allen Religionen und Kulturen finden." So verbreitet Vergebungsrituale auch sein mögen, so schwer fällt häufig ihre Umsetzung. Dabei geht es, wie der Wissenschaftler betont, bei der Vergebung gar nicht darum, "Unrecht wegzuwischen, es zu relativieren, zu erklären oder zu entschuldigen". Vielmehr bedeute Vergebung, erlittenem Unrecht oder einem Täter nicht die Macht einzuräumen, dass man sich selbst nur noch als Opfer definiert und dadurch anhaltend ohnmächtig und hilflos wird. "Vergebung als Technik, so wie sie der Buddhismus lehrt, aber auch die 'Positive Psychologie' oder die 'Mind-Body-Medizin', helfen uns, uns vom Unrecht oder einer schwierigen Situation zu emanzipieren und zu distanzieren", sagt Esch. "Und das kann nicht nur glücklich machen, sondern ist sogar gesund!" Darauf legt er als Arzt natürlich besonderen Wert.

Die Ruhe im Hier und Jetzt

Auch Loslassen also kann zu anhaltender Zufriedenheit und, so widersinnig das klingen mag, zu einem Gefühl der Verbundenheit führen. Was nun aber haben Meditation und Achtsamkeit mit diesem Wir-Gefühl zu tun? Inwiefern tragen auch sie zum Glücksempfinden bei?

Wer meditiert, wer achtsam ist, auch anderen Menschen gegenüber, der stimmt sich ein. "Es beginnt mit dem Kontakt zu sich selbst", sagt Esch. "Wann hatte ich das letzte Mal eine Verabredung mit mir selbst? Wann habe ich zuletzt 'innere Einkehr' gehalten? Kann ich mich selbst spüren, so wie es jetzt gerade ist? Man muss wirklich im Moment anwesend sein, wenn man wahrnehmen will, was da im Taschenlampenkegel des Bewusstseins auftaucht, vielleicht auch nur kurz vorbeihuscht. Stress, Angst und Alarm dagegen können wir uns alle vorstellen, wir können es erwarten, ergrübeln und damit hadern. Dann springen die Gedanken von der Zukunft zur Vergangenheit und zurück, ständig hin und her. Aber der Buddhismus lehrt die Erfahrung im Jetzt."

Im Augenblick präsent zu sein, sich in Ruhe anzuschauen, was ist, und es nicht zu bewerten, ist nicht einfach. Wenn es gelingt, wird, wie Esch es formuliert, "die Wahrnehmung voller und gewissermaßen auch authentischer." Und siehe da: "Die Erfahrung im Jetzt, mit einer Haltung der Akzeptanz und dem bewussten Kontakt mit uns selbst und den Menschen um uns herum - das allein kann schon glücklich machen. Denn im Hier und Jetzt sind die meisten von uns, anders als unter dem Einfluss umherwandernder Gedanken, gar nicht so gestresst. Wir haben dann gar keinen realen Grund dafür. Anders als der Stress es uns glauben machen möchte, sind wir nicht wirklich an Leib und Leben bedroht."

Kontrolle durch Aufmerksamkeit

Meditation, Achtsamkeit, Einstimmung auf sich selbst, auf andere und auf den Moment: Stets geht es darum, mit der Aufmerksamkeit bei einer Sache zu bleiben – ganz bewusst und fokussiert. Genau das trainiert der Buddhismus, und es kann, wie Esch erzählt, zu 'innerem Frieden' führen, zu einem Zustand, in dem man tatsächlich wunschlos glücklich ist. Als wäre das noch nicht genug, gibt es manchmal sogar noch einen Bonus: "Mitunter", so der Forscher, "erlebt der Praktizierende in diesem Zustand zusätzlich ein Gefühl der inneren Kontrolle - und zwar ganz unabhängig davon, welcher Sturm da draußen gerade tobt!"

Übrigens: Vor einigen Jahren hat der buddhistische Mönch Matthieu Ricard an wissenschaftlichen Studien zur Meditation teilgenommen. Dass Ricard die Fähigkeit zu Fokussierung, Altruismus und Mitgefühl durch jahrzehntelanges Training zur Perfektion gebracht hat, konnten die Forscher nachweisen. Sie zeichneten die Gehirnströme des Mönchs auf und schauten sich die unterschiedlichen Aktivitäten seiner Hirnregionen im MRT an. Auf diesem Weg ließ sich auch etwas anderes messen: Ricards Glücksempfinden. Es sprengte jeden Rahmen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema