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Fast acht Jahre steht Oliver Kahn inzwischen als Nummer eins im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Drei große Turniere hat er schon für Deutschland bestritten, die Europameisterschaften 2000 in den Niederlanden und Belgien ...
... und 2004 in Portugal ...
... sowie die Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea.
Dort schwang er sich trotz seines entscheidenden Fehlers im Finale zum Fußball-Helden auf ...
... und wurde als bester Spieler des Turniers geehrt.
Für den Besten hält sich Olli Kahn noch immer und wenn es nach ihm ...
... und seiner mächtigen Lobby geht, ...
... wird er auch bei der Weltmeisterschaft 2006 das deutsche Tor hüten.
Schließlich findet das WM-Eröffnungsspiel in München statt. Und Olli ist doch immer noch der beste Torwart, zumindest in Deutschland. Oder etwa nicht?
Bislang gab es kaum Zweifel daran, dass Kahn bei der Heim-WM im Kasten stehen würde.
Denn als Jürgen Klinsmann nach seinem Amtsantritt 2004 das Konkurrenzprinzip in der DFB-Elf einführte und kurzerhand erklärte, ...
... es werde auch um die Torhüterposition einen Wettkampf zwischen Oliver Kahn und Herausforderer Jens Lehmann geben, ...
... hielten das viele bestenfalls für eine gewiefte Klinsi-Maßnahme. Auf dem Weg zum WM-Titel ...
...sollte der zeitweise schwächelnde und anderweitig beschäftigte Torwart-"Titan" wieder zu alten Höchstleistungen motiviert werden.
Diese waren seit Kahns schwerem Fehler im WM Finale 2002, als er einen Rivaldo-Schuss vor die Füße von Ronaldo abprallen ließ ...
... der daraufhin das 1:0 erzielte und die deutsche Finalniederlage einleitete, ausgeblieben.
Hatte Kahn vorher gern auch mal unhaltbare Bälle rausgefischt und ...
... wie in Japan und Südkorea mit unglaublichen Paraden Spiele fast im Alleingang gewonnen, ...
... fiel er nach der WM 2002 immer öfter durch Patzer auf.
In der Champions League 2003/2004 ließ er im Achtelfinale gegen Real Madrid einen an sich harmlosen Freistoß von Roberto Carlos ins Tor rutschen ...
... und leitete so das frühe Aus im Achtelfinale der Königsklasse ein.
Nur wenige Wochen später ebnete Kahn Werder Bremen im entscheidenden Spiel um die deutsche Meisterschaft mit einem Anfängerfehler den Weg zum Titel.
Doch angetrieben vom Druck durch Herausforderer Jens Lehmann, aber vor allem vom wieder unbändigen eigenen Ehrgeiz spielte Kahn ...
... einen überzeugenden Confederations-Cup ...
... und wusste die Öffentlichkeit wieder hinter sich.
Auch in der Bundesliga stabilisierten sich die Leistungen des dreimaligen Welttorhüters (1999, 2001, 2002) und mehrmaligen besten europäischen Torwarts (2000-2002) wieder.
Hatte ihn der "kicker" im Winter 2004 noch degradiert und erstmals seit 1992 ...
... wieder in die Kategorie Blickfeld zurückgestuft ...
... führte Kahn die Torhüter-Rangliste des Fachblattes im Winter 2005 wieder an.
Klinsmanns heftig kritisiertes Umstoßen des urdeutschen "Der Torhüter muss gestärkt werden"-Prinzips schien ...
... sich tatsächlich auf die Leistungen der Nationalkeeper auszuwirken, ...
... und zwar unerwartet positiv. Kahn strahlte plötzlich wieder jene Selbstsicherheit aus, die ihn weltweit zum Schrecken der Stürmer machte.
Deshalb schien es bis vor kurzem keine Diskussionen zu geben, wer bei der WM im Tor stehen wird.
Umso unerklärlicher sind die zum Teil haarsträubenden Fehler, die sich der Bayern-Keeper in den letzten Wochen geleistet hat.
Erst ließ sich Kahn im Spitzenspiel gegen den HSV vom Hamburger Defensiv-Allrounder Demel mit einem frechen Schuss aus spitzem Winkel übertöpeln.
Dann schätze er im Länderspiel gegen die USA vor dem Gegentor einen verunglückten 60-Meter-Pass falsch ein und ließ ihn ins Tor trudeln.
Und schließlich folgten zwei eklatante Fehler gegen Schlusslicht 1. FC Köln, als Kahn eine Flanke unterlief ...
... und einen harmlosen 20-Meter-Schuss passieren ließ und dabei einfach nur schlecht aussah.
Inzwischen scheint es nicht nur fraglich, ob Kahn bei der WM im deutschen Tor stehen wird. Die Frage lautet nun, ob er im Tor stehen darf.
Denn obwohl sich die Bayern-Verantwortlichen nach dem Köln-Spiel hinter ihren zunehmend ratloser wirkenden Torhüter stellen und Klinsmann die Schuld zuschieben, ...
... und obwohl Oliver Kahn selbst gebetsmühlenartig betont, er habe in den letzten Wochen nur "einen, ich betone einen Fehler" gemacht ...
... und er außerdem das absolute Vertrauen von Jürgen Klinsmann habe ...
... scheint klar: Oliver Kahn hat den Zenit seiner Leistungsfähigkeit überschritten.
Denn zu den Fehlern der letzten Wochen kommen Unsicherheiten, etwa gegen Schalke, und auch offensichtliche Fehleinschätzungen seiner eigenen Leistungsfähigkeit.
So musste er sich in den beiden letzten Bundesliga-Spielen wegen Verletzungen auswechseln lassen, die schon vor dem Anpfiff bekannt waren.
Kahn wollte es erzwingen, ...
... und lag daneben. Wieder einmal.
Als er gegen Köln nach 45 Minuten seinen Platz im Tor für den jungen Michael Rensing räumte, lachte das Publikum - vor Erleichterung?
Kaum vorstellbar, dass Kahn noch den Vorzug gegenüber Lehmann erhalten kann im Kampf um die Nummer eins.
Kahns Schwächephase scheint nicht nur nur eine vorübergehende zu sein, sondern logische Folge seiner lange Zeit erfolgreichen, ...
... inzwischen aber vor allem im Vergleich zur Spielweise von Jens Lehmann überholt erscheinenden Interpretation der Torhüterrolle. Nicht nur, dass der Arsenal-Keeper als der bessere Fußballer gilt.
Lehmann spricht auch mit seinen in Verein und DFB-Elf jungen Vorderleuten, was angesichts der unerfahrenen deutschen Abwehr wichtiger denn je ist.
Kahn schreit lieber.
Und wenn das nicht hilft, schreit er noch ein bisschen mehr.
Während Lehmann 90 Minuten mitspielen möchte, den gesamten Strafraum als sein Arbeitsgebiet betrachtet und Ecken auch mal an der Strafraumgrenze abfängt, ...
... scheint sich Oliver Kahn beim Herauslaufen zunehmend unwohler zu fühlen - und verharrt deshalb lieber im Fünf-Meter-Raum.
Eine Taktik, die lange aufging, schließlich sieht der Torwart auf der Linie gut aus, weil dann die Paraden spektakulär und Gegentore als unhaltbar erscheinen.
Doch während Lehmann in der Champions League vier Mal in Folge zu Null spielte, kassierte Kahn gegen Milan vier Gegentore. Bei dreien stand er auf der Torlinie.
Mit bald 37 Jahren ist Kahn noch immer ein guter, aber nicht mehr der beste Torhüter in Deutschland.
Dass er in der Bundesliga die wenigsten Gegentore kassiert hat, liegt auch an der exzellenten Abwehr vor ihm.
Selbst im Verein ist Olli nur noch unumstritten, weil Uli Hoeneß Kahns Vertrag bis 2008 verlängerte und damit noch den Einsatz des 21-jährigen Michael Rensing verhindert. Dessen 2007 auslaufenden Vertrag möchten die Bayern nun verlängern.
Doch der vermeintliche Sündenbock für Kahns Leistungsabfall, Jürgen Klinsmann, ...
... hat in der Torhüter-Frage alles richtig gemacht. Auch dass er Kahn jetzt die Treue hält und ihn nicht fallen lässt, zeugt von Vernunft.
Schließlich braucht Deutschland bei der WM auch eine gute und souveräne Nummer zwei.
Dass es für mehr nicht reichen wird, sollte auch Olli Kahn einsehen. In einem "kicker"-Interview tat er dies schon, freilich unbewusst: "Wenn ich meine Leistung bringe, bin und bleibe ich die Nummer eins." Eben, wenn.
Im Moment hält nur Jens Lehmann ab und an mal einen unhaltbaren Ball - und das, was sich Deutschland von einer Nummer eins im Nationaltrikot verspricht. (alle Bilder dpa)
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