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Wutnickel, Macher, Menschenfreund: "Mr. FC Bayern" wird Präsident

 
Wutnickel, Macher, Menschenfreund: "Mr. FC Bayern" wird Präsident

Gerade erst hat Uli Hoeneß einen Bambi erhalten, in der Kategorie Wirtschaft.

Natürlich in der Kategorie Wirtschaft, möchte man sagen: 30 Jahre lang war Hoeneß Manager des FC Bayern.

Unter seiner Regie entwickelt sich der Club, der 1979 mit Schulden und nur zwölf Millionen Mark Umsatz dastand, zum deutschen Rekordmeister, …

… Rekordpokalsieger …

… und Branchenkrösus mit aktuellen Jahreserlösen von rund 300 Millionen Euro.

"Die sportliche Situation ist eine Wochen- und Monatsbeobachtung, möglicherweise auch eine Jahresbeobachtung. Während eine grundsätzliche wirtschaftliche Verbesserung nicht in ein, zwei Jahren möglich ist. Die ist in 30 Jahren geschaffen worden und auf die bin ich besonders stolz."

Auf der Hauptversammlung des FC Bayern hat sich Hoeneß nun zum Präsidenten des Fußball-Rekordmeisters befördern lassen, seine Karriere als Bayern-Manager endet damit nach drei Jahrzehnten.

Kurz zuvor hat der Metzger-Sohn aus Ulm für seinen FC Bayern, ...

... für den er "zur Not sogar ein halbes Jahr den Platzwart machen" würde, ...

… noch den Sponsoren-Vertrag mit der Telekom verlängert und die millionenschwere Beteiligung von Audi unter Dach und Fach gebracht.

Danach gefragt, ob er ein Buch über sein Leben mit dem FC Bayern schreiben werde, antwortete Hoeneß: "Eine Biografie? Von mir? Nein. Never ever! Wenn ich die Wahrheit über das, was ich alles erlebt habe, schreiben würde, müsste man etwa zehn Bände machen - und ich müsste nach der Veröffentlichung nach Australien auswandern."

Zu erzählen hätte Hoeneß eine Menge, wie der Rückblick auf zentrale Stationen seiner Fußball-Laufbahn zeigt.

1976: Im Endspiel der Europameisterschaft gegen die CSSR wird Hoeneß zur tragischen Figur. Im Elfmeterschießen schießt er seinen Ball in den Belgrader Nachthimmel statt ins Tor, Deutschland verliert.

Der Ball geht soweit drüber, dass Hoeneß später im Scherz vermutet, er sei erst Jahre später bei den Aufräumarbeiten nach dem Balkan-Krieg wieder gefunden worden.

1979: Im Alter von nur 27 Jahren muss Hoeneß seine Karriere als Fußballer beenden.

Grund sind chronische Kniebeschwerden. Unerfolgreich endet Hoeneß' kurze Spielerlaufbahn, in der er als Mittelfeldspieler und Außenstürmer eingesetzt wird, trotz des Missgeschicks 1976 keineswegs.

Hoeneß wird als Spieler Europameister (1972), Weltmeister (1974), gewinnt dreimal den Landesmeisterpokal (1974-76), ...

... drei Meisterschaften sowie je einmal den DFB-Pokal und den Weltpokal.

Sein neuer Job als Manager hat es allerdings in sich: Beim verschuldeten FC Bayern wird er als Nachfolger von Robert Schwan zum jüngsten Manager der Bundesliga, nachdem er dem Club noch als Spieler kurz zuvor den ersten Trikotsponsor der Vereinsgeschichte organisiert hat.

"Den Vertrag mit Magirus habe ich im Franziskaner an der Oper auf einem Bierdeckel abgeschlossen. Dafür hab' ich vom Verein eine Provision gekriegt", erinnert sich Hoeneß im SZ-Magazin. Zu seiner Anfangszeit als Manager sagt er: "Ich habe mich um jeden Scheiß gekümmert, Abfahrtszeiten, Busunternehmen, Trikots, zur Not habe ich den Spielern die Stollen reingeschraubt."

1982: Gemeinsam mit drei Freunden ist er auf dem Weg von München nach Hannover zu einem Länderspiel gegen Portugal. Kurz vor der Landung stürzt das zweimotorige Propellerflugzeug im Heitlinger Moor ab. Eine Stunde später findet ein Förster Hoeneß, der unter Schock stehend und blutüberströmt durch den Wald läuft. Er ist der einzige Überlebende - und hat bis heute keine Erinnerungen an das Unglück.

1983: Parallel zu seinem immer erfolgreicheren Engagement bei den Bayern gründet Hoeneß in Nürnberg mit den "HoWe Wurstwaren" eine eigene Fabrik, später übernimmt sein Sohn die Geschäfte. Die Unabhängigkeit, beteuert er, sei ihm wichtig.

Bei den Bayern läuft es von Jahr zu Jahr erfolgreicher: wirtschaftlich sowieso, aber auch sportlich ist der Club auf dem aufsteigenden Ast.

Hoeneß etabliert den Verein als Weltmarke, auch wenn der große Erfolg im Landesmeisterpokal nicht glücken mag.

1989: Fußballtrainer Christoph Daum beleidigt Bayern-Trainer Jupp Heynckes als "Schlaftablette".

Hoeneß poltert zurück, er verteidigt seinen Freund. Im ZDF bekommen sich Daum und Hoeneß vor laufender Kamera fast in die Haare. Es wird nicht das letzte verbale Gefecht zwischen den beiden bleiben.

1993: Ständiger Kontrahent ist auch Bremens Manager Willi Lemke. Beide machen aus ihrer gegenseitigen Antipathie keinen Hehl.

Hoeneß wird bekannt unter der "Abteilung Attacke". Er macht anderswo auch Baustellen auf, damit sein Team in Ruhe arbeiten kann. Schon 1988 hatte Hoeneß bekannt: "Ich stelle mich gerne als Buhmann hin, damit etwas in Gang kommt."

1999: Hoeneß wird zum "Unternehmer des Jahres" gekürt.

In den Folgejahren hagelt es weitere Auszeichnungen: Bayerischer Verdienstorden (2002), Bayerischer Sportpreis (2006), Goldene Sportpyramide (2009), zuletzt den Bambi.

2000: Hoeneß äußert sich vielsagend in der Kokain-Affäre um Daum und verhindert letztlich, dass dieser wie geplant Bundestrainer wird.

Den Job als Nationaltrainer bekommt Rudi Völler. Hoeneß bekommt Hassbriefe, wird zum Feindbild. Daums freiwillige Haaranalyse bestätigt aber die Vorwürfe.

"Wenn Christoph Daum nicht so bescheuert gewesen wäre, eine Haarprobe zu machen, hätte ich dieses Spiel nie gewinnen können. Stellen sie sich vor, er hätte die Probe nicht gemacht. Ich weiß nicht, was mit mir passiert wäre", sagt er später.

2001: Hoeneß feiert seine größten Siege als Manager: In Mailand gewinnen die Bayern gegen den FC Valencia die Champions League ...

… und überwinden damit das Finaltrauma von Barcelona. Dort hatten die Bayern zwei Jahre zuvor den scheinbar sicheren CL-Triumph durch zwei Last-Minute-Tore von Manchester United noch aus der Hand gegeben.

25 Jahre nach dem letzten Erfolg im damaligen Landesmeistercup, an dem Hoeneß noch aktiv mitgewirkt hatte, sind die Bayern wieder das beste Team Europas. Der folgende Gewinn des Weltpokals ist nur das I-Tüpfelchen.

Insgesamt gewinnt der FC Bayern in Hoeneß' 30-jähriger Amtszeit 37 Titel: 16 Meisterschaften, ...

... neun Mal den DFB-Pokal, sechs Mal die Ligapokal, dreimal den Supercup, ...

... und je einmal Champions League, Weltpokal ...

... und den UEFA-Cup, 1996 gegen Girondins Bordeaux.

Erfolge, von denen sein ebenfalls als Bundesliga-Manager tätiger Bruder Dieter nur träumen kann.

193 Spieler tragen in der Hoeneß-Ägide das Bayern-Trikot, hat der "Kicker" nachgezählt.

Auf der Bank erlebte Hoeneß als Manager 13 verschiedene Übungsleiter. Zuletzt verließ ihn bei der Wahl des Trainers jedoch das Fortune.

2008: Hoeneß & Co. verpflichten Jürgen Klinsmann als neuen Trainer und überraschen damit Fans wie Medien.

Die Verpflichtung ist ein Fehler, ein Irrtum.

Gut ein Jahr später ist der als Visionär gelobte Klinsmann schon wieder weg.

"Er war ein hervorragender Fußballspieler - der es dann nicht geschafft hat", sagt Hoeneß. Der große FC Bayern bleibt in der Saison 2008/2009 ohne Titel.

2009: Im Sommer verpflichtet Hoeneß Louis van Gaal als neuen Hoffnungsträger auf der Trainerbank.

Doch auch mit dem als Fußball-Lehrer gepriesenen Niederländer stellen sich die Erfolge nicht ein.

Ausgerechnet sein Abschiedsjahr als Manager des FC Bayern München bleibt für Uli Hoeneß eines der schwierigsten.

In der Liga ist der Verein nur Mittelmaß, in der Champions League droht weiter das Vorrunden-Aus.

"Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass wir im Sommer Meister geworden wären und wir jetzt als Tabellenführer den Stab übergeben können. Aber auf der anderen Seite war es mir auch sehr wichtig, den Verein wirtschaftlich in einem guten Zustand zu überlassen. Die Basis für die Zukunft ist geschaffen und damit bin ich sehr zufrieden", sagt der 57-Jährige

Dass es dennoch richtig ist, den Abschied nicht hinauszögern, steht für Hoeneß fest: "Ich habe viele Bekannte, mittelständische Unternehmer, die nicht rechtzeitig ihre Nachfolge geregelt haben. Ich habe mir immer geschworen, das anders zu machen."

Die Verantwortung für den sportlichen Bereich wird Christian Nerlinger übernehmen, der Hoeneß bereits seit Juli 2009 zur Seite gestanden hat. Für den wirtschaftlichen Bereich wird noch ein Nachfolger gesucht. Oder mehrere.

Geht es nach Franz Beckenbauer, Hoeneß' Vorgänger als Präsident und künftig Ehrenpräsident des FC Bayern, wird sich Hoeneß auch im neuen Amt weiter mit um wirtschaftliche Aufgaben kümmern: "Uli soll das so weitermachen. Er wird nicht an vorderster Front sein im Sponsoring und Marketingbereich, aber die wichtigsten Kontakte wird er persönlich wahrnehmen. Warum soll der FC Bayern auf seine Beratung verzichten?"

Unabhängig von der künftigen Aufgabenverteilung steht fest: In der öffentlichen Wahrnehmung wird Hoeneß auch als Präsident der Patron der Bayern-Familie bleiben.

Ex-Bayern-Profi Mehmet Scholl antwortete einst auf die Frage, was er im nächsten Leben werden wolle: "Hund bei Uli Hoeneß."

Was nach einem typischen Scholl-Bonmot klingt, beschreibt die soziale Ader des künftigen Bayern-Präsidenten treffend. Hoeneß ist einer, der zwischen kühlem Kalkül und heißer Emotion, …

… zwischen Leistungsprinzip und sozialem Gewissen innerhalb weniger Momente umschwenken kann.

Und der jederzeit explodieren kann, wenn einer "seinem" FC Bayern Ärger macht.

Der Grad der Erregung, wissen Fußballkenner, ...

... ist dabei stets an seiner Gesichtsfarbe abzulesen.

Das wird sich auch in seinem neuen Amt nicht ändern. Zeit, sich auf seine neue Aufgabe vorzubereiten, hat Hoeneß bislang nicht gehabt, "das wird wohl erst im Januar kommen, wenn dann Fakten geschaffen sind".

Eine neue Visitenkarte wird sich "Mr. FC Bayern" nicht zulegen. "Auf Titel habe ich in meinem Leben nie wertgelegt. Bei mir steht auf der Karte nicht Stellvertretender Vorstandschef, sondern `Uli Hoeneß FC Bayern` - und so wird es auch bleiben."

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