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Donnerstag, 18. März 2010

Lehrstunde in Barcelona: Stuttgart geht unter, Lehmann ab

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Vor dem Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale zwischen dem ruhmreichen FC Barcelona und dem schwäbischen VfB Stuttgart wurde in Fußballdeutschland bei den Gebeten für eine nicht allzu hohe Niederlage eines VfB-Spielers besonders innig gedacht. (Foto: REUTERS)

Vor dem Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale zwischen dem ruhmreichen FC Barcelona und dem schwäbischen VfB Stuttgart wurde in Fußballdeutschland bei den Gebeten für eine nicht allzu hohe Niederlage eines VfB-Spielers besonders innig gedacht.

Vor dem Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale zwischen dem ruhmreichen FC Barcelona und dem schwäbischen VfB Stuttgart wurde in Fußballdeutschland bei den Gebeten für eine nicht allzu hohe Niederlage eines VfB-Spielers besonders innig gedacht.

Die Worte der Wahl dürften dabei - in Erwartung eines ausbleibenden Wunders - landauf, landab ähnlich gewesen sein: "Liebe Fußballgemeinde! Wir haben uns heute auch hier versammelt, um Jens Lehmann zu verabschieden."

"Nicht in den Fußballruhestand, aber von der ganz großen Fußballbühne."

Der Auftritt des VfB Stuttgart beim Titelverteidiger in Katalonien vor 88.543 Zuschauern war, so durfte man schon vorab annehmen, das letzte Spiel des inzwischen 40-Jährigen in der "Königsklasse". Spiele, über die Lehmann sagt: "Das sind Partien auf absolutem Weltklasseniveau, von denen jeder Profifußballer träumt."

Nun, nach dem Abschiedsspiel steht fest, dass es für Jens Lehmann auf jeden Fall kein gutes war. Er flog zwar nicht vom Platz wie manches Mal zuvor in seiner Karriere. Sein erstes Spiel im Camp Nou dürfte dennoch nicht zu den Erinnerungen zählen, von denen der 40-Jährige in 40 Jahren seinen Enkeln stolz berichten wird - obwohl man bei Lehmann nie so recht weiß.

Zwar passt auf das Spiel in Barcelona im Nachhinein ein Motto trefflich, das Lehmann liebend gern auch außerhalb des Platzes zu leben pflegt, nämlich "Jens gegen den Rest der Welt".

Wenn man jedoch wie der VfB Stuttgart eigentlich zu elft auf dem Platz steht, …

… zehn von elf Stuttgartern gegen ihre Gegenspieler ...

... aber überhaupt kein Land sehen, …

…. dann kann das dem elften Spieler, in diesem Fall Lehmann, nicht wirklich gefallen – auch wenn man bei dem ja nie so recht weiß.

Vor dem Achtelfinal-Rückspiel in Barcelona hatte sich Stuttgarts Trainer Christian Gross von seinem Schlussmann "das Spiel seines Lebens" erhofft.

Nach dem 0:4 in Barcelona sagte Gross: "Der Wille war da, aber es wurden schonungslos Grenzen für uns aufgezeigt." Das galt weniger für Lehmann, der bei allen Gegentoren machtlos war und mit einigen guten Paraden ein Debakel im Camp Nou verhinderte, als für dessen Mitspieler.

Die agierten gegen Weltfußballer Lionel Messi und Co. plötzlich wieder so zaghaft und zögerlich wie in den letzten Spielen unter Markus Babbel, als den Schwaben auf dem Rasen rein gar nichts gelingen wollte.

Selbst gegen den VfL Bochum hatte es in diesen schweren Wochen bekanntlich nicht zu einem Sieg gereicht, Babbel musste schließlich Gross weichen - und alles wurde besser.

Im Hinspiel vor drei Wochen spielten die Schwaben gegen Josep Guardialos Ballkünstler im eigenen Stadion in der ersten Halbzeit furios auf.

Das 1:1 nach 90 Minuten war eine Enttäuschung für den VfB. Es wäre mehr drin gewesen, viel mehr.

Immerhin: Das Remis erlaubte den Stuttgartern, zarte Träume vom ganz großen Coup zu hegen. Nicht vom Titel, aber vom Erreichen des Viertelfinales, gegen den Titelverteidiger. Sogar Elfmeterschießen ließ Coach Gross seine Kicker vor dem Achtelfinal-Rückspiel üben, für alle Fälle.

In Barcelona brauchten die Katalanen in Gestalt von Lionel Messi dann aber nur 13 Minuten, um sämtliche VfB-Träume vom Weiterkommen platzen zu lassen.

Mit einem seiner unwiderstehlichen Soli brachte der überragende Weltfußballer seinen FC Barcelona nach nicht einmal einer Viertelstunde Spielzeit in Führung. Nachdem der Argentinier den Ball im Mittelfeld in halbrechter Position bekommen hatte, ließ er zunächst den zögerlichen Zdravko Kuzmanovic einfach stehen.

Anschließend lief er quer zum Strafraum und traf – von vier Spalier stehenden Stuttgartern umringt, mit einem fulminanten Linksschuss aus 16 Metern zur Führung.

Lehmann war zum ersten Mal machtlos, ...

... Barça zum ersten Mal an diesem Abend von sich verzückt.

Die Stuttgarter, die sich vor dem Rückstand ein-, zweimal mutig in die Hälfte der Katalanen getraut hatten, verloren nach Messis Tor die von Coach Gross geforderte Kompaktheit im Spiel. Fortan spielte nur noch ein Team Fußball, das andere hatte Angst.

Neun Minuten nach seinem Führungstor leitete erneut Messi das 2:0 für Barcelona ein. Die Flanke des Argentiniers in den Stuttgarter Strafraum leitete der ebenfalls glänzend aufgelegte Yaya Toure umgehend in die Mitte. Dort staubte Rodriguez Pedro ab.

Delpierre kam zu spät, Lehmann war machtlos, schon wieder.

Zur Pause analysierte Stuttgarts Manager Horst Heldt im Bezahlfernsehen: "Ich denke, dass wir so keine Chance haben." Das war sogar in zweierlei Hinsicht absolut zutreffend und blieb es auch nach dem Seitenwechsel.

Erstens, weil Stuttgart in der Offensive in 90 Minuten nicht einen Schuss auf den Kasten der Katalanen abgab und die Statistik insgesamt nur einen mickrigen Torschuss verzeichnete.

Zweitens, weil Stuttgart in der Defensive die bisweilen furios anstürmenden Katalanen um die Offensivstars Zlatan Ibrahimovic ...

... und Lionel Messi nie in den Griff bekam.

Der 1,69 Meter kleine Argentinier glänzte sogar mit Kopfbällen, ...

... wenngleich seine Technik in diesem Bereich noch nicht ganz ausgereift ist.

Statt direkt nach der Pause vielleicht selbst ein Tor zum 1:2 zu erzielen und die Partie damit wieder spannend zu machen, was ohne Torschuss allerdings nur schwer möglich ist, kassierte der VfB eine Viertelstunde nach Wiederanpfiff das dritte Gegentor.

Erneut war es Messi, ...

... der Lehmann mit einem Linksschuss von der Strafraumgrenze überwand.

Der Keeper war, wir erwähnen es der besonderen Umstände halber noch einmal, natürlich machtlos.

Auf dem Posten war der Keeper in der 68. und 80. Minute, als er mit Glanzparaden gegen Messi und Andres Iniesta weitere Gegentreffer und damit ein Debakel verhinderte. Erst Barca-Youngster Bojan Krkic konnte den 40-Jährigen kurz vor Schluss noch einmal überwinden.

Die VfB-Abwehr ließ Krkic völlig frei auf Lehmann zulaufen, der beim überlegten Abschluss des Barça-Stürmers natürlich machtlos war.

Am Ende hatten die Statistiker 14 Chancen für Barcelona gezählt.

Für Stuttgart vermerkten sie einen einzigen Torschuss, in Hälfte eins.

Der eine Schuss ging allerdings auch noch am gegnerischen Kasten vorbei.

Barça-Leihgabe Alexander Hleb trat in der Offensive überhaupt nicht in Erscheinung und wies damit eindrucksvoll nach, warum ihn Josep Guardialo vor der Saison aussortiert hatte und nach der Saison nicht zurückhaben will.

Für die Katalanen war es das 14. Spiel in Folge ohne Niederlage gegen ein deutsches Team.

"Nach dem frühen Tor wurde es sehr schwierig. Das war ein sehr bitterer Europacupabend für uns. Die Klasse von Barcelona hat sich durchgesetzt", sagte Sami Khedira nach der Partie.

Sportdirektor Horst Heldt fügte an: "Das war enttäuschend. Wir haben sehr schlecht agiert."

Mit dem 0:4 schickte der FC Barcelona ...

... die Stuttgarter überdies mit demselben Ergebnis nach Hause, mit dem man im Vorjahr auch den FC Bayern im Viertelfinale abgefertigt hatte. Der damalige FC Klinsmann hatte allerdings schon zur Pause 0:4 hintengelegen und mit seiner "Leistung" sogar den hartgesottenen Udo Lattek zu Tränen gerührt.

Ganz und gar ohne Tränen verlief der Abend für Jens Lehmann, der sich ohnehin immer als heimlicher Gewinner fühlt und das diesmal sogar zu Recht tun durfte. Er kassierte zwar vier Gegentore, war aber dennoch der einzige Stuttgarter Mannschaftsteil, der dem gegnerischen nicht unterlegen war.

Barça-Torwart Victor Valdes nahm schließlich nicht aktiv am Spiel teil.

Zudem gelang es Lehmann, sich auch in seinem wohl letzten internationalen Auftritt kurzzeitig die alleinige Aufmerksamkeit des Schiedsrichters zu sichern.

Und nicht zuletzt verabschiedete sich der 40-Jährige, der sich fühlt wie 25 und manchmal benimmt wie ein Fünfjähriger, zwar mit einem niederschmetternden Resultat vom europäischen Fußball - aber nicht schlechter als sein ewiger Rivale Oliver Kahn. Der hatte sein letztes Spiel 2008 mit dem FC Bayern im UEFA-Cup-Halbfinale bei Zenit St. Petersburg bestritten. Resultat damals wie heute in Barcelona: 0:4.

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