Panorama
Für Arbeitsplätze, gegen den Krieg: Proteste in Manhattan.
Für Arbeitsplätze, gegen den Krieg: Proteste in Manhattan.(Foto: AP)

Soziale Spannungen in New York: Aktivisten belagern Wall Street

Es ist die Mischung, die für soziale Sprengkraft sorgt: Die wachsende Last der Staatsschulden und anhaltende Wirtschaftsschwäche treiben die Menschen nicht nur in Griechenland auf die Straße. In den USA rufen Demonstranten offen zur Besetzung der Wall Street auf. Sie fordern nichts weniger als eine "neue amerikanische Revolution".

Im Internet kursieren die Appelle seit Wochen: Unter dem Motto "Occupy Wall Street" (etwa: "Besetzt die Wall Street") haben Aktivisten verschiedener Gruppierungen zur friedlichen Blockade des symbolträchtigen Zentrums der Finanzwelt aufgerufen.

Freie Meinungsäußerung: Für alles andere hält die New Yorker Polizei Kabelbinder bereit.
Freie Meinungsäußerung: Für alles andere hält die New Yorker Polizei Kabelbinder bereit.(Foto: REUTERS)
Bilderserie

Für Aufsehen sorgte die Aktion zunächst vor allem in Sicherheitskreisen. Zwar rechnete die New Yorker Polizei offiziell nicht mit einer ernsthaften Beeinträchtigung der Börsengeschäfte oder gar gewalttätigen Ausschreitungen wie etwa in . Trotzdem blieben die Sicherheitskräfte rund um das Finanzviertel an der Südspitze Manhattans wachsam. Angesichts von ernstgemeinten Revolutionsaufrufen an der Wall Street mussten sie mit einem erheblichen internationalen Medienecho rechnen.

Denn die Parallelen sind nicht zu übersehen: Die Lage am US-Arbeitsmarkt stagniert, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Das Top-Rating der USA ist gefallen. Die hohe Staatsverschuldung zwingt die Regierung zu einschneidenden Sparmaßnahmen, auch bei den Sozialausgaben. gab es zuletzt . Unterdessen schütten einzelne Unternehmen längst wieder Milliardengewinne und exorbitante Boni aus, gerade so als hätte es die Finanzkrise und die Rettung der Großbanken durch den Steuerzahler nie gegeben.

Dabei ähnelt die Lebenssituation der nachrückenden Generation in den USA der Lage junger Portugiesen, Spanier und Griechen: Obwohl vielfach bestens ausgebildet, fehlen die beruflichen Perspektiven. Freie Stellen sind rar. Die US-Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosenquote verharrt bei 9,1 Prozent. Zudem verlassen viele Absolventen das US-Bildungssystem mit hohen Schulden. Üblicherweise werden die im europäischen Vergleich sehr hohen Studiengebühren mit Krediten finanziert - wenn sie nicht von vermögenden Eltern übernommen werden.

Erinnerungen an die späten 1960er Jahre werden wach.
Erinnerungen an die späten 1960er Jahre werden wach.(Foto: AP)

Kritische Stimmen sprechen von einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft. Sie führen diese Entwicklung auf das zurück und kritisieren den Einfluss der wohlhabenden Oberschicht, der sogenannten "Top-1-Percent" der Einkommen. Zu brodeln beginnt es vor allem an den Hochschulen. Internetaktivisten wie die Gruppe Adbuster.org organisiert ihre Aktionen über die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Ihr Vorbild sind die Protestbewegungen in europäischen Schuldenstaaten, ihr Ziel ein landesweiter Proteststurm.

Bilderserie

"Wie unsere Brüder und Schwestern in Ägypten, Griechenland, Spanien und Island wollen wir die revolutionäre Taktik des nutzen, um die Demokratie in der Amerika wiederherzustellen", heißt es in einem Protestaufruf. Stichtag und Beginn der "amerikanischen Revolution" war der 17. September. Es sollte nichts weniger als ein "Tag des Zorns" werden.

Zornige Amerikaner ohne Perspektiven

US-Medien berichteten von immerhin mehreren tausend Menschen, die den Aufrufen gefolgt waren. Die Aktivistengruppe Adbusters.org hoffte eigenen Angaben zufolge auf bis zu 20.000 Demonstranten, die sich an der Besetzung der Straßen rund um die New Yorker Börse beteiligen wollten. Wie am Kairoer Tahrir-Platz oder in der Innenstadt von Madrid sollte in Downtown Manhattan eine Art Protestzeltlager entstehen. Die Aktion erregte weltweit Aufsehen: Die staatlich-chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete ausführlich, ebenso der arabische TV-Sender Al-Dschasira. US-Medien wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg konzentrierten sich dagegen vor allem auf die zu erwartenden Behinderungen im Umfeld der Proteste.

New York ist nicht Amerika, sagen Kenner der amerikanischen Mentalitäten.
New York ist nicht Amerika, sagen Kenner der amerikanischen Mentalitäten.(Foto: AP)

Der von den Organisatoren erhoffte Ansturm blieb allerdings weitgehend aus. Beobachter vor Ort schätzten die Zahl der Demonstranten am Wochenende lediglich auf einige hundert. Die symbolische Besetzung der Wall Street scheiterte an der New Yorker Polizei. Sie hatte die Straßen im Finanzviertel nahe der Börse abgesperrt und verwehrte Demonstranten den Zutritt. Nach Angaben eines Polizeisprechers wurde eine Protestzone an der Ecke Broad Street und Exchange Street neben der Börse eingerichtet. Die Demonstranten hätten sich jedoch entschieden, "die Protestzone nicht zu nutzen".

Protestcamp in den Straßenschluchten

Rund 700 Menschen mit Rucksäcken und Schlafsäcken versammelten sich stattdessen am Trinity Place, um dort, etwa 300 Meter von der Wall Street entfernt, gegen das globale Finanzsystem zu protestieren. Sie schwenkten Plakate mit Aufschriften wie "Besteuert die Reichen", "Schluss mit der Korruption", "Make Jobs not War" oder "Warum zahlt ihr keine Steuern?". Auch wenn die die Zahl der Teilnehmer bei weitem hinter den Massenprotesten in Athen oder Madrid zurückbleibt, dürften die Schlagworte der Aktion viele Amerikaner erreichen. "Millionen von Menschen haben keine Arbeit", zitierte die "New York Times" einen Teilnehmer. "Und 1 Prozent der Bevölkerung hat 99 Prozent des Geldes."

Die Protestaktion dauert an. Bei Adbusters.org ist optimistisch von "einigen Monaten" die Rede. Für den Oktober sind vergleichbare Aktionen in Washington, D.C. geplant. Am Tag 2 der "Revolution" war der Funke nicht auf die Massen übergesprungen. Die Aktivisten kampierten im benachbarten Zuccotti Park, zwei Blocks nördlich der New York Stock Exchange und in Sichtweite von Ground Zero mit dem Gedenkort der Anschläge vom 11. September 2001. Ihren neuen Versammlungsplatz haben die amerikanischen Revolutionäre kurzerhand in "Liberty Plaza" umbenannt.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen