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Demonstranten fordern in Berlin eine finanzielle Zuwendung vom Staat, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen. (Demonstration im September 2013)
Demonstranten fordern in Berlin eine finanzielle Zuwendung vom Staat, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen. (Demonstration im September 2013)(Foto: imago stock&people)
Freitag, 14. Juli 2017

Bedingungsloses Grundeinkommen: "Das Geld hat unsere Familie gerettet"

Vergangenes Jahr registriert Valerie Rupp ihren drei Monate alten Sohn für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) – und gewinnt. Der 29-Jährigen erleichtern die 1000 Euro im Monat den Berufseinstieg. Ihr Partner erhält die Möglichkeit, ohne Druck Deutsch zu lernen. Im Interview mit n-tv.de spricht Valerie Rupp über einen Auslandsaufenthalt, der alles verändert hat, Ängste einer jungen Mutter und warum das BGE nicht dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit widerspricht.

n-tv.de: Wer sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen auf "Mein-Grundeinkommen.de" registriert, muss angeben, was er mit dem Geld vorhat. Was haben Sie damals geschrieben?

Valerie Rupp: Für das bedingungslose Grundeinkommen hatte ich mich das erste Mal angemeldet, bevor ich für ein Jahr nach Westafrika gegangen bin. Ich habe in Mali zusammen mit Architekten Häuser gebaut. In erster Linie wollte ich also mit dem Geld meine Projekte vor Ort finanzieren.

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Bei der ersten Registrierung hatten Sie kein Glück. Wie ist es dann weitergegangen?

In Mali lernte ich meinen Freund kennen und wurde schwanger. Zurück in Deutschland bekam ich meinen Sohn Noé. Ihn meldete ich dann auch für das Grundeinkommen an. Als er gewonnen hat, war er gerade drei Monate alt. Das Grundeinkommen schien mir die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen. Ich wollte unbedingt mein Studium fertig machen und meinen Freund nach Deutschland holen. Ich habe nie BAföG erhalten und immer schon nebenbei arbeiten müssen. Als mein Freund dann endlich hier war, durfte er noch nicht arbeiten und ich konnte noch nicht.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie erfahren haben, dass Sie für 12 Monate 1000 Euro erhalten werden?

Als Allererstes habe ich aus Erleichterung angefangen zu heulen. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt wirklich in einer sehr ausweglosen Situation. Ich war in den Endzügen meines Studiums und gleichzeitig komplett alleine für unsere Familie verantwortlich. Ich wusste einfach nicht, wie ich Geld verdienen sollte. Das Grundeinkommen war eine krasse Erlösung.

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Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit dem BGE beschäftigt?

Bei Studenten ist die Initiative "Mein Grundeinkommen" sehr verbreitet. Auch ich habe mich während meines Studiums schon lange dafür interessiert. Unter den Kommilitonen waren wir der Überzeugung, wenn man keine Existenzängste hat und sich nicht mit einem Brotjob über Wasser halten muss, hätte man viel mehr Kapazität und Potential für wirklich sinnvolle Projekte.

Was hat das Grundeinkommen konkret möglich gemacht?

Ich konnte mein Studium in Halle an der Saale beenden und gemeinsam mit meiner Familie zurück in meine Heimatstadt Karlsruhe in die Nähe meiner Eltern ziehen. Dort habe ich mich dann mit der Unterstützung meines Vaters, der einen Handwerksbetrieb hat, als Innenarchitektin selbstständig gemacht. Mein Freund Gaston konnte Deutsch lernen, Gesangsunterricht nehmen und verdient jetzt nebenbei Geld als Musiker. Mit Kind sind Existenzängste viel essenzieller. Das Geld hat uns als Familie gerettet und unglaublich viele Ängste und Sorgen genommen.

Das Grundeinkommen finanziert sich durch Spenden. Inwiefern haben Sie sich den Spendern gegenüber verpflichtet gefühlt?

Gerade am Anfang habe ich viel darüber nachgedacht, ob ich den Spendern gerecht werde und was sie wohl von mir erwarten. Ich kann mir aber vorstellen, dass dieses Gefühl bei Leuten, die dieses Geld nicht dringend zum Leben brauchen, noch stärker ist. Ich hatte immer die Rechtfertigung, wir brauchen das Geld einfach gerade wirklich, um über die Runden zu kommen. Dieses Gefühl hat mich aber nicht gehemmt, sondern positiv beeinflusst und motiviert.

Hatten Sie Angst davor, als klar war, ab dem nächsten Monat sind es wieder 1000 Euro weniger?

Ja, absolut. Von Anfang an wollte ich darauf hinarbeiten, dass Geld alleine ausgleichen zu können. Das hat nicht geklappt. Ich habe mir zu viel vorgenommen. Das war schon ein Einbruch. Der kam zwar nicht unerwartet. Angst hatte ich im Vorfeld trotzdem.

Das bedingungslose Grundeinkommen sieht vor, auch Menschen zu unterstützen, die nicht auf das Geld angewiesen sind. Finden Sie das gerecht?

Auf jeden Fall. Ich glaube, sehr viele Leute haben Existenzängste. Auch wenn sie gutes Geld verdienen. Das ist anscheinend bei uns gesellschaftlich verankert. Das Gefühl, das einem das Grundeinkommen gibt, ist ein Stück Freiheit. Das Gefühl, selber Entscheidungen treffen zu können und unabhängig zu sein. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch davon nur profitieren kann.

Kritiker sagen, das bedingungslose Grundeinkommen entspreche nicht dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit und dass jeder, der von der Gesellschaft etwas erhält, auch etwas dafür leisten solle.

Für mich funktioniert dieses Prinzip nicht. Es gibt Arbeit, die für die Gesellschaft unglaublich viel wert ist, aber schlecht bezahlt wird. Kindererziehung zum Beispiel. Andere Arbeit wiederum, die meiner Meinung weniger Wert für die Gesellschaft hat, wird total gut bezahlt. Diesen Leistungsgedanken finde ich per se schwierig.

Würden Sie sich wünschen, dass jeder Bürger bedingungslos 1000 Euro im Monat bekommt?

Ich glaube, unsere Gesellschaft würde mit einem bedingungslosen Grundeinkommen menschlicher und gerechter werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen, die 1000 Euro extra im Monat bekommen, weiter arbeiten gehen würden. Nicht aus Zwang, sondern für die Anerkennung und weil sie etwas Sinnvolles tun möchten. Damit das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens funktioniert, braucht es Vertrauen, dass die Menschen diese Chance nutzen werden.

Mit Valerie Rupp sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de

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