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Leonardo weiß nicht mehr genau, wie lange er schon in der Zelle ist.
Leonardo weiß nicht mehr genau, wie lange er schon in der Zelle ist.(Foto: bdk)

Psychiatrie ohne Menschenwürde: Nur in ihren Träumen sind sie frei

Von Benjamin Konietzny, Manila

In philippinischen Psychiatrien werden Menschen hinter Gittern festgehalten - ohne Therapie, ohne Perspektive. Die Zustände dort entbehren jeglicher Menschenwürde. Besuch an einem Ort, an dem es keine Hoffnung zu geben scheint.

Leonardo schaut ein wenig beschämt. Aus seiner Zelle dringt ein stechender Fäkaliengestank nach draußen. In einem alten Joghurtbecher hat er noch ein wenig Wasser, mit dem er den dunklen Zellenboden benetzt, in den sich über die Jahre der Urin gefressen hat. Der stechende Geruch bleibt. Hinter dem rostigen Gitter hat Leonardo sich möglicherweise schon daran gewöhnt. Doch heute bekommt er kurz Besuch und er versucht, mit dem bisschen Trinkwasser, was er noch hat, seine traurige Situation so gut es eben geht zu kaschieren. Dann lächelt er verlegen und fragt, woher sein Besuch kommt und wie es ihm geht.

In jedem deutschen Zoo oder Tierheim werden Lebewesen unter besseren Bedingungen gehalten als die Menschen, die an diesem Ort hinter Gittern leben und darauf warten, irgendwann einmal ihre Freiheit und ihre Würde zurückzubekommen. Sie sind hier, weil sie angeblich gefährlich sind und geisteskrank, und keiner von ihnen weiß genau, wie viel Tage, Wochen oder Monate noch vergehen werden, bis sich die Zellentüren wieder öffnen und ob. Bis dahin bleiben sie in dem etwa vier Quadratmeter großen Käfig gefangen - zwischen den Grafittis, die an die Seelen und Schicksale erinnern, die vor ihnen in diesen Löchern schmorten; zwischen dem verstopften Loch in der Ecke, das eine Toilette darstellen soll und dem beißenden Gestank, der vom Boden aufsteigt.

"Sie sagen, ich bin gefährlich"

Ein bisschen Sonne fällt auf Leonardos dunkle Haut und er blinzelt. Wenn er sich bückt, kann er den Gipfel des Berges sehen, der sich hinter den Palmenzweigen auftürmt und stets von einer kleinen Wolke verhüllt ist. Die Psychiatrie ist malerisch gelegen. Das Leben zwischen diesen Mauern muss ein Alptraum sein. Er wisse nicht genau, warum er hier ist, sagt er. Irgendetwas stimme mit ihm nicht, deswegen müsse er wohl in dieser Zelle sein und auf dem stinkenden Boden mit der dreckigen Matratze schlafen. "Ich weiß nicht genau, seit drei Monaten vielleicht", antwortet er auf die Frage, wie lange das schon so gehe.

Rezo hatte die Wahl: Psychiatrie oder Gefängnis.
Rezo hatte die Wahl: Psychiatrie oder Gefängnis.(Foto: bdk)

Von nebenan schaut Rezo zwischen den Stangen des Gitters herüber. Er ist 21 Jahre alt. Er weiß, warum er hier ist und der Grund ist traurig: Seine Tante hat ihn mit Marihuana erwischt und veranlasst, dass er deswegen hierherkomme, sagt er. Er sollte von der "Sucht geheilt" werden. Als er sich gegen die Angestellten der Anstalt gewehrt hat, haben sie ihn in eine der Zellen gesteckt. "Sie sagen, ich bin gefährlich. Aber das ist nicht wahr", sagt der junge Mann, der noch kindliche Züge im Gesicht hat. Das Personal sei brutal und hätte ihn geschlagen. Er habe keine Möglichkeit, einen Anwalt oder irgendjemanden zu kontaktieren. Die Anstalt will ihn nicht im Freien haben. Seine Tante will ihn gar nicht mehr.

Psychiatrie ohne Psychiater

75 Patienten oder Gefangene - wie man das auch sehen mag - sind in der Anstalt untergebracht. Es ist die einzige Einrichtung dieser Art in der Provinz des Landes, in der mehr als 1,2 Millionen Menschen leben. Eine Krankenschwester versorgt sie hier. Es gibt ein paar Praktikanten, die bei der Essensausgabe helfen. Hin und wieder kommen Medizinstudenten und packen mit an. Einen Arzt gibt es nicht. Es gab bis vor ein paar Wochen einen Psychiater, der alle drei oder vier Tage für ein paar Stunden vorbeikam. Doch der hat gekündigt. Jetzt kommt niemand mehr, erklärt die Krankenschwester, die während des Besuches deutlich intensiver den philippinischen Telenovelas lauscht als den Bedürfnissen ihrer Patienten.

An der Wand hängt ein vergilbter Plan mit Aktivitäten und Therapieabläufen: Lese-Therapie, Musiktherapie, Bewegungstherapie. In diesem Moment müsste Bewegungstherapie stattfinden, doch offensichtlich fällt die Sitzung aus. Möglicherweise passiert das öfter - so fast ohne Personal. Sie zuckt mit den Achseln, als die Frage nach den Aktivitäten kommt. Das Geld von der Regierung reiche eben gerade, um die Einrichtung irgendwie am Laufen zu erhalten.

Keine Medikamente, keine Therapie

Wie lange bleiben die Patienten - eher Monate oder eher Jahre? "Bis sie geheilt sind", lautet die Antwort. Und wann wurde zuletzt jemand entlassen? Das wisse sie nicht genau, entgegnet sie verlegen. Was soll sie auch sagen als einzige Krankenschwester, die sich um 75 zum Teil schwer schizophrene Patienten kümmern muss. Kein Psychiater, keine Medikamente, keine Therapie. Stattdessen überfordertes Personal, das Menschen wie Vieh wegsperrt, wenn es kompliziert wird. So wird niemand gesund und so wird wohl auch nie jemand aus dieser Anstalt entlassen.

Solche Zustände sind nicht die Ausnahme in dem Inselreich. Man sollte die eng gestrickten Gesundheitssysteme Europas freilich nicht mit denen Südostasiens vergleichen, dennoch ein Zahlenspiel: In Deutschland kommen auf 100.000 Einwohner rund 50 psychiatrische Krankenschwestern und 20 Psychiater. Auf den Philippinen sind es laut den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation 0,5 Krankenschwestern und eben so viele Psychiater. Schlechter ist die Situation in Südostasien nur noch in Laos und Indonesien. Im ganzen Land mit seinen rund 100 Millionen Einwohnern gibt es demnach 3 Psychiatrien und 14 psychiatrische Abteilungen in Krankenhäusern.

10 Cent pro Mahlzeit

Ohne Psychiater und ohne Medikamente gibt es keine Therapie, ohne Therapie keine Entlassung.
Ohne Psychiater und ohne Medikamente gibt es keine Therapie, ohne Therapie keine Entlassung.(Foto: bdk)

Psychiatrien sind auf den Philippinen vielerorts verwahrloste Orte. Vor allem auf dem Land fehlt es an fähigen Ärzten, menschenwürdigen Einrichtungen und Personal. Und es fehlt an der Erkenntnis, dass psychische Krankheiten eben Krankheiten sind und keine Idiotie, Schwachsinn und erst recht kein Fluch des Teufels. Auf Mindanao im tiefen Süden des Archipels werden psychisch Kranke zum Teil in Käfigen im Wald versteckt, aus Angst, das alles könne womöglich ansteckend sein oder weil die Angehörigen einfach überfordert sind.

Es ist Mittagszeit: Die rund 30 der 75 Patienten, die sich im Freien bewegen dürfen, stehen Schlange für das Mittagessen. Es wird ihnen aus einem vergitterten Raum durch einen Schlitz auf einem Teller gereicht. Reis und Gemüse. 5 Peso pro Mahlzeit sind normal, 10 Peso können sie ausgeben, wenn es besser läuft, sagt die Krankenschwester. Das sind entweder 10 oder 20 Cent. Zunächst wird es ein wenig laut in dem Innenhof, weil sich um die Reihenfolge der Schlange gestritten wird. Dann, als sie alle angelehnt an die Betonmauern auf dem Boden des Hofes sitzen und essen, ist alles ganz ruhig. Menschen, die essen und lächeln, manchmal essen und dabei lächeln und manchmal sogar essen und dabei laut lachen, dass die Reiskörner nur so durch den Hof fliegen - weil da ein Fremder hockt, der sie beobachtet.

Wenn das alles für Rezo mal ein Ende hat, kann er nicht nach Hause gehen. Er will dort nicht mehr hin und sie wollen ihn dort auch nicht mehr. Gefängnis oder Psychiatrie war die Wahl, vor die ihn seine Tante gestellt hat, nachdem sie ihn beim Kiffen erwischt hat. Für Drogenbesitz gibt es auf den Philippinen lange Gefängnisstrafen, da hat er lieber die Psychiatrie gewählt. Doch im Gegensatz zu diesem Ort erfährt man im Gefängnis, wie lange die Strafe dauert. Rezo weiß nicht, wie lange er hier bleiben muss.

 "Vielleicht kannst du ja nochmal wiederkommen"

Auch er kann von seiner Zelle aus die Spitze des majestätischen Berges sehen und die Spitzen der langen Kokospalmen, die sich im Wind wiegen. Früher sei er oft dort oben unterwegs gewesen - mal mit Freunden, mal allein. Nachts träume er manchmal davon, wieder im Dschungel zu spazieren. Wenn er dann auf seiner schmutzigen Matratze hinter den rostigen Gittern liegt und sein Bewusstsein den Uringestank nicht verarbeitet, ist Rezo frei. "Vielleicht kannst du ja nochmal wiederkommen", sagt er, als ich gehen muss.

Der Weg nach draußen führt vorbei an den Zellen: an dem Nackten, der laut schreit; an dem Zornigen, der mit seinem Kopf gegen das Gitter hämmert, an dem Amerikaner, der angeblich versucht hat, im Wahn seine Frau zu erstechen und an all den anderen, die einfach ruhig in ihrer Zelle sitzen und warten. Die angeblich irre sind - geisteskrank und gefährlich.

Den Ausgang aus diesem Ort versperrt ein massives Tor. Zwischen der Welt da draußen und hier drinnen liegt der Raum, in dem irgendwann einmal mehr als nur eine Krankenschwester gearbeitet haben müssen. Nun dröhnt dort der Fernseher und ein Ventilator bläst über die Stapel abgegriffener Akten. Die Schwester erwacht mit einem Zucken und öffnet. Der Besuch darf wieder gehen.

Quelle: n-tv.de

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