Panorama

Philippinische Pflegerausbildung: Ticket in bezahlte Zukunft

Wer kleine Mädchen auf den Philippinen fragt, was sie mal werden wollen, hört meist dieselbe Antwort: "Krankenschwester". Während hohe Belastung und niedriger Lohn in vielen Ländern die Auszubildenden abschreckt, produzieren die Philippinen Pflegepersonal für die ganze Welt wie am Fließband. Die Ausbildung ist das Ticket in eine gut bezahlte Zukunft: Mit dem Verdienst aus dem Ausland lassen sich zu Hause ganze Familien ernähren. Jetzt satteln auch immer mehr Ärzte um und werden Krankenschwestern oder Pfleger. Gesundheitsverbände schlagen deshalb Alarm, denn auf den Philippinen wird das medizinische Personal knapp.

Der 50-jährige Joseph Aricheta ist ein erfahrener Hausarzt. Auch er hat sich zum Pfleger ausbilden lassen. "Ich habe 20.000 Pesos - umgerechnet 324 Euro - im Monat verdient, das reicht für eine Familie mit drei Kindern nicht", sagt er. Mit der Pflegeausbildung in der Tasche steht ihm die Welt nun offen. 2006 gingen gut 13.000 Krankenschwestern und -pfleger ins Ausland, nach rund 10.000 im Jahr davor und 8500 im Jahr 2004. Nach der offiziellen Statistik versuchen die meisten in Saudi- Arabien, den arabischen Golfstaaten, den USA und Großbritannien ihr Glück.

"Die Philippinen verlieren mehr Pflegepersonal als jedes andere Land", sagt der Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Region, Shigeru Omi. "Das ist wie eine umgekehrte Subvention: Die armen Länder tragen die Kosten, und die reichen haben den Nutzen."

"Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn du Geld verdienen willst, werde Pfleger und geh ins Ausland, wenn du deinem Volk dienen willst, werde Arzt", sagt Aricheta. "In meiner Pflegeschule wimmelte es nur von Ärzten." 70 Prozent der Ärzte wollen nach Zeitungsberichten als Pfleger ins Ausland gehen. Für Aricheta hat die Tante aus Amerika die Ausbildung bezahlt. Vier Jahre kosten 8000 Euro - ein Vermögen. Doch lohnt sich der Einsatz schnell. Die Absolventen verdienen im Ausland ein Vielfaches des heimischen Verdienstes von knapp 200 Euro. Manche schicken mehr als 1000 Euro im Monat nach Hause.

Weltpflege von den Philippinen

Das "Manila Doctors College" ist eine von schon 400 Pflegeschulen im Land. An ihr lernen etwa 4000 Studenten. "Wir pflegen die Welt" ist ihr Motto. "95 Prozent gehen nach der Ausbildung ins Ausland", sagt Verwaltungsdirektorin Maria Esguerra. Den Ausbildungsplan hat sie mit einem amerikanischen Krankenhausbetreiber abgestimmt, damit die Philippiner internationalen Standards gerecht werden. Seit 2000 werden sie besonders im Umgang mit alten Menschen geschult.

Im College üben Schwesternschülerinnen an europäisch aussehenden Pflegepuppen. Rosaria und Maribel kichern, als sie der steifen Dame den Puls fühlen sollen. Im ersten Stock ist eine Übungswohnung eingerichtet, mit Spülmaschine, Waschmaschine, Gehhilfen und amerikanischem Kinderspielzeug, damit die Absolventen, wenn sie zur Hauspflege engagiert werden, nicht aus allen Wolken fallen. "So etwas kennen die Mädchen von hier ja nicht", sagt Esguerra.

Die meisten Studenten träumen schon von einem Leben in weiter Ferne. "Israel" gibt eine 19-Jährige als Wunschziel an. Dort arbeitet ihr Vater als Softwaretechniker. "Frankreich", sagt ihre Freundin und lacht. Französisch kann sie nämlich nicht. Aricheta meint, der Pflegeberuf sei Philippinern auf den Leib geschnitten. "Wir sind mitfühlend, wir sind alle in Großfamilien aufgewachsen."

Für manches Krankenhaus auf den Philippinen wird der Drang ins Ausland ein Problem. "Hier herrscht schon Ärzte- und Pflegepersonalmangel", sagt Aricheta. In abgelegenen Regionen der Philippinen stellen ausländische Hilfsorganisation wie "Ärzte ohne Grenzen" inzwischen medizinische Dienste sicher. "Die Regierung müsste die Löhne heraufsetzen, dann würden auch mehr Menschen hierbleiben." Doch dafür fehlt das Geld.

Von Christiane Oelrich, dpa

Quelle: n-tv.de

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