Politik
Anhänger von Recep Tayyip Erdogan bei einer Demonstration 2014 in Köln.
Anhänger von Recep Tayyip Erdogan bei einer Demonstration 2014 in Köln.(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 31. Juli 2016

Wie stehst du zu Erdogan?: Deutsche und Deutschtürken entfremden sich

Ein Kommentar von Issio Ehrich

Der Zusammenhalt in Deutschland ist in Gefahr. Die Haltung vieler Türkeistämmiger zum Autokraten Erdogan ist irritierend. Doch ob Schuldzuweisungen oder Rufe nach Loyalitätsbekundungen - beides bringt nichts.

Rund drei Millionen Türkeistämmige leben in Deutschland. Längst sind sie Teil der modernen multikulturellen Mehrheitsgesellschaft. Sie sind keine Minderheit mehr. Doch derzeit geschieht etwas Dramatisches. Im langen und teils schwierigen Integrationsprozess der türkischen Gastarbeiter und ihrer Kinder erfährt die Bundesrepublik einen herben Rückschlag: Deutsche und Deutschtürken entfremden sich.

Vordergründig geschieht dies, weil viele Alteingesessene und viele Türkeistämmige den türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan unterschiedlich bewerten. Doch die Entfremdung hat viele Facetten und Gründe. Deshalb ist es gefährlich, mit einfachen und einseitigen Forderungen darauf zu reagieren. Das befördert sie nur.

Was irritiert die Alteingesessenen?

Befremdlich ist es für viele "Alteingesessene", dass an diesem Sonntag bis zu 30.000 Bürger am Kölner Rheinufer erwartet werden. Das Motto der geplanten Kundgebung: "Ja zur Demokratie, Nein zum Staatsstreich." Allzu offensichtlich ist dabei, dass es tatsächlich vor allem darum geht, die rote Flagge mit dem weißen Halbmond zu schwenken und Erdogan zu preisen.

Wie kann das sein? Wie können Menschen, die mitunter seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik sozialisiert sind, da mitmachen? Erdogan beweist doch seit langem, dass er Demokratie und Rechtstaatlichkeit in erster Linie als Instrument zum eigenen Machterhalt wahrnimmt - und sie gern vernachlässigt, wenn sie ihm nichts nützen.

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30.000 von drei Millionen sind nicht viele. Zumindest vor dem Hintergrund, dass der Organisator der Kundgebung eine mit allen Mitteln ausgestattete Lobbytruppe der türkischen Regierungspartei AKP ist. Doch es ist ja nicht so, dass der gesamte Rest Erdogan ablehnt und schweigt - aus Angst angesichts all der Drohungen und Übergriffe irrlichternder Tayyip-Jünger oder aus dem Gefühl heraus, eine Minderheiten-Meinung in der Community zu vertreten, weil die AKP-Unterstützer extrem laut auftreten. Das Ergebnis der jüngsten Parlamentswahlen in der Türkei hat gezeigt, dass fast 60 Prozent der Deutschtürken für die AKP gestimmt haben - obwohl es Alternativen gibt, die viel eher für das politische und rechtstaatliche Wertegerüst stehen, dass ihnen in der Bundesrepublik vorgelebt wird. Ein verstörendes Ergebnis.

Was irritiert die Deutschtürken?

Für die türkeistämmigen Deutschen wiederum ist befremdlich, wie sehr in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen wird. Die AKP nutzt es für ihre Propaganda, doch abgesehen davon gibt es tatsächlich Anlass, die Medienberichterstattung über den türkischen Präsidenten und seine Partei zu kritisieren. Derart zugespitzt wie er werden derzeit wohl nur Wladimir Putin und Kim Jong Un öffentlich angegangen.

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Keine Frage: Bei all diesen Personen handelt es sich um Autokraten, die mitunter mehr als nur diktatorische Züge an den Tag legen. Aber ab einem gewissen Grad muss die Kritik an Erdogan in ihrer Holzschnittartigkeit scheinheilig wirken. Denn andere Akteure in der Türkei, aber auch in der Bundesrepublik, werden trotz nicht zu leugnender Defizite bei weitem nicht derart angegriffen. Vielen Deutschtürken, die Erdogan nicht grundlegend ablehnen, fehlt für die mitunter fast schon karikaturistische Darstellung eines gewählten Präsidenten das Verständnis.

Befremdlicher noch müssen die reflexhaften Aufforderungen zu Loyalitätsbekenntnissen wirken, die es auch dieser Tage wieder zuhauf gibt.

So müssen sich Türkeistämmige anhören: Warum schafft es Erdogan in Deutschland Tausende Leute auf die Straßen zu bringen? Und warum lässt sich die türkische Community nach Anschlägen nicht mobilisieren, wenn es darum geht, sich gegen islamistischen Terror zu erheben?

In dieser Kritik schwingt eine ziemlich pauschale Unterstellung mit: Wer Türke ist, ist Moslem, und der Islam produziert Terroristen. Also seid ihr in der Pflicht.

Das ist Blödsinn. Auch im Jahr 2016 gilt: Die meisten Opfer islamistischen Terrors sind Muslime. Warum sollten ausgerechnet Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft eine besondere Verantwortung dafür haben, sich von Terror zu distanzieren? Die Unterstellung schlägt sich in diversen Umfragen zum übermäßig skeptischen Blick der Deutschen auf den Islam nieder. Und dieser belastet das Verhältnis von Alteingesessenen und Deutschtürken schon seit dem Anschlag auf das Worldtrade Center vor nunmehr fast 15 Jahren zusehends.

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Auch deutsche Politiker tragen zur Spaltung zwischen Alteingesessenen und Türkeistämmigen bei. Der CDU-Mann Jens Spahn zum Beispiel. Der forderte, die doppelte Staatsbürgerschaft für Deutschtürken wieder abzuschaffen. Wessen Herz für Erdogan schlage und wer für ihn und seine AKP auf die Straße gehe, solle das besser in der Türkei tun, sagte Spahn. "Dem müssen wir eine klare Entscheidung abverlangen." In Kommentaren heißt es dazu, dass es "eine Illusion" gewesen sei, dass sich die Integration für Deutschtürken durch die doppelte Staatsangehörigkeit verbessern würde.

Tatsächlich fiel die sogenannte Optionspflicht aber erst 2014. Es ist nicht nur naiv, nach so kurzer Zeit eine tiefgreifende Integrationswirkung zu erwarten, es verkennt auch, dass der Optionszwang in den Jahrzehnten davor unzählige junge Menschen samt ihrer Familien in eine kafkaeske Situation gedrängt hat: Verletzt die Heimatverbundenheit eurer Eltern, indem ihr die türkische Staatsbürgerschaft aufgebt, oder stellt ihre Integrationsleistung infrage, indem ihr die deutsche ablehnt. Die Regelung wurde von vielen Deutschtürken zu Recht als Schikane wahrgenommen.

Was kann man für den Zusammenhalt tun?

Der Religionssoziologie Detlef Pollack hat erst kürzlich in einer umfangreichen Studie zu Deutschtürken festgestellt, dass diese sich zwar gut integriert fühlen, sie zugleich aber glauben, dass Alteingesessene sie trotzdem nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft wahrnehmen.

Es sind genau diese Erfahrungen der Ausgrenzung, die es Erdogan leicht machen, die Sympathien so vieler Deutschtürken zu gewinnen. Denn Erdogan sagt deutlich: Ihr gehört zu uns. Und er gibt damit vielen Türkeistämmigen in Deutschland das Gefühl, stark und bedeutsam zu sein. Sie sind schließlich Teil seines Aufstiegs.

Hilfreich ist in dieser Situation der Entfremdung vielleicht zunächst die Erkenntnis, dass daran beide Seiten Schuld sind - Alteingesessene und Deutschtürken. Wichtig ist auch mehr Gelassenheit im Umgang miteinander. Nur weil jemand Erdogan-Anhänger ist, muss man ihn nicht verteufeln. Es gibt dafür oft sehr menschliche Gründe. Darüber reden und versuchen zu verstehen, das ist die Devise. Das gilt auch andersherum. Wenn jemand Erdogan oder seine Anhänger lautstark kritisiert und dabei jedwede Differenzierung verloren geht, hat auch das menschliche Gründe: Sie heißen Wut, Sorge oder Angst.

Quelle: n-tv.de

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