Politik
Michael M. ist bei diesem Einsatz oft unruhig: In wenigen Wochen soll sein zweites Kind zur Welt kommen.
Michael M. ist bei diesem Einsatz oft unruhig: In wenigen Wochen soll sein zweites Kind zur Welt kommen.
Freitag, 10. November 2017

Harte Kerle haben Heimweh: "Ich habe Angst, die Geburt zu verpassen"

Von Issio Ehrich

Michael M. arbeitet im Sanitätsdienst auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern". Sieben Monate wird er in diesem Jahr nicht zu Hause gewesen sein. Ein Gespräch über Leidenschaft und Angst, Misstrauen und Kameradschaft.

Michael M. schlendert über das Deck der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern". Wie es gehe? "Hmm", murmelt er. "Geht so." Was los sei? "Das Heimweh setzt ein".

Wir liegen zum Betanken im Hafen von Augusta in Italien. Ich genieße die Sonne, schreibe ein paar Whatsapp-Nachrichten, denn ausnahmsweise gibt es Mobilfunkempfang. Für mich ist es ein unbeschwerter Moment. Ich weiß ja, dass ich bald wieder zu Hause bin. Für Michael sieht es anders aus. Er kommt gerade von einem Videoanruf zurück. Und er weiß, dass seine zwei Jahre alte Tochter nun wieder vier Stunden durchs Haus im fernen Deutschland rennen wird, um nach Papa zu suchen. Eben hat sie ihn doch noch gesehen.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Die Szene ist schon ein paar Tage her, doch heute muss ich wieder daran denken. Mein journalistischer Einsatz an Bord neigt sich nach zwei Wochen dem Ende zu. Dies ist mein vorletzter Tagebucheintrag von der "Mecklenburg-Vorpommern". Ich bin traurig darüber, das Leben an Bord ist faszinierend. Und ich habe das Gefühl, viele der Menschen, Bräuche und Dynamiken noch gar nicht richtig kennengelernt zu haben. Ich freue mich aber auch wahnsinnig auf Freunde und Familie, festen Boden unter den Füßen. Und, ehrlich gesagt, auch auf eine kleine Pause.

Michael wird dagegen noch bis zum 19. Dezember an Bord bleiben, insgesamt sieben Monate wird er dann in diesem Jahr nicht zu Hause gewesen sein. Bis dahin ist "das Greifbarste", was er aus der Heimat mitbekommt, so sagt er es selbst, ein Brief oder Päckchen. Ich kann mir kaum vorstellen, was das bedeutet, also treffe ich Michael nochmal. Es wird ein Gespräch über Leidenschaft und Angst, Misstrauen und Kameradschaft.

"Vielleicht werde ich belächelt"

MM38-Deck, wir sitzen auf einer Bank neben zwei Raketen-Batterien. Ein komischer Ort für so ein Gespräch. Michaels Unbefangenheit bei dem Thema beeindruckt mich umso mehr: "Vielleicht werde ich belächelt, wenn meine Kameraden das lesen", sagt er. "Aber denen geht’s ja auch nicht besser. Da sollte jeder Manns genug sein, sich das einzugestehen."

Michael ist 30 Jahre alt. Seit zehn Jahren ist er bei der Bundeswehr. Er ist eigentlich Fachpfleger für OP-Technik beim Heer, doch weil der Marine das Personal fehlt, sprang er ein. Seine Frau, eine Krankenschwester, "steht voll dahinter", wie Michael es sagt. Das macht die Situation leichter, löse aber auch nicht alle Probleme. "Wenn du deiner Aufgabe als Vater oder Mann nicht gerecht wirst, das ist hart", sagt Michael. Er berichtet, dass er sich auf Kameraden verlassen muss, die gerade nicht im Einsatz sind, wenn es Arbeiten am Haus gibt, oder eine Beziehungskrise.

Natürlich gebe es auch Momente der Eifersucht. "Wir sind erwachsene Menschen, jeder will auch mal Nähe haben", sagt er. Daran seien bei der Bundeswehr schon so viele Beziehungen zerbrochen. Viele Kameraden hätten deswegen auch gar keine. Über sich selbst sagt Michael: "Ich würde meine Frau und Kinder nie für fünf Minuten Spaß aufgeben."

Was helfe, um mit Eifersucht und Heimweh umzugehen: "Nicht jeden Tag zu telefonieren", sagt Michael. "Denn wenn es dann mal wegen des Einsatzes ein paar Tage nicht klappt, ist das unerträglich." Auch Sport lenke ab, ein Sandsack oder Unfug quatschen mit den Kameraden. Die Nähe zu den anderen Soldaten sei allerdings ein zweischneidiges Schwert. Vor allem auf einem Schiff.

"Stolz und Ehrgefühl"

"Du wirst bei der Bundeswehr schon in der Grundausbildung darauf gedrillt, immer mit Kameraden zusammen zu sein. Als Marschgepäck trägt zum Beispiel jeder eine Zelthälfte." Über die Marine sagt Michael: "Hier ist es aber auch für mich krass." Michael breitet die Arme aus. "Wieviele Quadratmeter sind das?" Die Fregatte ist rund 140 Meter lang und 17 Meter breit. Zurzeit sind wir 220 Leute an Bord. Außer dem Kommandanten und der obersten Führungsriege hat niemand ein eigenes Zimmer. "Du hast hier immer Leute um dich", sagt Michael.

Das kann ich bestätigen. Die wenigen Momente, in denen ich an Bord alleine war, ereigneten sich in einer der Toilettenkabinen. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand freiwillig mehr Zeit darin verbringt, als er unbedingt muss. Die Gespräche, so erklärt es Michael, helfen gegen Heimweh. "Hier hat jeder seine Bezugsperson." Aber die Nähe zu den Kameraden befördert das Heimweh oft auch. "Ich freue mich am meisten auf so einen richtigen Familientag. Nur meine Frau, meine Kinder und ich. Dazu was Selbstgemachtes zu Essen und die Couch."

Für Michael ist das Heimweh dieses Mal besonders groß, weil es sich mit einer Sorge paart. Seine Frau ist im siebten Monat schwanger. Der errechnete Geburtstermin soll der 22. Dezember sein. "Da darf nichts schiefgehen, sagt er. "Ich hab Angst, dass ich die Geburt meines Jungen verpasse." Nun bin auch ich nicht selten unterwegs, aber das ist schon eine andere Nummer, denke ich mir. Und ich frage mich, warum Michael das überhaupt macht. "Das ist die Bürde eines Soldaten", sagt er. "Der Job erfüllt mich mit Stolz und Ehrgefühl."

Quelle: n-tv.de

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