Politik
Ein Hells Angel wird festgenommen.
Ein Hells Angel wird festgenommen.(Foto: picture alliance / dpa)

Jenseits aller Motorradromantik: Rockern geht es ums Geschäft

Von Solveig Bach

Mord, räuberische Erpressung, Zuhälterei - die Geschäftsfelder der Rocker sind so vielfältig wie kriminell. Doch schien das zumindest in Deutschland lange niemand bemerkt zu haben. Bis im vergangenen Jahr die Sicherheitsbehörden zur Gegenoffensive übergingen. Nach Ansicht des Ex-Polizisten Stefan Schubert könnte es schon zu spät sein.

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Von der "Easy Rider"-Romantik ist der Rocker-Alltag längst meilenweit entfernt. Drogen- und Waffenhandel, Prostitution, Gewalt, Erpressung, Betrug – kaum ein Delikt der organisierten Kriminalität, das nicht mit den Rockern in Verbindung gebracht wird. Der Buchautor Stefan Schubert kommt gar zu dem Schluss, dass die gefürchteten Rocker längst Deutschlands Unterwelt erobert haben.

Das habe sich zunächst durch Leute entwickelt, die beispielsweise zu den Hells Angels gekommen seien, erzählt Schubert im Gespräch mit n-tv.de. "Die haben schon vorher in der Rotlichtszene ihr Geld verdient und haben sich dann zu Gruppen zusammengeschlossen, um machtvoller auftreten zu können und ihre Geschäfte abzusichern." Der Prozess zog sich laut Schubert über Jahre hin. "Zunächst gab es örtliche Zusammenschlüsse, aus denen bundesweite wurden, die dann schließlich in internationalen Netzwerken aufgingen."

Inzwischen decken die Rocker so ziemlich jedes Geschäftsfeld der Organisierten Kriminalität ab, wie man an den Gerichtsverhandlungen und auch an den Verurteilungen ablesen kann. Es gebe noch immer unabhängige Rockergruppen, so Schubert, in denen "Familienväter mit ganz normalen Jobs zum Feierabend ihr Hobby pflegen". Aber es gebe auch komplette Strukturen, "die von der Kriminalität leben".

Viel Alkohol, wenig Regeln

Schuberts Buch ist im Riva-Verlag erschienen.
Schuberts Buch ist im Riva-Verlag erschienen.

Schubert erinnert an die Wurzeln der Motorradklubs in den USA. Dort wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die Straßen von "jungen Burschen bevölkert, die auf ihren Motorrädern genauso waghalsig wie zuvor im Krieg einher bretterten". Diese Jungs tranken viel und hart, wie sie es bei der Amy gelernt hatten. Sie waren Meldegänger, Aufklärer oder Kuriere gewesen, nun vermissten sie es, eine Aufgabe zu haben. Vielleicht vermissten sie noch mehr das Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft.

"In der Wahl ihrer Mittel, sich auf den Straßen Amerikas zu behaupten, waren die Angels seit ihrer Gründung weder zimperlich noch wählerisch", schreibt Schubert. Den Anfang des Weges in die zunehmende Gesetzlosigkeit markieren die Ausschreitungen in der kalifornischen Kleinstadt Hollister.

Ein Motorrad-Wochenende endete hier in einem gewaltigen Besäufnis begleitet von Ausschreitungen. Angeblich wurden die Schlägereien nur von einem Prozent der Biker betrieben, davon blieb der Begriff des Einprozenters. Er ist der Rocker, der außerhalb des Gesetzes steht. Seitdem gehört das "1%"-Abzeichen für viele unverzichtbar an die Kutte.

Die bekanntesten Rocker-Klubs sind die 1948 gegründeten Hells Angels und ihre Rivalen von den Bandidos, die seit 1966 um Einfluss und Macht ringen. Zunächst konzentrieren sich die Kämpfe auf die USA und Kanada. Doch bereits in den 1970er Jahren gründen sich Charter in Skandinavien und später auch in Deutschland. Mit der Ausbreitung der Klubs zieht sich eine Blutspur durch die jeweiligen Länder. Mehr als 300 Menschen wurden von Autobomben zerrissen, von Panzergranaten zerfetzt, erschlagen, stranguliert, erstochen oder erschossen. Nicht alle waren Member oder Supporter, immer wieder traf es auch Unbeteiligte, die  in die Schusslinie gerieten.

Verpasste Entwicklung

Schubert, der früher Polizist war und jahrelang ein Doppelleben als Hooligan führte,  stellt einige drängende Fragen. "Existiert eine bundesweite Struktur der Rockergruppierungen? Werden die Territorialkämpfe der Hells Angels und der Bandidos in Deutschland erneut eskalieren? Sind die ausgesprochenen Verbote von Chartern und Chaptern das ultimative Allheilmittel der Behörden und die richtige Strategie, uns werden sie vor den Gerichten Bestand haben?"

Stefan Schubert
Stefan Schubert(Foto: picture alliance / dpa)

Vor allem bei der Antwort auf die letzte Frage ist Schubert extrem pessimistisch. Er ist sicher, dass die Verbote zehn Jahre zu spät kommen. "Die Rocker haben sich organisiert, haben Vereine gegründet. Sie haben Klubhäuser und Kneipen. Sie sind als KfZ-Gewerbe oder Sicherheitsdienst im legalen Wirtschaftskreislauf angekommen."

Schubert kritisiert in diesem Zusammenhang das verschiedene Agieren der 16 Bundesländer. Jeder entscheide selbst, wie dringlich das Problem ist. Das föderale System der 16 Landesinnenminister habe so den großen Klubs viel Zeit gegeben, sich auf diese neue Taktik einzustellen. Deutlich wird dies beispielweise daran, dass die Rocker längst nicht mehr abwarten, bis ihre Gruppen verboten werden. Vielmehr ist der Trend zur Selbstauflösung inzwischen eine allseits genutzte Verteidigungsstrategie der Rocker. Schubert warnt davor, dies als Zeichen für eine Schwächung der Rocker-Gruppen zu deuten. "Nur weil das offiziell jetzt kein eingetragener Verein mehr ist und das Emblem vom Klubhaus abgeschraubt wurde, ändert das natürlich nichts daran, dass die Leute ihr Geld weiter in der Szene verdienen." Jüngste Erkenntnisse des BKA, dass sich die Hells Angels inzwischen auf die Gründung von Firmen verlegt haben, um die Verbote zu umgehen, belegen diese These.

Nach Jahren, in denen das Problem scheinbar kaum wahrgenommen wurde, gibt es jedoch nun Modelle, wie man wirklich etwas gegen die kriminellen Rocker erreichen kann. Mit einer gewissen Befriedigung beobachtet der frühere Polizist Schubert, dass sich seine  Ex-Kollegen wieder auf die normale polizeiliche Arbeit konzentrieren und Straftat für Straftat aufklären. So werde das Klima der Straflosigkeit, das in den vergangenen Jahren mancherorts entstanden ist, durchbrochen.

In Berlin gibt es inzwischen beispielsweise eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft mit eigenen Ermittlern. "Dort wird jedes Verfahren, egal ob es eine Ordnungswidrigkeit oder Fahren ohne Führerschein oder Waffenbesitz ist, hingezogen." So werde es nicht mehr so schnell zu Verfahrenseinstellungen oder Deals kommen. Denn Schubert ist sicher, dass die Rocker gerade versuchen, massiv in die Machtkämpfe der Organisierten Kriminalität einzugreifen. Und erst in ein, zwei Jahren werde man sehen, wie erfolgreich sie dabei waren.

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Quelle: n-tv.de

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