Politik
Screenshot der Seite "Breitbart.com".
Screenshot der Seite "Breitbart.com".
Mittwoch, 04. Januar 2017

"1000-Mann-Mob zündet Kirche an": US-Fake-News verunsichern Dortmund

Von Benjamin Konietzny

Den Bericht einer Dortmunder Tageszeitung über die Silvesternacht deutet ein rechtes US-Nachrichtenportal um, von dort gelangt die Nachricht nach Österreich und schließlich zurück nach Dortmund. Ein Lehrstück über "Fake News".

Neujahrsnacht in Dortmund: Tausende Menschen sind auf den Straßen, es fliegen Böller, Raketen, Alkohol wird zum Teil in rauen Mengen konsumiert, hier und da Handgemenge, Platzverweise. Es sind nicht durchweg schöne Szenen, die sich in der Ruhrgebietsstadt abspielen, doch insgesamt blicken Polizei und Feuerwehr auf eine entspannte Lage zurück, in den entsprechenden Pressemitteilungen heißt es, man sei "vorläufig zufrieden". Glaubt man den Behörden, war es eine "normale" Silvesternacht.

Bei dem rechten US-Portal "Breitbart.com" jedoch hört sich die Geschichte durchaus anders an. Unter der Überschrift "Enthüllt: 1000-Mann-Mob steckt älteste deutsche Kirche in Brand" schreibt die Autorin mit Verweis auf Berichte der Dortmunder Tageszeitung "Ruhr Nachrichten", wie eine Gruppe von etwa 1000 jungen Männern, vor allem eine große Gruppe junger Nordafrikaner, zunehmend aggressiv zunächst Feuerwerkskörper auf Familien, dann auf Polizisten und schließlich auf die Reinoldikirche abfeuerte. Dabei sei das Dach der Kirche in Flammen aufgegangen. Außerdem habe ein syrischer Mob die Feuerpause in ihrem Land mit "Allahu Akbar"-Rufen und Al-Kaida-Flaggen gefeiert.

Das alles ist fast richtig. Doch an den entscheidenden Details gibt es Unterschiede. So wurde nicht das Dach der Kirche in Brand gesetzt, sondern nur eine Rakete in das Gerüst geschossen, das den Kirchturm zurzeit umschließt. Den kleinen Brand dort konnte die Feuerwehr schnell und problemlos löschen. Aus einer kleinen Gruppe von Syrern soll es vereinzelt "Allahu Akbar"-Rufe gegeben haben. Dass die vermeintlich in Brand gesetzte Reinoldikirche die älteste Kirche Deutschlands sein soll, ist ein Fehler im Detail und stützt dennoch das Narrativ des muslimischen Angriffs auf die europäische Kultur.

Auch der Lokalreporter der "Ruhr Nachrichten", der an Silvester vor Ort war, erinnert sich an eine andere Version der Geschichte: "Zwischen etwa 18.45 und 23.30 Uhr zogen überwiegend junge ausländische Männer in großen und kleinen Gruppen durch die Innenstadt. Am Platz von Leeds bildeten sie eine große Gruppe, bestehend aus mindestens 1000 Menschen. Pyrotechnik wurde in die Menschenmenge und auf Polizisten geworfen", berichtet Peter Bandermann. "Am Hauptbahnhof feuerte ein Unbekannter eine Silvesterrakete auf einen Obdachlosen ab und verletzte ihn schwer. Von der Kleppingstraße aus musste die Feuerwehr ein brennendes Bauzaun-Fangnetz an der Reinoldikirche löschen. Sexuelle Übergriffe wie vor einem Jahr in Köln gab es nicht", heißt es weiter.

In den sozialen Medien gibt es kein Halten mehr

Was zunächst bei Medien und Behörden in Dortmund für Verwunderung sorgte, sollte kurz darauf in den sozialen Netzwerken seine volle Wirkung entfalten. Der Bericht der Seite "Breitbart.com", die als Sprachrohr der amerikanischen "Alt-Right-Bewegung" gilt, die sich als loser Zusammenschluss von Rechtsradikalen und alternativen Rechten beschreiben lässt, fand ihren Weg zurück nach Europa. Als erstes deutschsprachiges Medium übernahm die österreichische Seite "Wochenblick" (Motto: "Wir schreiben, was andere verschweigen") den Bericht von "Breitbart". Die Überschrift dort: "Silvester in Dortmund: 'Allahu Akbar' und Kirchenbrand". Der Bericht des Portals unterstellt den "Ruhr Nachrichten", bemüht zu sein "die Sache nicht zu sehr aufzubauschen". Dann steigt auch die Dortmunder Neonazi-Szene mit ein. Die rechtsradikale Seite "Dortmund Echo" schreibt: "Sogar die Reinoldikirche fing Feuer".

Dass in Dortmund tatsächlich vereinzelt "Allahu Akbar" gerufen wurde, nahmen die Autoren der Artikel zum Anlass, die Menschen dort in Verbindung mit Terroristen zu rücken. Fakt ist: "Allahu Akbar" steht im Islam für "Gott ist groß" oder "Gott ist größer" und ist im muslimischen Glauben so normal wie das "Amen" im christlichen Glauben und wird tagtäglich von Millionen Muslimen ohne Verbindung zu Islamismus und Terrorismus verwendet.

Doch in den sozialen Medien gibt es schon lange kein Halten mehr. Der "Breitbart"-Artikel wird über 300 mal geteilt, der Text des "Wochenblick" über 800 mal. Der Ton in den Kommentaren ist derb. Und am Ende erreichen die "Fake News" auch - über welche Kanäle auch immer - das Berliner Büro des Dortmunder Bundestagsabgeordneten Thorsten Hoffmann, der sofort eine Presseinformation absetzen lässt. In seinem Text ist sogar vom "Beschuss" der Kirche die Rede. Der Politiker, der die Berichte offensichtlich nicht noch einmal geprüft hatte, war auf eine klassische "Fake News" hereingefallen.

Den Reporter der "Ruhr Nachrichten", der an Silvester vor Ort war, erreichen inzwischen per Twitter Fotos von Galgen, abgetrennten Köpfen oder Mordaufrufen an Angela Merkel ("Wo ist der 100.000-Mann-Mob, der die verräterische Angela Merkel lyncht?"). Er beschreibt das Ganze inzwischen als Lehrstück, "wie aus Fake-News, Hass, und Propaganda ein Aufruf zu Lynchjustiz gegen Angela Merkel wird".

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen