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TV-Debatte als patriotischer Stammtisch: Erst Bajonette, dann Bussis

Von Sebastian Schöbel

Obama nutzt die letzte TV-Debatte zum Angriff: Erneut setzt der Präsident Herausforderer Romney unter Druck. Und der knickt ein. Sein Versuch, die eigene Rhetorik zu entschärfen, misslingt ihm gründlich, während Obama effektvoll kontern kann. Doch das große Thema des Abends, die Außenpolitik, kommt eher zu kurz.

Am Ende haben sich dann alle wieder lieb.
Am Ende haben sich dann alle wieder lieb.(Foto: dpa)

Sie umarmen sich, sie scherzen miteinander: Die Minuten nach der letzten TV-Debatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney gehen wohl als die freundlichsten des diesjährigen Wahlkampfes in die Geschichte ein. Die Enkel des Romney-Clans reißen sich regelrecht um Fotos mit dem amtierenden Präsidenten. Sogar Romneys ältester Sohn Tagg, der Obama nach der zweiten Debatte am liebsten "eine reingehauen" hätte, bekommt seinen Moment der Aussprache mit dem Regierungschef. Am Ende lachen beide.

Die 90 Minuten davor waren allerdings weniger harmonisch. Erneut trägt der deutlich kämpferischere Amtsinhaber den Sieg davon, während sein Herausforderer nun um seinen dünnen Vorsprung in den Umfragen bangen muss. Dass eine wirklich substanzielle Unterhaltung über Außenpolitik nicht wirklich zustande kam, wird hingegen keinem der beiden Kandidaten schaden: Die US-Amerikaner sorgen sich derzeit nur wenig über das, was jenseits ihrer eigenen Grenzen geschieht.

Patrioten unter sich

Dabei hatte sich Moderator Bob Schieffer so bemüht, den passenden Rahmen zu schaffen. "Wir wollen eine Debatte, die dem großartigsten Land der Welt würdig ist", sagte der erfahrene TV-Journalist vor Beginn des Rededuells. Eine sehr US-amerikanische Vorlage für eine Debatte über Außenpolitik, und weder Obama noch Romney verpassten diese Chance, ihren Patriotismus zur Schau zu stellen.

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"Dieses Land ist die Hoffnung der Welt", sagte Romney und versprach, die "Fackel der Freiheit und Hoffnung und Chance" aufzunehmen, die zuvor die (amerikanische) Weltkriegsgeneration getragen hatte. Obama setzte sogar noch einen drauf. "Amerika ist die einzige unentbehrliche Nation der Welt", antwortete der Friedensnobelpreisträger auf die Frage, welche Rolle sein Land international spielen soll. Welche Länder er hingegen für verzichtbar hält, ließ Obama offen.

Der amtierende Präsident rasselte deutlich heftiger mehr mit dem Säbel als sein konservativer Herausforderer. Dabei hatte der im bisherigen Wahlkampf vor allem eine außenpolitische Strategie verfolgt: Alles, was Obama macht, nur noch einen Zacken schärfer, aggressiver, unnachgiebiger. Ausgerechnet an diesem Abend übte Romney nun vor einem Millionenpublikum den Rückwärtssalto.

Romney rudert zurück

Raus aus Afghanistan im Jahr 2014.
Raus aus Afghanistan im Jahr 2014.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch er wolle 2014 die US-Truppen aus Afghanistan zurückziehen, so Romney. Zuvor hatte der Ex-Gouverneur stets betont, er wolle sich vor einem Abzug erst grünes Licht bei den Generälen holen und nicht gehen, bevor die afghanische Armee auf eigenen Füßen steht. Eine Chance, die Obama nicht ungenutzt ließ. Wie schon in der zweiten Debatte wiederholte er sein Mantra vom definitiven Ende des Afghanistan-Feldzuges. "Es ist Zeit, dass wir hier bei uns Wiederaufbau betreiben", sagte der Präsident. Das kam laut CNN-Liveumfrage glänzend an.

Auch beim Thema Syrien ruderte Romney an diesem Abend deutlich zurück. Nein, er wolle das US-Militär dort nicht involvieren, jedenfalls "nicht zu diesem Zeitpunkt". Das Assad-Regime mit einer amerikafreundlichen Regierung zu ersetzen, sei zwar weiterhin sein Ziel, so Romney, aber einen Krieg wolle er dort nicht anfangen. Auch das klang vor der Debatte noch ganz anders. Und selbst den erfolgreichen, aber völkerrechtlich fragwürdigen Drohnenkrieg gegen das Terrornetzwerk Al-Kaida schien Romney plötzlich infrage zu stellen. Zwar gratulierte er ihm zum Tod Osama bin Ladens, fügte aber schnell hinzu. "Wir können uns nicht aus diesem Schlamassel raustöten."

"Die 80er haben angerufen"

Was genau Romney allerdings anders machen würde, ließ er offen. Der "Welt des Islam" wolle er helfen, sich vom Extremismus zu befreien, offenbar durch eine Art Marshall-Plan für muslimische Länder. Details seiner "robusten Strategie" für den Kampf gegen islamistische Terroristen blieb er allerdings ebenso schuldig wie das Kleingedruckte zu seiner Steuerpolitik.

Für viele von Romneys Aussagen hatte Obama nur Spott übrig.
Für viele von Romneys Aussagen hatte Obama nur Spott übrig.(Foto: REUTERS)

Obama machte seinerseits dort weiter, wo er bei der zweiten Debatte aufgehört hatte: kaum eine Antwort, in der er Romney nicht zusetzte. Von dessen Investitionen in "chinesische Ölfirmen, die mit dem Iran Handel treiben", bis zu Romneys Aussage im Vorwahlkampf, Russland sei "die größte Gefahr für Amerika": Man konnte fast den Eindruck gewinnen, nicht Obama, sondern der Mann aus Massachusetts habe in den vergangenen vier Jahren das Land geführt und müsse nun um seine Wiederwahl bangen. Der eigentliche Amtsinhaber gerierte sich hingegen wie ein angriffslustiger Herausforderer. "Die 80er Jahre haben angerufen", entfuhr es Obama, "sie wollen ihre Außenpolitik zurück".

Bajonette und Pferde

Es war nur einer von insgesamt drei rhetorischen Wirkungstreffern, die Obama landete und die den Endspurt des Wahlkampfes bestimmen könnten.

Als ihn Romney zum wiederholten Male für dessen "Entschuldigungstour" durch den Mittleren Osten kritisierte, schlug Obama zurück. "Als ich als Präsidentschaftskandidat nach Israel gereist bin, habe ich keine Spender mitgenommen und keine Spendengalas besucht, sondern war in der Gedenkstätte Yad Vashem", sagte Obama. Und als Romney dem Präsidenten im Streit um die Erhöhung des Militärbudgets vorwarf, die US-Marine habe heute weniger Schiffe als 1916, entgegnete dieser schnippisch: "Sehen Sie, Herr Gouverneur, wir haben auch weniger Pferde und Bajonette. Wir haben jetzt Dinge wie Flugzeugträger, auf denen Jets landen können. Und Schiffe, die unter Wasser fahren, atomar betriebene U-Boote." Da brach das sonst sehr disziplinierte Publikum in lautes Gelächter aus, und #horsesandbayonets war schon kurz darauf der am meisten weiterverschickte Hashtag bei Twitter.

Mehr Wirtschafts- als Weltthemen

Die vielen Anhänger Obamas dürften also zufrieden gewesen sein. Die wenigen außenpolitisch interessierten Wähler hingegen eher ratlos. Denn tatsächlich spielten internationale Themen schon nach wenigen Minuten nur noch eine Nebenrolle. Egal, welche Frage Moderator Schieffer stellte, Romney und Obama schafften es, die Worte "Jobs" oder "Wirtschaft" unterzubringen. Denn da waren sich die beiden Gegner einig: Wenn die US-Konjunktur erstmal brummt, ist fast egal, wo auf dem Globus die Supermacht aktiv werden muss.

Eigentlich ein Vorteil für Romney, der für seine Botschaft von Wirtschaftswachstum und Defizitabbau selbst in seinem vermeintlich schwächsten Themenfeld genug Raum gehabt hätte. Doch er kam nur selten hinter seiner Deckung hervor, vielleicht um schon jetzt wie ein Präsident zu wirken - nicht wie ein Mann, der es erst noch werden muss. Es war die falsche Entscheidung, eine, über die seine Kampagne sicherlich diskutieren wird, falls die Wahl verloren geht.

Romneys falsche Strategie

Genauso wie über das Zugeständnis, die letzte Debatte zur Außenpolitik zu führen. Dieser Deal hat dem Präsidenten kurz vor dem Wahltag noch einmal Aufwind gegeben. Denn die letzten Umfragen sahen nicht besonders gut aus: Landesweit liegen Obama und Romney gleichauf, der wichtige "Swing State" Florida neigt immer stärker dem Republikaner zu.

So aber könnte die Nacht von Boca Raton als wichtigster Moment eines langen Wahlkampfes in die Geschichte eingehen. Als der Tag, an dem der amtierende Präsident im Angesicht der Niederlage das Bajonett aufpflanzte und zum Gegenangriff ritt.

Oder seinen Flugzeugträger in Stellung brachte, je nachdem.

Quelle: n-tv.de