Politik
Mutmaßliche Überreste von Kämpfern der "Kamuina Nsapu"-Miliz in dem Ort Tshimaiy.
Mutmaßliche Überreste von Kämpfern der "Kamuina Nsapu"-Miliz in dem Ort Tshimaiy.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 21. März 2017

Zwanzig Jahre Bürgerkrieg: Warum der Kongo nicht zur Ruhe kommt

Von Simone Schlindwein, Kampala

Massengräber, Kämpfe und die Entführung zweier UN-Ermittler – im Kongo herrschen Gewalt und Terror. Das ist kein Zufall: Der UN-Sicherheitsrat beschließt diese Woche ein neues Mandat. Am liebsten würden die Blauhelme abziehen.

Wieder wurden im Kongo Massengräber gefunden: hunderte Leichen verschüttet und vergraben. Journalisten, die in der Region Kasai recherchierten, im Herzen des gewaltigen Landes, zeigen Videos: Ein aufgeschütteter Erdhaufen, aus dem Knochen und Schädel herausragen. Die UN-Mission im Kongo, MONUSCO, hatte im Februar gemeldet: Es hat in der abgelegenen Region Kämpfe gegeben zwischen der Armee und einer lokalen Miliz. Über 400 Menschen seien dabei getötet worden. Wahrscheinlich stammen daher die acht Massengräber.

Seit mehr als zwanzig Jahren herrscht Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo. Es gibt Hochrechnungen von Millionen von Toten, die allerdings nur begrenzt glaubhaft sind. Wahr ist: Es sterben täglich Menschen durch Gewalt. Die acht Massengräber in Kasai sind nur ein weiterer Beweis dafür. Dabei galt Kasai bislang als relativ friedliche Region, im Vergleich zum Ostkongo zumindest, wo seit 20 Jahren Krieg herrscht.

Vermeintliche Kongo-Experten nennen stets die Rohstoffe als Ursache. Im Kongo gibt es enorme Kupfer- und Erzvorkommen, die zur Herstellung von Batterien und Mobiltelefonen notwendig sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn es Wege gäbe, Erze ohne Gewalt zu schürfen, wären die Erträge um einiges lukrativer. Die Rohstoffe verursachen die Gewalt nicht, sie verlängern sie nur.

Die Gewalt ist hausgemacht

Was die Massengräber jetzt aber der Welt vor Augen führen: Die Gewalt ist hausgemacht und gezielt gesteuert. Handyvideos, von Armeesoldaten aufgenommen, zirkulierten durch die sozialen Netzwerke: Da stürmt eine Einheit Armeesoldaten ein abgelegenes Dorf. Junge Männer, einige noch Kinder, stürmen mit Stöcken und Steinschleudern aus dem Gebüsch. Es sind Milizionäre einer lokalen Bürgerwehr, die sich Kamuina Nsapu nennt – Nsapu ist der Name eines traditionellen Chiefs.

100 Blauhelme aus Uruguay sind in der Provinz Kasai-Central stationiert.
100 Blauhelme aus Uruguay sind in der Provinz Kasai-Central stationiert.(Foto: REUTERS)

Chief Nsapu hatte sich im vergangenen Jahr gegen Präsident Joseph Kabila ausgesprochen, als dieser keine Anstalten machte, nach seinen regulären zwei Amtszeiten zurückzutreten und Neuwahlen anzuberaumen. Die Region Kasai gilt von jeher als Bruststätte der Opposition. Kabila reagierte knallhart: Nsapu wurde von der Polizei ermordet, das Dorf niedergebrannt. Seitdem kommt es immer wieder zu Kämpfen zwischen der Armee und Nsapus Anhängern. Die Gewalt hat zur Folge, dass die Wahlkommission in Kasai die für die Wahlen notwendige Wählerregistrierung nicht durchführen kann. Vier Wahlbüros wurden bereits angezündet. Das kommt Präsident Kabila nicht ungelegen, immerhin kann er seine Amtszeit damit weiter verlängern. Unsicherheit, Gewalt und Chaos sind die Instrumente, mit welchen er das riesige Land seit 16 Jahren regiert.

Die Jugend in Kasai ist wütend – so wütend, dass sie mit Stöcken und Steinschleudern gegen die Armee ins Feld zieht. Dabei werden sie von halbautomatischen Gewehrsalven niedergemäht. Die Handy-Kamera filmt in rund sieben Minuten zahlreiche Leichen und Schwerverletzte in Nahaufnahme. Die, die noch nicht tot sind, werden wehrlos im Gras liegend von weiteren Kugeln niedergestreckt – im Hintergrund hört man Jubelschreie.

Wer hat die Massaker befohlen?

Nach Inaugenscheinnahme des Videos kam Kongos Militärstaatsanwalt vergangene Woche zum Schluss: Es handelt sich um Kriegsverbrechen. Sieben Soldaten wurden angeklagt. Immerhin. Doch wer hat die Massaker befohlen?

Als zwei UN-Ermittler vergangene Woche nach Kasai aufbrachen, wurden sie entführt: Der Amerikaner Michael Sharp ist Vorsitzender der UN-Expertengruppe, die vom Sicherheitsrat entsandt wird, um Verstöße gegen Sanktionen zu untersuchen. Die Schwedin Zaida Catalan ist darin zuständig für Menschenrechte. Seid al-Hussein, der Hohe UN-Kommissar für Menschenrechte, hatte Untersuchungen zu den Massengräbern verlangt. Noch immer fehlt von den beiden Ermittlern jede Spur.

Kongos Regierungssprecher sagt, sie seien von der Miliz entführt worden. Die Glaubwürdigkeit des Handyvideos mit den Massakern bestreitet er; dies sei in einem anderen Land gedreht worden, um den Kongo in ein schlechtes Licht zu rücken, erklärt er. Dagegen vermuten andere Quellen die Armee hinter den Kidnappern.

UN-Blauhelme suchen seit über einer Woche verzweifelt nach ihren Ermittlern. Dabei werden sie von Regierungstruppen nicht unterstützt, sondern behindert: "Ich verlange den unverzüglichen Stopp aller Restriktionen für die MONUSCO-Truppen, sich frei zu bewegen", sagt der UN-Chef im Kongo, der nigrische Diplomat Maman Sambo Sidikou. Um die Gewalt in Kasai zu stoppen, hatte die UN jüngst 100 uruguayische Blauhelme dort stationiert. Einer wurde direkt von Soldaten angeschossen und schwer verletzt.

Die Beziehungen zwischen den Vereinten Nationen und Kongos Regierung sind an einem Tiefpunkt. Das ist alles kein Zufall: Diese Woche wird im UN-Sicherheitsrat das Kongo-Mandat debattiert, das jährlich erneuert werden muss. Kongos Präsident Kabila fordert seit langem den Abzug der Blauhelme. Auch die UN will langfristig ihre weltweit teuerste und mit rund 20.000 Blauhelmen umfangreichste Mission dichtmachen. Allerdings muss sie erst ihr Mandat erfüllen: die Auslöschung aller Milizen und Rebellengruppen. In jüngster Zeit erweisen sich jedoch Armee und Polizei als die brutalsten bewaffneten Gruppen gegenüber der Bevölkerung – ein gewaltiges Dilemma.

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Quelle: n-tv.de

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