Der Bundesverteidigungsminister drückte auf der Tribüne die Daumen, doch die deutsche Nationalmannschaft hätte ihn besser auf dem Platz gebrauchen können. Beim schmeichelhaften 3:2 (1:1) im Halbfinale gegen die Türkei präsentierte sich die Abwehr genau in jener miserablen Verfassung, wie sie von vielen Experten vor dem Beginn der EURO 2008 erwartet wurde. Torhüter Jens Lehmann und seine vier direkten Vorderleute zeigten über weite Strecken eine Leistung, die eines Halbfinalisten nicht würdig war.
Die zum Teil auch individuellen Probleme der wichtigsten deutschen Tore-Verhinderer lassen für das EM-Endspiel am Sonntag in Wien Schlimmes befürchten. Lehmann fiel vor allem durch Unsicherheiten auf und machte bei den Gegentreffern durch Ugur (22.) sowie Semih (86.) eine unglückliche Figur. Arne Friedrich, Philipp Lahm, Per Mertesacker und Christoph Metzelder leisteten sich eklatante Schwächen im Zweikampf, Stellungsspiel und Spielaufbau.
Glück trotz Lücken
Beim letzten Vorrundenspiel gegen Österreich verteidigte die deutsche Abwehr erstmals in dieser Zusammensetzung, in der Tat ist es aber dasselbe Personal, das bei der WM 2006 überzeugen konnte. Im Halbfinale war es nur der Abschlussschwäche des ersatzgeschwächten türkischen Teams zu verdanken, dass Lehmann und seine Viererkette für ihre Unzulänglichkeiten nicht noch schwerer bestraft wurden.
Das einzig Positive an diesem Mittwochabend, den Bastian Schweinsteiger (26.), Miroslav Klose (79.) und Lahm (90.) mit ihren Toren zu einem glücklichen Ende brachten, war die selbstkritische Haltung der Protagonisten nach dem Schlusspfiff. "Die Türkei war der schwierigste Gegner und wir haben unsere schlechteste Turnierleistung abgeliefert. Wir hatten viel Glück und mussten viel überstehen", erklärte der indisponierte Bremer Mertesacker.
Nicht richtig dran am Gegner
Auch Matchwinner Lahm konnte seine schwache Leistung in der Defensive, deren Fehler sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel in Aufregung versetzten ("Ich habe oft die Luft angehalten"), richtig einschätzen. "Wir haben nicht so gespielt, wie wir uns das vorgestellt haben. Ich sehe beim 2:2 nicht gut aus", sagte der Linksverteidiger: "Wir haben es versäumt, aggressiv nach vorne zu verteidigen. Wir waren nicht richtig dran an den Gegnern."
Für Metzelder und Lehmann lagen die Gründe für die zahlreichen Schnitzer, die von Experten aufgrund der fehlenden Spielpraxis der beiden schon im EM-Vorfeld befürchtet worden waren, klar auf der Hand. "Man hat im Turnier gesehen, dass die Mannschaften, die sechs Tage Pause hatten, fast alle rausgeflogen sind. Da ist einfach der Rhythmus weg", erläuterte Lehmann. "Ich habe den Eindruck, dass bei diesem Turnier jeder Tag Pause mehr hinderlich ist", sagte auch Metzelder.
Aus dem Rhythmus
Bundestrainer Joachim Löw suchte die Ursachen für die Lücken in der Abwehr indes weiter vorne auf dem Platz. "Wir hatten im Mittelfeld in dieser Besetzung nicht die Kompaktheit und einige Lücken", sagte der Coach: "Wir hatten zudem in der Anfangsphase einige Ballverluste im Spielaufbau und haben uns damit selbst aus dem Rhythmus gebracht."
Nach diesen Aussagen müssen vor allem die beiden defensiven Mittelfeldspieler bangen: Simon Rolfes, der nach dem Seitenwechsel auch aufgrund einer Platzwunde am Auge seinen Platz für den noch angeschlagenen Torsten Frings (Rippenbruch) räumen musste, und Thomas Hitzlsperger werden um ihren Platz in der Startformation im Endspiel kämpfen müssen.
Alexander Sarter und Jürgen Zelustek, sid