Medikamenten-Missbrauch

Alarmierende Normalität

05.05.2008 | 13:05 Uhr
Der Schmerzmittel-Missbrauch im Sport ist alarmierend, findet der Kölner Professor Mario Thevis. Denn: Ein Medikamenten-Mix "von bis zu acht Tabletten ist nicht ungewöhnlich".

Der Schmerzmittel-Missbrauch im Sport ist alarmierend, findet der Kölner Professor Mario Thevis. Ein Medikamenten-Mix "von bis zu acht Tabletten ist nicht ungewöhnlich", sagt der Wissenschaftler vom Institut für Biochemie und Zentrum für Präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ob im Fußball oder Handball, in der Leichtathletik oder im Gewichtheben: Immer mehr Athleten schlucken schon prophylaktisch eine Pille, um dem drohenden Schmerz zu entgehen und die Leistungsgrenze nach oben zu verschieben. Thevis macht deutlich: "Der Einsatz schmerzstillender Mittel stellt zumindest einen Grauzonenbereich des Dopings dar."

Geschluckt wird im Training wie im Wettkampf. Thevis: "Sehr häufig werden insbesondere entzündungshemmende und schmerzstillende Mittel der Kategorie nicht-steroidaler Antirheumatika wie zum Beispiel Diclofenac oder Aspirin eingenommen." Gesundheitliche Schäden drohen. Zum Beispiel bei einer dauerhaften Überbelastung von Gelenken, deren Warnsignale in Form von Schmerzen nicht wahrgenommen werden. Der Magen wird angegriffen, gefährlich wird es bei vorgeschädigten Nieren.

Pille als Schmerzstiller

Im Voltaren-Beipackzettel heißt es zudem: "Arzneimittel wie Voltaren Dispers sind möglicherweise mit einem geringfügig erhöhten Risiko für Herzanfälle (Herzinfarkt) oder Schlaganfälle verbunden." Jedwedes Risiko ist wahrscheinlicher mit hohen Dosen und länger dauernder Behandlung.

"In den letzten Jahren habe ich wegen meiner permanenten Knieschmerzen prophylaktisch vor jedem Spiel eine Voltaren genommen. So waren die Schmerzen für eine Weile ausgeschaltet und ich konnte mich 60 Minuten auf das Spiel konzentrieren", erklärt der frühere Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar. Der Magdeburger bekennt: "Sicher ist das nicht die richtige Form der Prophylaxe, aber wenn man Kopfschmerzen hat, nimmt man ja auch eine Schmerztablette, um durch den Tag zu kommen. Man ist ja Sportler und will das Beste für seine Mannschaft geben."

Und: "Wir wussten, dass Voltaren nicht magenfreundlich ist, deswegen haben wir die dispers (lösbar) genommen und nicht die ganz starken Kracher." Kretzschmar betonte allerdings, dass er nur für sich selbst spreche.

Grenze zum Doping fließend

Schwer einzuschätzen ist, ob die Einnahme der Medikamente vor allem durch Selbstmedikation erfolgt oder aber auch auf Druck von Verein und Trainer. Zudem wirkt sich der ständig zunehmende Terminstress aus. Über die möglichen Folgen denken die Athleten aber wohl kaum nach. Thevis: "Es ist zu vermuten, dass die möglichen langfristigen Konsequenzen durch die Sportler unterschätzt werden und lediglich der gegenwärtige Vorteil gesehen wird."

Die Grenze zum Doping ist fließend. Thevis: "Durch den zum Teil prophylaktischen Gebrauch von Schmerzmitteln kann die Leistungsgrenze eines Athleten erhöht beziehungsweise der Leistungseinbruch aufgrund von Schmerzen herausgezögert werden und somit das sportliche Gesamtergebnis beeinflusst werden." Der Kampf gegen diese Form des Medikamenten-Missbrauchs ist schwierig. Thevis: "Da es im Gegensatz zu dopingrelevanten Verbindungen keine Sanktionen nach Dopingkontrollen geben kann, sind Aufklärung und Sensibilisierung der Athleten meist die einzige Möglichkeit."

von Richard Janssen, dpa