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In Berlin sollte über Ergebnisse der Studie "Doping in Deutschland" gesprochen werden. Thema stattdessen: Warum ist das Projekt gescheitert?
In Berlin sollte über Ergebnisse der Studie "Doping in Deutschland" gesprochen werden. Thema stattdessen: Warum ist das Projekt gescheitert?(Foto: dpa)

Doping-Studie enttäuscht Hoffnungen: Aufklärung? Erkenntnis? Nichts!

Die Studie "Doping in Deutschland" sollte aufklären, was der deutsche Sport verschweigt. Nun scheint klar: Es mangelt an Willen, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Statt um Ergebnisse geht es nur noch um die Frage, warum das Prestigeprojekt geplatzt ist. Die überzeugendste Antwort ist nicht nur für Dopingopfer ein Schlag ins Gesicht.

Noch bevor die letzten Teilergebnisse der Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation" überhaupt in Berlin präsentiert waren, ging beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) als Auftraggeber schon Angst um: vor schlechter Presse, bundesweit. Die Furcht war berechtigt. Statt konsequente Aufklärung zu bieten, überschatteten massive Kritik und gegenseitige Vorwürfe die Veranstaltung. Unter dem Strich steht nun eine rund 550.000 Euro teure Studie zur deutschen Dopinggeschichte, die meilenweit hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist und vorerst ohne Abschlussbericht bleibt. Und die die Frage aufwirft, wie ernst es der deutsche Sport mit der Aufarbeitung seiner Dopingvergangenheit meint.

Der Grund: In Berlin war mit den Wissenschaftlern von der Universität Münster nur noch eine von zwei Forschergruppen vertreten, an die die Studie 2009 vergeben worden war. Die zweite Gruppe aus Berlin, die im September 2011 beim zweiten Zwischenbericht mit unbequemen Erkenntnissen zu "systemischem Doping" in Westdeutschland in den 1970er und 1980er Jahren unter der billigenden Mitwisserschaft hochrangiger Sportfunktionäre für Aufstehen gesorgt hatte, musste ihre Arbeit Ende März 2012 wegen Geldmangels einstellen.

Zufall, dass gerade die bis dahin kritischere der beiden Forschergruppen ihre Arbeit nicht beenden konnte - oder Kalkül, um sie auszubremsen? Diese Frage war vorab in den Medien diskutiert worden und musste in Berlin gar nicht erst an BISp-Direktor Jürgen Fischer gerichtet werden. Schon seine vermeintlichen Begrüßungsworte gerieten zu einer fast 30-minütigen Verteidigungsrede, um "Irritationen zu  bereinigen". Das misslang Fischer, weil er gleichzeitig für neue Irritationen sorgte, mit eindeutigen Vorwürfen an die Berliner Humbold-Universität. Der schob der BISp-Direktor die alleinige Schuld für das Aus ihrer Forschergruppe zu.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

"Warum die Verträge nicht verlängert wurden, müssen sie die HU fragen", sagte Fischer: "Es gab so viele Widersprüchlichkeiten im Gebaren der HU, dass es mir nicht gelungen ist, diese aufzuklären. Es sind von der Universität Geldmittel nicht abgerufen worden." Die Universität wies diese Darstellung umgehend zurück und teilte per Stellungnahme mit: "Die am Projekt beteiligten Mitarbeiter sind zum 30. März 2012 ausgeschieden, da die Mittel der Zuwendung aufgebraucht waren und keine verbindlichen Zusagen über die Bereitstellung weiterer Mittel vorlagen." Die Forscher selbst hatten im Vorfeld der Präsentation davon gesprochen, dass das BISp Gelder bewusst zurückgehalten habe.

Widersprüchlich blieb auch, warum die Berliner Forschergruppe um Professor Giselher Spitzer nicht zumindest ihre bis März 2012 erarbeiteten Erkenntnisse vorstellen durfte. An Zeitmangel kann es nicht gelegen haben. Mit Erik Eggers nahm ein Mitglied der aufgelösten Forschungsgruppe als Gast an der Präsentation in Berlin teil und sagte dort: "Wir hätten gerne unsere Forschungsergebnisse präsentiert. Für die Phase nach dem Mauerfall hätten wir Neuigkeiten zum Forschungsstand liefern können."

Eggers beklagte zudem schwere Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit durch das BISp als Auftraggeber. Diese würden auch die für den Winter 2011 angekündigte Veröffentlichung des zweiten Zwischenberichts zu den Ergebnissen weiter verhindern. Der Bericht, in dem unter anderem dem langjährigen NOK-Präsidenten Willi Daume die Kenntnis von Anabolika-Doping in den 1970er attestiert wird, sei zwar vom BISp im Mai 2012 schließlich freigegeben worden. Allerdings unter nicht akzeptablen Bedingungen: "Wir hätten jeden Namen juristisch prüfen lassen müssen. Wenn wir das gemacht hätten, wären wir erst 2080 fertig geworden." Wissenschaftlich, das betonte Eggers ausdrücklich, stehe einer Veröffentlichung der Namen nichts im Wege. Beim BISp beruft man sich hingegen auf die Gesetze zum Schutz von Persönlichkeitsrechten.

Aufklärung ja, nur bitte nicht zuviel?

Als Fazit bleibt: Den im Raum stehenden Vorwurf, das dem Bundesinnenministerium unterstellte BISp und der Projektinitiator Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) seien nach den unliebsamen Berliner Erkenntnissen für die beiden ersten Forschungsphasen1950er/1960er Jahre und 1970er/1980er Jahre nicht länger an einer wirklichen Aufarbeitung der unrühmlichen westdeutschen Dopinggeschichte interessiert, konnten weder Fischer noch DOSB-Generalsekretär Michael Vesper entkräften. Das vermeintliche Prestigeobjekt, das auch von Dopingopfern als Hoffnungsschimmer angesehen worden war, ist den Verbänden schmerzhaft auf die Füße gefallen.

Vesper bekräftigte zwar: "Die Unterstellungen, wir wollten die Forschung nicht, kann ich nicht verstehen. Sonst hätten wir die Studie nicht angeleiert." Aus Sicht des DOSB sei die Studie auch "nicht gescheitert". Diesen Eindruck musste aber zumindest für die dritte Forschungsphase bekommen, wer die Präsentationen der Münsteraner um Professor Michael Krüger in Berlin verfolgte. Was von ihnen an Ergebnissen für den Zeitraum seit der Wiedervereinigung vorgestellt wurde, waren zumeist nicht mehr als Medienanalysen. Neue Erkenntnisse und echte Aufklärung? Fehlanzeige.

Die zentrale Frage lautet nun: Bleibt es dabei? Geht es nach Fischer, lautet die Antwort nein: "Ich kann versichern, dass das Projekt zu Ende geführt wird, wie es geplant war." Notfalls mit einer Neuausschreibung und ohne den Beitrag der Berliner Forscher.

Die wollen am Donnerstag selbst für Aufklärung sorgen, wenigstens zum vorzeitigen Ende ihrer Forschungsarbeit. Dann findet an der Viadrina Universität in Frankfurt/Oder ein Symposium statt, an dem Spitzer und Eggers als Referenten teilnehmen werden. Titel der Veranstaltung: "Probleme gesamtdeutscher Doping-Aufarbeitung". Es dürfte viel zu berichten geben.

Quelle: n-tv.de

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