Drei Wochen vor der olympischen Eröffnungsfeier sehen sich Jamaikas Topsprinter mit Doping- Verdächtigungen konfrontiert. Der Gründer des Doping-Labors BALCO, Victor Conte, hält die Leistungsexplosionen der jamaikanischen Leichtathletik-Asse für fragwürdig. In einem Artikel der "Los Angeles Times" erklärt Conte, er habe bereits im vergangenen Jahr der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) Tipps gegeben, der Sache nachzugehen, weil es in einigen karibischen Ländern keine unabhängige Anti-Doping-Agentur gebe.
Keine wirksamen Trainingskontrollen
"Die schnellsten Männer der Welt kommen von einer Insel. Das ist hochverdächtig. Ich glaube, in der Karibik gibt es einen übermäßigen Gebrauch leistungsfördernder Mittel", wurde Conte zitiert. Ex-WADA-Boss Dick Pound, der sich laut der "Los Angeles Times" im Dezember mit Conte getroffen hat, bezeichnete dessen Informationen als "gut". Ihnen sollte nachgegangen werden. Zwei Wochen nach dem Treffen legte Pound sein Amt nieder. WADA-Generaldirektor David Howman wollte sich nicht dazu äußern, wie mit Contes Informationen umgegangen wurde.
Der Jamaikaner Usain Bolt hatte am 31. Mai den 100-Meter- Weltrekord seines Landsmannes Asafa Powell von 9,74 Sekunden auf 9,72 Sekunden verbessert. Beide wurden noch nie positiv getestet. Bereits im vergangenen Monat hatte sich Adrian Lorde, Chef der regionalen karibischen Anti-Doping-Organisation (RADO), auf der BBC-Website kritisch über die Tests auf der Reggae-Insel geäußert. Jamaika ist weder Mitglied der RADO, noch gibt es dort ein Test-Programm, in dem unangekündigte Trainingskontrollen durchgeführt werden.
"Wenn man nicht testet, weiß man es nicht"
"Ich würde gerne denken, dass dort getestet wird, aber ich weiß es wirklich nicht", so Lorde. Er habe keinen persönlichen Verdacht, dass die jamaikanischen Athleten betrügen, aber "wenn man nicht testet, weiß man es auch nicht", sagte Lorde der "New York Times". Das Nationale Olympische Komitee Jamaikas wehrte sich gegen Manipulationsvorwürfe. "Alle unsere Athleten, die regelmäßig im Ausland starten, werden dort immer getestet", erklärte NOK-Chef Mike Fennell dem "Jamaica Observer".
Auch der Leichtathletik-Weltverband IAAF trägt der Tatsache Rechnung, dass es in Jamaika noch keine funktionierende Anti-Doping-Agentur gibt und fliegt regelmäßig Tester in die Karibik. Nur in Russland, Kenia, Griechenland und den USA gebe es mehr unangekündigte Trainingskontrollen als in Jamaika, teilte die IAAF mit. Jacques Rogge hatte sich besorgt über Dopingverdächtigungen bei herausragenden Leistungen geäußert. "Das ist eine unfaire Situation, in die sich die Athleten allerdings selbst gebracht haben. Jede Weltklasse-Leistung wird angezweifelt, und da gibt es kein Entkommen", sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).