
Der Gutachter des Eislauf-Weltverbandes ISU im Fall Claudia Pechstein, Giuseppe D'Onofrio, äußert sich nicht zu den neuen medizinischen Befunden über eine Blutanomalie der Eisschnelllauf-Olympiasiegerin. "Die ISU sieht keine Verpflichtung, ihre eigenen Sachverständigen ihren Klienten zur Verfügung zu stellen", heißt es in einem Antwortschreiben des Verbandes an die Pechstein-Anwälte. Die hatten um eine Stellungnahme zu den von deutschen Hämatologen vorgelegten Erkenntnissen gebeten.
Vorausgegangen war eine ähnliche Anfrage von Anwalt Simon Bergmann an den Italiener D'Onofrio, der neben Pierre-Edouard Sottas wichtigster ISU-Gutachter im Verfahren gegen Pechstein war. D'Onofrio hatte in seiner Antwort zwar bestätigt, die neuen Befunde gelesen zu haben. Er machte aber zugleich deutlich, dass er sich dazu nur dann äußern könne, wenn die ISU ihr Einverständnis erklären würde.
Der Italiener hatte während der Verhandlung vor dem CAS die Meinung vertreten, er könne bei Pechstein eine Anomalie zu 99 Prozent ausschließen. Die Richter des Internationalen Sportgerichtshofes entschieden in dem Verfahren, die erhöhten Retikulozyten-Werte der Berlinerin seien nur durch Doping zu erklären. Deshalb bestätigte der CAS am 25. November 2009 die durch die ISU gegen Pechstein verhängte Zweijahressperre.
Zu "99,99 Prozent" eine Sphärozytose
Inzwischen wurde an der Berliner Charité mit Hilfe einer neuen Messmethodik zu "99,99 Prozent" eine milde Form der Sphärozytose nachgewiesen. Diese Blut-Anomalie, bei der die roten Blutkörperchen frühzeitig absterben und deshalb ständig nachgebildet werden müssen, erklärt nach Ansicht mehrerer Hämatologen die auffälligen Retikulozytenwerte der fünfmaligen Olympiasiegerin. Ihre Ergebnisse hatten die Wissenschaftler am vergangenen Montag auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt und dabei nicht mit Kritik an zweifelnden Dopingexperten gespart.

Am Rande der Weltmeisterschaften am vergangenen Wochenende in Heerenveen wollte auch der als verantwortlicher ISU-Mediziner eingesetzte Harm Kuipers zu den neuen Entwicklungen keine Stellung nehmen. "Es ist ein laufendes Verfahren, da darf ich nichts dazu sagen", erklärte der Niederländer. Er hatte Pechstein im Februar 2009 aufgrund der festgestellten Werte bei der WM in Hamar aus dem Rennen genommen. Kuipers wollte auch nicht bestätigen, dass er sich mit den vorliegenden hämatologischen Befunden beschäftigt habe.


