Fußballticker

Automatisch aktualisieren
 2. Bundesliga, Mo., 23. Okt. 20:30 Uhr SpieltagTabelle
Sandhausen 0:0  St. Pauli Spielbericht
Sport
(Foto: picture-alliance/ dpa)
Donnerstag, 26. November 2009

Das CAS-Urteil und seine Folgen: Pechsteins Karriere-Aus?

Christoph Wolf

Der Internationale Sportgerichtshof CAS bestätigt, dass Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wegen Blutdopings für zwei Jahre gesperrt wird. n-tv.de beantwortet die zentralen Fragen, die sich aus dem CAS-Urteil ergeben.

1. Ist der Fall juristisch abgeschlossen und Pechsteins Karriere beendet?

Der Internationale Sportgerichtshof CAS ist die höchste Instanz der Sportgerichtsbarkeit. Um die Autonomie der Verbände zu schützen, ist der Gang vor Zivilgerichte im Anschluss an eine CAS-Entscheidung nicht vorgesehen. Den Athleten wird dennoch das Recht eingeräumt, CAS-Entscheidungen noch einmal überprüfen zu lassen. Angerufen werden kann in der Regel aber nicht jedes Zivilgericht, sondern nur das Schweizer Bundesgericht in Lausanne. Pechsteins Anwälte werden versuchen, dort möglichst rasch eine einstweilige Verfügung gegen das CAS-Urteil zu erwirken, während die Bundesrichter im Rahmen einer Aufhebungsklage prüfen, ob beim Schiedsspruch des CAS Verfahrensfehler gemacht wurden. Ist dies der Fall, wird das Urteil nicht einfach aufgehoben, sondern höchstwahrscheinlich an den Internationalen Sportgerichtshof zurückverwiesen.

Seit Gründung des CAS im Jahr 1984 wurden erst zwei Schiedssprüche wieder aufgehoben. 2006 musste das Verfahren gegen den argentinischen Tennisprofi Guillermo Canas aus formalen Gründen erneut aufgerollt werden. Der Schuldspruch wurde auch bei der Neuverhandlung bestätigt, die Sperre allerdings verkürzt. Zudem wurde in dieser Woche bekannt, dass die CAS-Sperre gegen den deutschen Eishockey-Nationalspieler Florian Busch aufgehoben wurde. Die Urteilsbegründung steht noch aus. Wahrscheinlich ist jedoch, dass das Bundesgericht die Zuständigkeit des CAS nicht gegeben gesehen hat - und dieser folglich keine Dopingsperre aussprechen durfte. Die Zuständigkeit ist im Fall Pechstein jedoch unzweifelhaft.

2. Welche Bedeutung hat das Urteil für den Internationalen Anti-Doping-Kampf auf Basis der indirekten Beweisführung über Blutprofile?

Der Schiedsspruch in Lausanne wird von Dopingbekämpfern nahezu einhellig, wenn auch nicht euphorisch begrüßt. Der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) John Fahey sagte: "Die Entscheidung ist eine Ermutigung für die Zukunft der Doping-Bekämpfung." DOSB-Präsident Thomas Bach betrachtet das Urteil gar als "wegweisend für den internationalen Kampf gegen Doping". Mit Blick auf mögliche Folgen hatte Gian Franco Kasper, Präsident des Internationalen Skiverbands FIS und Mitglied im WADA-Exekutivkomitee, bereits vor Wochen erklärt, die meisten Sportverbände hätten Listen mit auffälligen Athleten in der Schublade. Bekomme die ISU wie nun geschehen vor dem CAS Recht, dann sei er von zahlreichen weiteren Sperren aufgrund des indirekten Beweises mittels Blutprofilen überzeugt.

Nichtsdestotrotz steht für den Kölner Dopingforscher Mario Thevis fest, dass auch in Zukunft jeder neue Befund für sich bis ins Detail geprüft werden muss, um dann aus den Indizien die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Als Präzedenzfall taugt der Fall Pechstein deshalb nur insofern, da er in die Ausarbeitung für die WADA-Verfahrensrichtlinien für die künftige indirekte Beweisführung auf Basis von Blutprofilen einfließen wird. Die neuen Richtlinien werden wahrscheinlich Anfang 2010 in Kraft treten. Erwartet wird unter anderem eine Konkretisierung dahingehend, dass die Beweisführung anders als im Fall Pechstein nicht nur auf einem einzigen auffälligen Blutparameter beruhen sollte.

3. Ist Pechsteins Vorwurf, die Unschuldsvermutung würde für sie nicht gelten und sie hätte weniger Rechte als ein Verbrecher, durch das CAS-Urteil bestätigt worden?

So simpel es klingt: Der zentrale Unterschied zwischen Claudia Pechstein und einem Verbrecher liegt darin, dass Claudia Pechstein kein Verbrecher ist – sondern Sportlerin. Deshalb gilt für einen Verbrecher das Strafrecht und die Unschuldsvermutung, für Claudia Pechstein jedoch das Sportrecht und damit der WADA-Code. Das dort verankerte Prinzip der „strict liability“ besagt, dass ein Sportler selbst dafür verantwortlich ist, welche Substanzen in seinem Körper gefunden werden. Bei einem nachgewiesenen Dopingvergehen, etwa einer positiven A- und B-Probe, muss der Athlet seine Unschuld beweisen. Er muss zur Aufhebung bzw. Verkürzung der regulären Sperre überzeugend darlegen, dass die nachgewiesene Substanz gänzlich oder überwiegend ohne sein Verschulden in seinen Körper gelangt ist, zum Beispiel über eine manipulierte Zahnpastatube.

An diesem Prinzip wurde auch im Fall Pechstein festgehalten, wenngleich aufgrund der indirekten Beweisführung über das Blutprofil zwangsläufig kein positiver Dopingtest vorliegen kann. Das kann man wie Pechstein beklagen, liegt aber in der Natur der Sache begründet. Als Konsequenz daraus hat der CAS an die Internationale Eisschnelllauf-Union ISU die Forderung gestellt, zur Überzeugung des Gerichts nachzuweisen, dass die auffälligen Retikulozyten-Werte von Claudia Pechstein zwingend auf Blutdoping hinweisen müssen. Die Beweislast wurde also bei der ISU verortet. Gleichzeitig wurde vom CAS aber auch geprüft, ob die von Pechstein angeführten alternativen Erklärungsmöglichkeiten wie eine seltene Blutkrankheit, zu enge Schlittschuhe, zu niedrige Temperaturen bei den Weltcups oder zu hoher Stress ihre auffälligen Blutwerte wissenschaftlich fundiert begründen können. Nach Abwägung und Auswertung der bei der zweitätigen Berufungsverhandlung vorgetragenen Expertisen, Argumente und Gutachten kamen die Richter zu dem Schluss, dass die Anomalien in Pechsteins Blut nur durch Manipulationen der Athletin plausibel erklärbar sind - wenngleich es eine hundertprozentige Sicherheit nie geben kann, wie der Pharmakologe Fritz Sörgel betont: "Es ist immer eine gewisse Unsicherheit mit drin, aber die ist im Fall Pechstein sehr klein."

4. Wie könnte sich Pechstein noch für die Olympischen Spiele qualifizieren?

Zwingend notwendig wäre ein Start beim Weltcup in Salt Lake City vom 11. bis 13. Dezember, den sie durch eine einstweilige Verfügung erreichen könnte. Beim Weltcup in den USA besteht die letzte sportliche Qualifikationsmöglichkeit. Pechstein müsste über eine Strecke mindestens Achte werden, um die DOSB-Norm zu erfüllen. Sollte sie schon für den Weltcup zuvor in Calgary (4. bis 6. Dezember) ein Startrecht erwirken, würden ihr dort und in Salt Lake City auch zweimal ein Platz unter den besten 16 Starterinnen auf einer Distanz genügen. Eine weitere Hürde bliebe aber bei der sportlichen Qualifikation: Über die endgültige Nominierung entscheidet der  DOSB. Er behält sich vor, auch unabhängig von den zuvor durch den Athleten erfüllten Kriterien zu nominieren. Kritiker beklagen jedoch, dass dem DOSB Medaillen im Zweifel wichtiger sind als eine konsequente Haltung im Kampf gegen Doping.

5. Welche Auswirkungen hat das Urteil für Pechstein persönlich?

Neben finanziellen Einbußen durch die zu erwartende Kündigung von Werbeverträgen und die nicht erstatteten Verfahrenskosten muss Pechstein mit der Entlassung aus der Bundespolizei und damit der Aberkennung ihres Status' als Beamtin rechnen. Das bislang ausgesetzte Disziplinarverfahren wird laut Bundesinnenminister Thomas de Maiziere wieder aufgenommen, sobald das CAS-Urteil rechtskräftig ist. Nach eigenen Angaben hat Pechstein eine Vereinbarung unterschrieben, "kein Doping zu benutzen", die sie bei einer Verurteilung gebrochen hätte. Eine Entlassung aus dem Dienst gilt dennoch als unwahrscheinlich. Laut Beamtengesetz ist sie nur dann möglich, wenn Beamte in einem Strafverfahren zu einer mehr als zwölfmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt werden.

Sollte Pechstein dennoch aus dem Dienst entlassen werden, bliebe ihr die Möglichkeit, dagegen Klage vor einem Verwaltungsgericht einzureichen. Dort bzw. in den folgenden Instanzen würde juristisch geklärt werden, ob der von Pechstein unterschriebene Dopingverzicht die Entlassung rechtfertigt. In einem entsprechenden Urteil müssten zwei Aspekte geklärt werden: Einerseits, mit welchen Sanktionen staatlich geförderte Spitzensportler im Dopingfall zu rechnen haben. Andererseits, wie die Vereinbarungen mit diesen Athleten gestaltet sein müssen, um Sanktionen auch tatsächlich durchsetzen zu können. Der Fall Pechstein hätte dann doch noch einen Präzedenzfall geschaffen.

 

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen