Fackellauf wird zur Farce

San Fran narrt Protestler

10.04.2008 | 07:18 Uhr
Nach dem Entzünden der Fackel waren die Läufer heimlich per Bus in einen anderen Stadtteil, weitab von der geplanten Strecke, gebracht worden. Dort setzten sie ihren Lauf durch die Stadt unter starkem Polizeischutz ohne große Zwischenfälle in meist menschenleeren Straßen fort.

IOC-Präsident Jacques Rogge hat in Peking erstmals "eine Krise" eingestanden. Die gegenwärtige Lage sei zweifellos eine Krise, erklärte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nach der Auftaktsitzung der IOC-Exekutive, aber "wir haben in der Geschichte der Olympischen Spiele schon größere Stürme bewältigt". Nach den Unruhen in Tibet und den Protestaktionen beim Olympischen Fackellauf sei die derzeitige Situation "eine Herausforderung", die man mit anderen Herausforderungen in der olympischen Vergangenheit wie dem Massaker bei den Spielen 1972 in München oder den zahlreichen Boykott-Spielen allerdings nicht vergleichen könne.

Der Ober-Olympier versicherte, die Fortsetzung des Olympischen Fackellaufs stehe nicht zur Diskussion. Mit dem Pekinger Organisationskomitee BOCOG werden Maßnahmen diskutiert, die Weltreise der Flamme zu verbessern. Über mögliche Änderungen der internationalen Route für künftige Spiele werde erst bei der Manöverkritik des Pekinger Spektakels Ende September, Anfang Oktober entschieden. "In der Hitze des Augenblicks werden wir keine Entscheidung treffen", betonte Rogge.

Moralische Verpflichtungen

China sei bei der Vergabe der Spiele an Peking am 13. Juli 2001 im Ausrichtervertrag keinerlei vertragliche Verpflichtungen in der Menschenrechtsfrage eingegangen. "Für mich sind das moralische Verpflichtungen, und wir bitten China, dieses Versprechen einzuhalten", sagte Rogge und bestätigte, in seinen Gesprächen mit Chinas Premierminister Wen Jiabao Pressefreiheit eingefordert zu haben. "Da gibt es sicher noch Raum für Verbesserungen", meinte Rogge.

In der viel diskutierten Frage der Meinungsfreiheit der Athleten stellte er klar, dass die Athleten bei den Olympischen Spielen "überall, auch in der offiziellen Pressekonferenz frei ihre Meinung äußern dürfen". Nur Propaganda sei nicht erlaubt. "Wir werden Richtlinien an alle Nationalen Olympischen Komitees rausgeben und werden die einzelnen Fälle mit sehr viel gesundem Menschenverstand beurteilen", sagte der 65-Jährige, der seine Alltagsarbeit als IOC- Chef "nicht immer angenehm" findet.

Route komplett geändert

Aus Angst vor massiven Protesten gegen die Tibet-Politik der chinesischen Regierung war der olympische Fackellauf durch San Francisco in letzter Minute umgeleitet worden. Nach einem über zweistündigem Katz-und-Maus-Spiel nahm der Lauf ein friedliches, aber glanzloses Ende. Führende Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zeigten sich bei einem Treffen in Peking erleichtert. Nach den teilweise gewalttätigen Protestaktionen bei den Fackelläufen in London und Paris nannte IOC-Präsident Jacques Rogge "die Situation in San Francisco besser". Es sei aber nicht "die freudige Party" gewesen, die man sich erhofft habe.

Wegen der drohenden Ausschreitungen hatten die Veranstalter die ursprünglich geplante Route durch San Francisco, wo Zuschauer und Demonstranten stundenlang vergeblich auf die Flamme warteten, komplett geändert. Der geplante Lauf entlang der Hafenpromenade und die Abschlussfeier auf dem Justin-Herman-Platz wurden kurzfristig gestrichen.

Nach dem Entzünden der Fackel waren die Läufer heimlich per Bus in einen anderen Stadtteil, weitab von der geplanten Strecke, gebracht worden. Dort setzten sie ihren Lauf durch die Stadt unter starkem Polizeischutz ohne große Zwischenfälle in meist menschenleeren Straßen fort. David Perry, Sprecher der Fackellauf-Organisatoren, verteidigte die Programmänderung. Die "außergewöhnliche Maßnahme" sei zum Schutz der Läufer getroffen worden. Nach den Vorfällen in London und Paris hätten sich zahlreiche Fackelträger vor gewalttätigen Ausschreitungen gefürchtet.

Um den Fackellauf betrogen

In den Stunden vor dem Lauf war es zu heftigen Wortgefechten zwischen chinesischen Olympia-Befürwortern und pro-tibetischen Demonstranten gekommen. Die Polizei musste eingreifen, um Gewalttätigkeiten zu verhindern. Die wachsende Anspannung in der Menschenmenge habe am Ende dazu geführt, dass die Route in letzter Minute geändert werden musste, teilte die Stadtverwaltung mit. Bürgermeister Gavin Newsom wehrte sich gegen scharfe Kritik, Zuschauer und Demonstranten um den Lauf betrogen zu haben. "Meiner Meinung nach hatten die Leute das Recht zu protestieren und die Fackel zu unterstützen. Das sah man auf der Straße. Wir haben keine Proteste verboten", sagte Newsom.

Applaus vom IOC

Peter Ueberroth, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC), begrüßte den Ablauf der Veranstaltung. "Die Stadt San Francisco wird global betrachtet dafür Applaus erhalten".

Der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach nahm in Peking "mit großer Freude zur Kenntnis, dass in San Francisco nichts passiert ist." Auch der norwegische IOC-Marketing-Chef Gerhard Heiberg war "sehr zufrieden, weil es keine Verletzten gab". Die schwedische IOC- Vizepräsidentin Gunilla Lindberg lobte die Entscheidung, den Fackellauf nicht abzubrechen: "Das war die richtige Entscheidung."

San Francisco war die sechste Station der Fackel auf ihrer internationalen Reise nach Peking und die einzige auf nordamerikanischem Boden. Derweil sollte das Olympische Feuer nach Buenos Aires geflogen werden.