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Montag, 17. März 2008

Gendoping als Horror-Vision: Übergang ist fließend

Gendoping ist die Horror-Vision des 21. Jahrhunderts - und der Film wird längst gedreht. "Da wird jetzt die Tür aufgestoßen, es gibt radikale, dramatische Veränderungen, der Übergang von einer zur anderen Doping-Ära ist fließend: Der Athlet hängt heute mehr am Labor als an der Pille", sagt Ines Geipel, für die der Kampf gegen Doping ein "Lebensthema" ist, in einem dpa-Gespräch in Leipzig. Auf der Buchmesse hatte die Professorin für Verssprache am Wochenende ihr zweites Anti- Doping-Buch vorgestellt. "No Limit - wie viel Doping verträgt die Gesellschaft" erscheint am 14. April im Stuttgarter Klett-Cotta-Verlag.

"No Limit" - keine Grenzen. Die Hemmschwellen des Denk- und Machbaren für Betrug und Manipulation im High-Tech-Sport sieht die ehemalige Weltklasse-Sprinterin längst überschritten. Engagierte Wissenschaftler warnen schon lange vor dem Schreckens-Szenario manipulierten Erbguts, das bereits seine Schatten vorauswirft. "Wir stoppen da überhaupt nichts mehr", meint Ines Geipel. Und: "Der Sport hat aus sich heraus nicht genug Selbstreinigungsvermögen. Die sind unfähig, ihre eigene Vergiftung in den Griff zu kriegen." Deshalb brauche der Sport mehr, vor allem politische Korrektive.

"Der chemische Hype ist allgegenwärtig", stellt die Autorin im Vorwort ihres Buches fest, das sich auf tiefgründige Recherchen, Prozessakten, Medien-Auswertung und Interviews mit Anti-Doping-Experten sowie Wissenschaftlern stützt. "Der Athlet alter Schule, der sich im Stillen seine Steroidtablette einpfiff, ist Schnee von gestern", schreibt die 47-Jährige. Und heute? Und morgen? "Im Probelauf ist nunmehr ein mittels Chemie und Technik zusammengeschalteter Körper, bei dem Doping zur Grundausstattung geworden ist."

Im Probelauf sei bereits jetzt schon so ziemlich alles, was den Muskel animieren könnte. Die drei großen Dopingären - Steroide, Blutdoping und Gentechnik - seien längst "simultan in einem einzigen Körper vereint". Dagegen war das, "was in der DDR in den 70er Jahren gemacht wurde, Doping in Kinderschuhen", meinte die Professorin aus Berlin, die in den 80er Jahren selbst gedopt worden war und sich in einem beispiellosen Vorgang aus der Rekordliste und damit aus der Jenaer Weltrekord-Staffel streichen ließ. "Ich bin keine Missionarin", sagte die gebürtige Dresdnerin. "Das Buch hat viel zeitlichen Vorlauf, im Grunde 30 Jahre. Es geht mir um konkrete Information."

Auf rund 100 neue konventionelle Dopingsubstanzen müssten sich die Laboratorien schon bei den Olympischen Spielen in Peking einstellen. Der australische Forscher und Dopingexperte Robin Parisotto zeichnet ein frustrierendes Bild. "Kein Antidopinglabor der Welt kennt auch nur die Hälfte der verbotenen Substanzen, die gerade gehandelt werden", sagt er in einem bemerkenswerten Interview, das Ines Geipel selbst geführt und in ihr Buch aufgenommen hat.

Parisotto wundert sich längst nicht mehr darüber, dass die "Betrüger permanent im Vorteil" sind. Denn von den 50 Milliarden Dollar, die durch den Sport jährlich eingenommen werden, fließen nur 0,1 Prozent in den Kampf gegen Doping. Geipel beklagt das "extreme Nichtwissenwollen von Athleten, Trainern und Funktionären". Die internationalen Test-Programme greifen nicht: "Das ist Beschiss am Fan, Beschiss am Zuschauer."

Von Ralf Jarkowski, dpa

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