Fußballprofi Tobias Rau studiert

"Das Leben war nicht normal"

15.07.2009 | 10:18 Uhr

Tobias Rau galt einst als "Rohdiamant des deutschen Fußballs". Hat Paul Breitner gesagt. Das war vor sieben Jahren, als Tobias Rau noch beim FC Bayern München spielte. Nun ist der siebenfache Nationalspieler 27 Jahre alt – und hat eine Entscheidung getroffen: Er will nicht länger für Geld Fußball spielen, sondern lieber studieren und Lehrer werden. Normal ist das das nicht. Im Interview mit n-tv.de erklärt Tobias Rau, warum er sich so entschieden hat. Und erzählt, dass er sich durchaus vorstellen kann, demnächst mit "Freunden in einer Dorfmannschaft zu kicken". Nur so, einfach, weil's Spaß macht.

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Der Ball steht nicht mehr im Fokus: Tobias Rau beginnt im Herbst mit einem Studium. (Foto: picture-alliance/ dpa)

n-tv.de: Man kann trefflich darüber streiten, was normal ist. Und darüber, ob es erstrebenswert ist, normal zu sein. Aber ihre Entscheidung, Lehrer zu werden, ist nicht das, was ein Fußballprofi normalerweise tut. Hat Sie das Medieninteresse dennoch überrascht?

Tobias Rau: Ja, total. Ich hätte gedacht, da gibt es ein Interview – danach weiß jeder Bescheid und das war's dann. Ich hätte niemals gedacht, dass das die Leute so sehr interessiert.

Sie geben etwas auf, wovon viele träumen. Haben Sie so etwas wie Sehnsucht nach Normalität?

Das Leben, das ich vorher hatte, war auf keinen Fall normal. Ich habe zwar versucht, es so normal wie möglich zu gestalten, aber als Fußballprofi ist das einfach nicht möglich. Das Leben als Profi war eine richtig schöne Zeit. Als Student lebt es sich mit Sicherheit viel normaler. Aber das war nicht ausschlaggebend. Es ging einfach darum: Ich hatte sehr viel Spaß. Und jetzt ist es an der Zeit, etwas anderes zu machen – etwas, das mir auch sehr viel Spaß macht.

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Schlichtweg unglücklich: Sebastian Deisler hörte ebenfalls mit 27 Jahren auf, für Geld Fußball zu spielen. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Sebastian Deisler hat ebenfalls – wenn auch aus ganz anderen Gründen – mit 27 Jahren aufgehört, für Geld Fußball zu spielen. Er hat gesagt:

"Als ich noch bei Hertha war, saß ich im Mannschaftsbus und blickte aus dem Fenster. Ich sah drei junge Männer. Vielleicht 19, 20 Jahre alt, so wie ich damals, sie hatten Schultaschen über den Schultern, es waren Studenten. Was hätte ich damals dafür gegeben, mit ihnen zu tauschen."

Können Sie da etwas mit anfangen?

Das kann ich für mich nicht sagen. Es war nicht so, dass ich mich danach gesehnt habe, dieses normale Uni-Leben zu führen. Das hat mich einfach gereizt, weil ich viel Spaß daran habe und weil Lehrer ein Beruf ist, den ich fast mein ganzes Leben noch ausüben kann.

Dennoch: Sie können etwas besonders gut – nämlich Fußballspielen. Und das so gut, dass Sie das sogar in der Nationalmannschaft durften. Sie hätten doch noch zehn Jahre weitermachen können. Da sagen viele: Das ist doch nicht normal. Warum macht er das?

Es war eine sehr gut durchdachte Entscheidung – und auch ein bisschen ein Luxusproblem, weil ich zwei Sachen habe, die für mich super sind. Ich bin jetzt 27, hatte eine tolle Zeit als Fußballer und find's schön, dass ich so positiv zurückdenken kann, daran, was ich alles erreicht habe. Ich denke, das ist genau der richtige Zeitpunkt, etwas Neues anzufangen. Noch ist es nicht zu spät. Mit 37 hätte ich mich auf keinen Fall noch mal in die Uni gesetzt.

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Zwei Jahre spielte Tobias Rau beim FC Bayern München. (Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die Zeitungen sind nicht gerade voll mit diesen Geschichten, vielleicht, weil die Menschen das nicht lesen wollen. Dennoch gibt es sie, die Profisportler, die nach ihrer Karriere den Eindruck machen, sie wüssten nicht viel mit ihrem Leben anzufangen. Hatten Sie ein abschreckendes Beispiel vor Augen?

Es ist schon so, dass ich das auch mitbekomme. Normalerweise fängt man nach der Fußballkarriere in dem Verein an, wo man aufgehört hat, wird Trainer oder so etwas. Das wollte ich nie. Ich wolle halt immer Lehrer werden. Wenn ich jetzt bis 35 weiter Fußball gespielt hätte, wäre für mich klar gewesen, dass ich nicht noch einmal studiere. Und dann hätte ich auch nicht gewusst, was ich mit den restlichen 30 Jahren noch hätte machen sollen.

Warum eigentlich ausgerechnet Lehrer?

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Tobias Rau wurde am 31. Dezember 1981 in Braunschweig geboren. Mit dem Fußballspielen begann er 1986 beim Stadtteilverein Sportfreunde Ölper, ehe er 1996 zu Eintracht Braunschweig ging. Danach wechselte er zum VfL Wolfsburg, spielte in der Bundesliga, wurde als linker Verteidiger Nationalspieler und ging 2003 zum FC Bayern München. Zuletzt spielte er für Arminia Bielefeld. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Ich habe schon während meiner Schulzeit gemerkt, dass mir das viel Spaß machen könnte. Außerdem habe ich viel bei Fußballferienschulen gemacht und auch ein paar Trainingseinheiten bei kleineren Vereinen geleitet. Ich glaube, das liegt mir ganz gut, ich kann die Jungs motivieren. Und es macht Spaß, den Kindern etwas mitzugeben auf ihrem Weg.

Wir nehmen an, dass Sie seit Ihrer Kindheit beim Fußball immer einer der Besseren waren. Als Student ist das nicht automatisch der Fall. Ist das ein Problem?

Da denke ich schon drüber nach, aber das reizt mich eher noch. Ich erwarte von mir nicht, dass ich alles mit 1,0 bestehen muss. Aber ich bin total motiviert und will einiges dafür tun, mich auf jeden Fall hinsetzen und büffeln. Klar ist auch, dass der Anfang nicht einfach wird. Ich muss mich erst wieder an dieses Arbeitsleben gewöhnen, zum Beispiel daran, Texte zu schreiben. Weil ich mich die letzten zehn Jahre gar nicht damit befasst habe, brauche ich etwas Zeit, um da wieder reinzukommen. Aber ich denke, da bin ich im Moment so motiviert, dass ich das gut hinkriege.

Die Interviews, die Sie jetzt geben, werden aller Voraussicht nach für längere Zeit die letzten sein. Und vor 80.000 Zuschauern werden Sie auch nicht mehr spielen. Kein bisschen Wehmut?

Ich fand das immer schön, aber ich habe damit kein Problem, wenn es vorbei ist, wenn ich keinen besonderen Status mehr habe. Gerade auf diese Privilegien, die man so als Profisportler hat, habe ich nie Wert gelegt. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich da nicht wehmütig sitzen werde und trauernd daran zurückdenke.

Sie hören auf, für Geld Fußball zu spielen. Aber wir gehen mal davon aus, dass sie als Kind damit angefangen haben, weil sie Spaß daran hatten. Mit wem spielen Sie jetzt?

Es ist schon so, dass ich jetzt viele Anrufe kriege, ob ich nicht aus Spaß ein bisschen mitkicken will. Aber ich habe mir fest vorgenommen, das erste halbe Jahr nicht zu spielen, weil ich mich auf die Uni konzentrieren möchte. Danach kann ich mir auf jeden Fall gut vorstellen, mit ein paar Freunden in einer Dorfmannschaft ein bisschen zu kicken.

Geht das, wenn man mal auf so hohem Niveau gespielt hat?

Das weiß ich auch noch nicht so ganz genau. Von mir aus auf jeden Fall. Das Problem liegt wohl eher bei den gegnerischen Mannschaften, die dann vielleicht doch ein bisschen übermotiviert sind, weil sie denken: Mensch, das ist ein ehemaliger Nationalspieler.

Mit Tobias Rau sprach Stefan Giannakoulis