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Startete mit fünf Punkten Rückstand auf Borussia Dortmund in sein viertes Trainer-Engagement beim FC Bayern: Trainer Jupp Heynckes. Nun führt der Klub die Tabelle an - mit sechs Punkten Vorsprung auf den BVB.
Startete mit fünf Punkten Rückstand auf Borussia Dortmund in sein viertes Trainer-Engagement beim FC Bayern: Trainer Jupp Heynckes. Nun führt der Klub die Tabelle an - mit sechs Punkten Vorsprung auf den BVB.(Foto: imago/Eibner)
Sonntag, 05. November 2017

Deutlicher Sieg im Ligagipfel: Die Abrechnung des "Don Jupp"

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Nach dem souveränen 3:1 der Bayern in Dortmund stellt Jupp Heynckes seinem Vorgänger Carlo Ancelotti ein katastrophales Zeugnis aus - und kündigt eine Mannschaft an, die noch stärker und erfolgreicher sein wird.

Wer Jupp Heynckes so vor sich sitzen sieht, angegriffen, die Gesichtsfarbe in Richtung tiefrot changierend, würde ihm gern zurufen, sich das nicht anzutun und doch lieber den Ruhestand auf seinem Gehöft am Niederrhein zu genießen. Aber der 72-Jährige hat etwas anderes im Sinn. Er ist zurückgekehrt zum FC Bayern München. Eine Entscheidung, die nicht unbedingt gesundheitsfördernd zu sein scheint. Und doch erscheint die Abkehr vom Altenteil durchaus sinnvoll, zumindest, wenn man sie von der sportlichen Seite betrachtet.

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Es ist wirklich erstaunlich, wie der Routinier die Dinge beim Rekordmeister in wenigen Wochen zum Guten gewendet hat. Wettbewerbsübergreifend sieben Spiele haben die Bayern seit der Demission von Carlo Ancelotti unter dessen Nachfolger absolviert, alle sieben wurden erfolgreich bestritten. Der Branchenprimus ist wieder da, wo er sich am liebsten sieht: ganz oben, unantastbar, souverän. Der vorläufige Höhepunkt auf dem Weg zurück zum alten Nimbus war der mit großer Klasse herausgespielte 3:1-Erfolg beim Bundesliga-Gipfel in Dortmund.

"Wahnsinnig strapaziösen Wochen"

Den Trend umgekehrt, alleiniger Tabellenführer, da hätte der Rheinländer doch eigentlich über das ganze Gesicht strahlen müssen. Doch das Gegenteil war der Fall: "Don Jupp" schaute ernst, ja fast grimmig in die Runde der anwesenden Journalisten. Sieht so ein Trainer aus, der bei seinem alten und neuen Arbeitgeber alles richtig zu machen scheint? Wohl kaum, aber der zurückgekehrte Rentner hatte das Bedürfnis, einige Dinge richtigzustellen. Der Rekordmeister, so die Überzeugung des Routiniers, ist seit Antritt seiner vierten und mutmaßlich wirklich letzten Amtszeit nicht durch bloßes Handauflegen des Altmeisters in die Erfolgsspur zurückgekehrt, sondern durch knallharte und seriöse Arbeit.

Heynckes und Bayern-Star Robben: Der Niederländer traf gegen den BVB und lobte nach dem Spiel den Trainer.
Heynckes und Bayern-Star Robben: Der Niederländer traf gegen den BVB und lobte nach dem Spiel den Trainer.(Foto: dpa)

Genau das betonte der Trainer mit Nachdruck, ohne danach gefragt worden zu sein. Und zwar, indem er seinem Vorgänger Carlo Ancelotti ein katastrophales Zeugnis ausstellte, ohne dessen Namen auch nur ein Mal in den Mund zu nehmen. Heynckes sprach von "wahnsinnig strapaziösen Wochen" von "intensiver Trainingsarbeit in größerem Umfang" und von "anderen Ideen". Irgendwann, so der Trainer, "ermüdet das die Spieler". Das klang so, als habe er den gesamten Verein auf links gedreht und eine Saisonvorbereitung mitten in der Saison absolvieren lassen, weil er seine Spieler in einem solch schlechten Zustand vorfand. Auf Nachfrage betonte Heynckes zwar, er beziehe sich bei seinen Ausführungen "nur auf meine Arbeit", legte dann aber nach: "Wenn ein Trainerwechsel vorgenommen wird, hat das seine Gründe."

Die Abrechnung erfolgte gnadenlos und nicht gerade im Stile eines Gentleman, doch das, was die Bayern in Dortmund vor mehr als 80.000 Zuschauern auf den Rasen zauberten, bestätigte Heynckes: Sehr präsent, topfit, mit einer klaren Ordnung und dem unbedingten Willen, Dominanz auszustrahlen. So agiert eine Mannschaft, die sich ihrer mannigfaltigen Qualitäten bewusst ist.

"Es liegt alles an uns"

Dieses Selbstverständnis ist dem Rivalen aus dem Revier im Herbst des Jahres abhanden gekommen. Die Dortmunder betrieben einen hohen Aufwand, liefen mehr, gewannen die meisten ihrer Zweikämpfe und schossen öfter auf das Tor als ihr Gegner. Und doch waren sie bei der 1:3-Niederlage das schwächere Team. Wobei die Unterschiede hinten und vorne zu finden waren. "Zu weich, zu weit weg vom Mann", monierte Trainer Peter Bosz, als er über die defensive Performance seiner Mannschaft sprach: "Wenn man heute gesehen hat, wie wir verteidigt haben, das kann man nicht machen auf diesem Niveau." Tatsächlich war auffällig, wie viel Zeit und Raum die Profis in schwarz-gelb ihren Gegenspielern bei den Treffern von Robben, Lewandowski und Alaba gewährten.

Doch auch in der vielgerühmten Offensive des BVB hapert es. So viele Chancen gab es gegen die Bayern nicht mehr seit dem inzwischen legendären 5:2 im Pokalfinale 2012, und doch gelang lediglich der späte Ehrentreffer von Marc Bartra. Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang befindet sich seit Wochen in einer Schaffenskrise und auch seine Nebenleute Andrey Yarmolenko und Shinji Kagawa gingen reichlich verschwenderisch mit besten Möglichkeiten um. Der BVB, das wurde an diesem Abend deutlich, hat im Vergleich zur Nummer eins nicht in erster Linie ein Problem mit der taktischen Grundordnung. Die 90 Minuten offenbarten einen Mangel an Qualität. "Es ist keine Frage des Systems", betonte Mittelfeldspieler Gonzalo Castro, "das wird von den Medien hochgespielt. Es liegt alles an uns."

In München müssen sie sich mit solchen Fragen nicht beschäftigen. Er genieße den Moment, in weniger als einem Monat den Fünf-Punkte-Rückstand auf den BVB in einen Sechs-Punkte-Vorsprung verwandelt zu haben, gab Arjen Robben zu Protokoll: "Es ist schon der Wahnsinn, da müssen wir dem Trainer ein Riesenkompliment machen", sagte der Holländer. Um dann hinzuzufügen: "Da ist noch viel Luft nach oben." Das sieht Heynckes genauso. "Wenn wir die verletzten Spieler wieder an Bord haben, werden wir besser Fußball spielen. Und noch erfolgreicher." Für den Rest der Bundesliga klingt das wie eine Drohung.

Quelle: n-tv.de

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