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"Zu träge, zu verspielt vor dem Tor": Silvia Neid.
"Zu träge, zu verspielt vor dem Tor": Silvia Neid.(Foto: dpa)

Zwischentief oder das Ende der Ära Neid?: Träge DFB-Frauen geben Rätsel auf

Von Stefan Giannakoulis

Sie stehen zwar im Viertelfinale der Europameisterschaft, doch die Favoritenrolle sind Deutschlands Fußballerinnen los. Zu planlos tritt das Team von Bundestrainerin Silvia Neid auf. Dabei wollen sie doch endlich das WM-Trauma besiegen.

Deutschlands Fußballerinnen verlieren zum ersten Mal seit 20 Jahren ein Spiel bei einer Europameisterschaft. Eine Katastrophe. Deutschlands Fußballerinnen erreichen das Viertelfinale, am Sonntag geht es ab 18 Uhr in Växjö gegen Italien. Alles prima. Was heißt das jetzt?

Um zu beurteilen, wo die DFB-Elf und ihre Trainerin Silvia Neid stehen, muss man wissen, wo sie gestartet sind. Denn es geht bei diesem Turnier in Schweden nicht nur um den kontinentalen Titel. Es wäre, das nebenbei, der sechste in Folge und der achte insgesamt, seit dieses Turnier 1984 zum ersten Mal stattfand. Es geht auch immer noch um die Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland, die für die DFB-Elf und Millionen von Zuschauern vor den Fernsehern mit einer riesigen Enttäuschung endete.

Und es geht darum, diese Enttäuschung endlich zu überwinden. Nach einem eifrigen, aber planlosen Auftritt in Wolfsburg gegen Japan und einem 0:1 nach Verlängerung war am 9. Juli 2011 im Viertelfinale Schluss für den Titelfavoriten. Der Traum vom krampfhaft beschworenen Sommermärchen war geplatzt. Von Leichtigkeit und Spielfreude keine Spur.

Wie gestern beim 0:1 gegen Norwegen, im letzten Gruppenspiel in Kalmar. Die deutschen Spielerinnen rannten, sie mühten sich. Allein: Es half nichts gegen eine kompakte Defensive. Viel Aufwand, kein Ertrag. Wenn Konzeptfußball bedeutet, eine Idee davon zu haben, wie eine gegnerische Abwehr auch einmal auszuspielen ist, dann hat die Bundestrainerin ihrem Team wenig beigebracht. Sie hat das gut analysiert. "Zu wenig Tempofußball, zu viele Fehlpässe und Ballverluste, zu träge, zu verspielt vor dem Tor, zu wenig den Abschluss gesucht."

Was ist bloß passiert?

Fragt sich nur, was in zwei Jahren zwischen WM und EM passiert ist. Und was Silvia Neid getan hat, um die Mannschaft spielerisch zu entwickeln und mental zu stärken. Wer die Partie gegen Norwegen gesehen hat, könnte glauben: wenig bis nichts.

Andererseits hatten die deutschen Frauen nach dem WM-Aus bis gestern von 29 Spielen nur eine Partie verloren, im März dieses Jahres beim Algarve Cup mit 0:2 gegen die USA. Und zwanzig Mal gewonnen. Im letzten Testspiel vor der EM besiegte die DFB-Elf Weltmeister Japan vor mehr als 46.000 Zuschauern in München mit 4:2 - da hat noch alles geklappt. Es kann also nicht alles schlecht sein. Zumal Viertelfinale erst einmal gut klingt. Es ist aber kein großes Kunststück, wenn nach der Vorrunde nur vier von zwölf Teams nach Hause fahren müssen. Und vier Punkte aus drei Gruppenspielen sind weniger, als die sichtlich enttäuschte Bundestrainerin und alle anderen erwartet hatten.

Beim torlosen Remis zum Auftakt gegen die Niederlande ergatterte der Gegner den einzigen Punkt bei diesem Turnier. Das 3:0 gegen harmlose Isländerinnen war prima, streckenweise auch fußballerisch. Und nun eben Norwegen. Wenn diese Niederlage für die DFB-Frauen etwas Gutes bereithält, dann den Umstand, dass nun niemand mehr so schnell von einer erfolgreichen Titelverteidigung spricht. Silvia Neid jedenfalls nahm diese naheliegende Erkenntnis dankbar auf: "Wenn ich unser Spiel von außen beobachtet hätte, hätte ich gesagt: 'Gegen die kann man gewinnen und braucht keine Angst zu haben.'"

Vielleicht hat sie ja recht, wenn sie sagt: "Sie sind sehr, sehr jung. Und junge Spielerinnen haben mehr Leistungsschwankungen. Ich glaube, dass es tatsächlich mit dem Alter und der Erfahrung zu tun hat. Sie müssen lernen, dass man sich auch mal in ein Spiel reinbeißen muss, wenn nicht alles von Anfang an rund läuft." Die nächste Gelegenheit hat die Mannschaft am Sonntag gegen Italien. Die Trainerin Silvia Neid ist seit 2005 ist im Amt, vorher war sie neun Jahre lang Co-Trainerin, davor seit 1982 genau 111 Mal als Nationalspielerin im Einsatz - und somit an allen sieben EM-Titeln beteiligt. Für sie könnte es ihre letzte Chance sein.

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Quelle: n-tv.de

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