Sport
Autsch: Mitchell Weiser.
Autsch: Mitchell Weiser.(Foto: imago/Matthias Koch)
Montag, 13. März 2017

"Collinas Erben" salomonisch: Dembélé vs. Weiser: Showdown der Hitzköpfe

Von Alex Feuerherdt

Dortmunds Dembélé steigt Herthas Weiser auf die Socken, der gibt den sterbenden Schwan, beide sehen Gelb. Im Internet bricht ein Shitstorm los. Und in Ingolstadt merkt man dem Schiedsrichter seine Strapazen aus dem Europapokal an.

Im Berliner Olympiastadion war in der Partie zwischen der Hertha und Borussia Dortmund an diesem 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga die letzte Minute angebrochen, da kam beim Stand von 2:1 noch einmal Feuer in die Partie. Schiedsrichter Robert Hartmann unterbrach das Spiel nach einem kleinen, eigentlich harmlosen Foul von Niklas Stark an Ousmane Dembélé im Mittelfeld, was Starks Mitspieler Mitchell Weiser allerdings zum Anlass nahm, den Ball weit wegzudreschen, um Zeit zu schinden. Dembélé wollte das verhindern, dabei stieg er dem Berliner unsanft auf den Knöchel. Der ging daraufhin - nach einem Moment des Zögerns - zu Boden und wand sich dort, als hätte er soeben einen glatten Bruch erlitten.

Im Nu entstand eine Rudelbildung: Die Herthaner waren sauer auf Dembélé und sein Einsteigen, die Dortmunder auf Weiser und seine Theatralik. Der Unparteiische beruhigte die Gemüter, dann rief er die beiden Hauptstreithähne zu sich und zeigte dem einen wie dem anderen die Gelbe Karte. Weiser bekam sie fürs Ballwegschlagen, Dembélé für seinen Tritt. In den sozialen Netzwerken fanden vor allem BVB-Fans, dass der Berliner eigentlich auch noch Gelb-Rot hätte sehen müssen - wegen des Vortäuschens einer Verletzung.

Weiser verhehlte nicht, die Folgen von Dembélés Tritt arg übertrieben zum Ausdruck gebracht zu haben. "Ich mache nur das, was er auch immer macht", versuchte er sich zu rechtfertigen. "Wenn man ihn mit den eigenen Waffen schlägt, dann ist es okay." Hertha BSC twitterte allerdings auch ein Foto, das den malträtierten Fuß des 22-Jährigen zeigte. Schaut man sich die Szene an, dann ist es in der Tat wahrscheinlich, dass Weiser - just nach einer mehrmonatigen Verletzungspause zurückgekehrt - die Abschürfungen von Dembélé zugefügt wurden.

Ein Gebot der Verhältnismäßigkeit

Das heißt also: Einerseits lag tatsächlich ein schmerzhaftes Vergehen vor, das mindestens rücksichtslos war und mit der Gelben Karte deshalb ganz sicher nicht zu hart bestraft wurde. Andererseits hat der Getroffene so getan, als wäre er gerade das Opfer einer lebensgefährlichen Blutgrätsche geworden. Das Ziel dieser Schauspieleinlage war es offensichtlich, den Schiedsrichter dazu zu bewegen, einen Platzverweis zu verhängen. So etwas kann man mit Fug und Recht für eine Unsportlichkeit halten, und darauf stünde eine weitere Verwarnung.

Dass es der Referee bei zwei Gelben Karte beließ, hatte zwei Gründe. Zum einen folgte Hartmann dem Gebot der Verhältnismäßigkeit. Schließlich ging die einzige Aktion, die wirklich wehtat, von Dembélé aus - da wäre es schwer zu vermitteln gewesen, den Geschädigten mit Gelb-Rot vom Feld zu schicken. Allerdings hatte Weiser die Hektik mit seinem Ballwegschlagen ja erst initiiert. Eine Verwarnung für beide Akteure war deshalb so salomonisch wie ausreichend, und die Entscheidung fand auf dem Rasen auch allgemeine Akzeptanz.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Zum anderen ist es den Regeln nach zwar theoretisch denkbar, einem gefoulten Spieler sowohl einen Freistoß zuzusprechen als auch - bei einer schauspielerischen Überzeichnung der Tatfolgen - eine Gelbe Karte zu zeigen. Doch in der Praxis geschieht das so gut wie nie, weil es die Klarheit einer Entscheidung in Zweifel ziehen und für unnötige Verwirrung und Proteste sorgen würde. Man stelle sich etwa vor, ein Stürmer würde im Strafraum gefoult, bekäme aber nicht nur einen Elfmeter, sondern auch eine Verwarnung, weil er seinen unvermeidlichen Sturz theatralisch überhöht hätte. Der Schiedsrichter sähe sich noch heftigeren Diskussionen ausgesetzt als ohnehin schon, weil die Spieler ihm das als Unsicherheit oder Unentschlossenheit auslegen würden. Deshalb heißt es auf dem Platz: Entweder Foul oder Simulation - es geht nicht beides.

Aufregung gab es aber nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Ingolstadt, wo im Spiel gegen den 1. FC Köln vor allem die Hausherren mit dem Referee haderten. Sie fanden den Strafstoß für die Domstädter, den Felix Zwayer in der 14. Minute gab, heillos überzogen. Dabei war er völlig berechtigt, denn wer im Kopfballduell den Arm ausfährt und damit seinen Gegenspieler klar am Kopf trifft - wie der Ingolstädter Almog Cohen den Kölner Yuya Osako -, handelt nun mal regelwidrig. Anthony Modeste verwandelte den Elfmeter und traf nach einer Stunde ein weiteres Mal, wenn auch aus Abseitsposition. Aber will man dem Unparteiischen und seinen Assistenten wirklich einen Vorwurf machen, wenn es derart knapp zugeht wie in dieser Situation?

Video

Auf der anderen Seite beschwerten sich die Kölner, als Zwayer in der 82. Minute auf "Stürmerfoul" des eingewechselten Artjoms Rudnevs entschied, als sich dieser nach einem weiten Schlag von Neven Subotic in den Strafraum der Gastgeber um den Ball bemühte und dabei eher vom Ingolstädter Torwart Martin Hansen umgerannt wurde, als ihn seinerseits behindert zu haben. Auch weiterspielen zu lassen wäre eine vertretbare Option gewesen. Dass der freistehende Modeste den Ball dann ebenfalls im Tor untergebracht hätte wie nach dem Pfiff des Unparteiischen, lässt sich zwar nicht mit Bestimmtheit sagen, aber doch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit annehmen.

Vielleicht war es keine ganz so glückliche Idee des DFB, den bisweilen ungewohnt unkonzentriert wirkenden Zwayer nicht einmal zwei Tage nach dessen Europaligapartie in Russland zwischen dem FK Rostov und Manchester United gleich wieder in der Bundesliga einzusetzen. Nicht ohne Grund legen die Klubs großen Wert darauf, wenigstens drei Tage Pause zwischen zwei Spielen zu haben. An den Schiedsrichtern gehen solche Belastungen - zumal, wenn sie auch noch durch weite Reisen verstärkt werden - ebenfalls nicht spurlos vorüber. Und eine Personalnot gibt es bei ihnen nicht. So hätte gewiss auch ein ausgeruhterer Spielleiter zur Verfügung gestanden.

Aytekin ausgeruht und aufmerksam

Auch Deniz Aytekin war unterwegs, er pfiff die Aufholjagd des FC Barcelona gegen Paris St. Germain (6:1). Danach hatte er allerdings doppelt so viel Zeit zur Erholung wie Zwayer und zeigte im Sonntagabendspiel zwischen den Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach (2:1) eine souveräne Leistung. Zwar gab es um den vermeintlichen Ausgleichstreffer für die Gastgeber in der 28. Minute durch Bobby Wood ein wenig Verwirrung, weil Aytekin auf Abseits entschied und das Tor annullierte, ohne dass sein Assistent die Fahne gehoben hatte. Doch das war nur folgerichtig.

Der Mann an der Linie hatte dort, wo er stand, nicht zweifelsfrei erkennen können, ob der Ball von einem Mit- oder einem Gegenspieler zum im Abseits befindlichen Albin Ekdal gespielt worden war, der Woods Torschuss vorbereitete. Daher hatte er kein Fahnenzeichen gegeben, sondern den Schiedsrichter zu sich gerufen, um sich mit ihm zu besprechen. Der Assistent wusste dabei, dass Ekdal im Abseits war, Aytekin musste nun ergänzen, von wem das Zuspiel kam. Davon hing ab, ob das Tor zählt oder nicht. Das Ergebnis: Der Pass kam vom Hamburger Hunt, damit war der Treffer irregulär. Das Schiedsrichterteam urteilte also korrekt - und genau darauf kommt es zuallererst an.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen