WM der Superlative

Als es in Mexiko Jahrhundertspiele nur so hagelte

Ben-RedelingsVon Ben Redelings
Bildnummer-01457362-Datum-15-05-1970-Copyright-imago-Sven-Simon-Uwe-Seeler-BR-Deutschland-li
Uwe Seeler mit Juanito, dem lebendigen Maskottchen der Weltmeisterschaft in Mexiko.
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20.06.2026 | 07:51 Uhr
Die Fußballfans auf der ganzen Welt erlebten 1970 bei der ersten WM in Mexiko ein wahres Spektakel. Jahrhundertspiele am laufenden Band - und mittendrin eine fantastische deutsche Nationalmannschaft.

Am Morgen nach dieser unvergesslichen Partie schrieb die mexikanische Zeitung "El Sol" etwas sehr Tröstliches für alle deutschen Anhänger und vor allem für die Mannschaft, die unter dem begeisterten Jubel der mexikanischen Zuschauer das Feld nach einem weiteren Jahrhundertspiel verlassen hatte: "Die deutschen Spieler haben es verdient, dass sie wie Weltmeister gefeiert werden."

Das 4:3 der Italiener gegen die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale der WM 1970 in Mexiko zählt für alle Experten immer noch zu einem der größten Spiele aller Zeiten. Über 80 Minuten waren damals die Männer um Beckenbauer, Müller, Schulz, Grabowski und Seeler dem 0:1-Rückstand hinterhergelaufen und als schon niemand mehr in dieser Hitzeschlacht im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt an den deutschen Ausgleich glaubte, kam Karl-Heinz Schnellinger. Kommentator Ernst Huberty sagte in diesen Sekunden "ausgerechnet" Schnellinger, denn dieser spielte damals in Italien für AC Mailand.

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Und was dann passierte, fasste ZDF-Reporter Harry Valérien einmal mit diesen Worten zusammen: "Die Verlängerung glich einem Boxkampf, bei dem die beiden Kämpfer schon groggy sind und nur noch aufeinander einschlagen, ohne auf ihre Deckung zu achten". Dem 2:1 von Gerd Müller folgte nur vier Minuten später das 2:2 durch Burgnich. Wieder nur fünf Minuten danach schoss Riva das vorentscheidende 3:2 für Italien. Noch einmal gelang es den Deutschen durch Gerd Müller auszugleichen, aber schon eine Minute später setzte Rivera in der 111. Minute den Schlusspunkt unter diese unglaubliche, hochdramatische Partie - in der zu allem Überfluss auch noch Franz Beckenbauer seit der 65. Minute nach einem Foul der Italiener aufgrund einer Verletzung mit einer Schultermanschette spielen musste.

Eine WM der Superlative

Nicht wenige Zeitzeugen sind sich bis heute sicher, dass, wenn die deutsche Elf nicht bereits drei Tage zuvor im Viertelfinale ein weiteres Jahrhundertspiel mit Verlängerung gegen die Engländer gehabt hätte, die Begegnung andersherum ausgegangen wäre. Doch nur drei weitere Tage nach der Partie gegen Italien war das Turnier für die Deutschen dann endgültig vorbei. Eine WM der Superlative, der Jahrhundertspiele und der zahlreichen Anekdoten. Als sich die deutsche Nationalmannschaft am 20. Juni 1970 mit allerletzter Kraft in den Schlusspfiff im Spiel um den dritten Platz gegen Uruguay rettete, hatte sie ein Turnier hinter sich gebracht, das Geschichte geschrieben hatte.

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Die WM der Anekdoten und fabelhaften Partie hatte schon Wochen vorher in Deutschland begonnen, als die Nationalspieler für das Turnier üppig ausgestattet wurden. Die Firma Meyer aus Werther stiftete einen "Reisemantel: Farbe Hellbeige", Firma Benger-Ribana aus Bad Rappenau "2 Sportslips und 1 Badehose" und die Firma Hipp aus Tailfingen "2 Fritz-Walter-Freizeithemden" (!). Nachdem alles von netten Damen auf Wunsch eingepackt (Siggi Held: "Dazu bin ich zu unbegabt") wurde, waren alle zuerst sehr zufrieden - bis ein Koffer fehlte.

Für einen Nationalspieler war ein Gepäckstück zu wenig. Und so entschied DFB-Sekretär Hermann Joch: "Günter Netzer, Sie müssen leider Ihren Koffer abgeben!" Verschämt verließ der Gladbacher Fußballstar anschließend mit einem Pappkarton unterm Arm das Gebäude. Und ob man es glaubt oder nicht: Ausgerechnet Netzer hätte den Koffer ohnehin nicht gebraucht. Nach all den Jahren ist nicht mehr mit Gewissheit zu klären, ob Bundestrainer Schön Netzer zu Hause ließ, weil sich dieser öffentlich darüber beschwert hatte, dass Schön zu wenig mit ihm rede oder ob eine Verletzung ihn zum Verzicht zwang. Warum auch immer Netzer nicht mitfuhr: Das böse Omen hatte es schon vorher vorausgesagt.

Warum Gerd Müller plötzlich geladen war

Untereinander kommunizierten die Spieler damals in der Regel allerdings ausgiebig und angeregt - bis auf einmal. Da war Torjäger Gerd Müller mächtig geladen. In der Kabine tobte er: "Ich hör' auf mit dem Fußball. Ich lass' mir das vom Franz nicht länger gefallen!" Irritiert fragte Uwe Seeler den Stürmer: "Wieso denn, Gerd? Der Franz hat doch überhaupt nichts gesagt!" Müller: "Nee, gesagt nichts. Aber wie der immer schaut, der Franz. Wie der immer schaut!"

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Am 20. Juni stellte Helmut Schön noch einmal die elf besten Spieler auf, die ihm nach den Jahrhundertspielen zur Verfügung standen. Beim mühsamen 1:0-Sieg gegen Uruguay nahm er nur im Tor eine Änderung vor, die für Aufregung sorgte. Der etatmäßige Torhüter Sepp Maier war tüchtig sauer. Der Bayern-Keeper packte sich deshalb seine Kamera und positionierte sich direkt hinterm Kasten seines Torwart-Kollegen Wolter. Von dort filmte er in aller Ruhe die Fehler seines Mannschaftskameraden, um sie dem Bundestrainer später genüsslich unter die Nase zu reiben.

Lange hielt sich übrigens das Gerücht, Nationalspieler Willi Schulz vom Hamburger SV habe damals seine Schuhe für das Spiel gegen Uruguay im Hotel vergessen gehabt und habe deshalb nicht antreten können. Eine schöne Geschichte - doch sie stimmte leider nicht. Gemeinsam mit dem Bundestrainer hatte Schulz nur entschieden, dass seine letzte Partie mit dem Adler auf der Brust das unvergessliche Halbfinale gegen Italien sein sollte. Das unsterbliche, letzte Jahrhundertspiel dieser denkwürdigen Weltmeisterschaft als Schlusspunkt einer erfolgreichen Karriere im Nationalmannschaftstrikot. Nicht nur Willi Schulz hat diese Partien und diese WM der Superlative in Mexiko nie vergessen.

Verwendete Quelle: ntv.de