Wirtschaft
Das Jahr 2014 ist ein "verlorenes Jahr" für Italien.
Das Jahr 2014 ist ein "verlorenes Jahr" für Italien.(Foto: picture alliance / dpa)

Alarmierende Signale aus Italien: Ifo-Chef weckt böse Erinnerungen

Von Diana Dittmer

Während Italiens Premier Renzi noch in einem einzigartigen Kraftakt versucht, das Land aus dem Tief zu holen, berichtet das Ifo-Institut bereits von einer "alarmierenden" Kapitalflucht.

Rückblick: Sommer 2011. Italien versinkt immer tiefer im Schuldensumpf. Die Politiker in Rom schaffen es nicht, die Staatsfinanzen glaubwürdig in den Griff zu bekommen. Die Lage eskaliert. Die Investoren verlieren die Geduld und ziehen fluchtartig ihr Geld aus dem Land ab. Im August und September 2011 verlor das südeuropäische Land insgesamt 80 Milliarden Euro. Es kommt zu einer Entwicklung, die bis dahin kein Euro-Retter auf dem Zettel hatte. Vorübergehend wird sogar ein Austritt des Landes aus dem Euro als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen.

Mario Renzi will's jetzt wissen. Einen Plan B gibt es nicht.
Mario Renzi will's jetzt wissen. Einen Plan B gibt es nicht.(Foto: imago/Italy Photo Press)

Im Jahr 2012 kündigt die EZB den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen an und entschärft damit die Euro-Krise. Mittlerweile können sich die Länder der Euro-Zone wieder zu ausgesprochen günstigen Konditionen verschulden - das gilt auch für die südliche Peripherie. Das lädt jedoch hauptsächlich dazu ein, immer neue Schulden zu machen. Gelöst werden die Probleme nicht.

Zwei Jahre nach dem Euro-Schwur von EZB-Chef Mario Draghi mit den berühmten Worten "Whatever it takes" gibt es das klassische Déjà-vu. Ein Blick in die für die Kapitalströme wichtigen Target-Verrechnungskonten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt, dass Investoren in den vergangenen Monaten mehr Geld aus Italien abgezogen als investiert haben. Nach Angaben des Ifo-Instituts flossen im August und September 67 Milliarden Euro ab - so viel wie seit drei Jahren nicht mehr. Dabei handelt es sich um eine kritische Entwicklung. Denn schon früher sorgten solche Kapitalbewegungen zu erheblichen Irritationen an den Finanzmärkten.

Italien unter Beschuss?

Offenbar fürchten viele Investoren in Europa die Rückkehr der Schuldenkrisen. Auch Ministerpräsident Matteo Renzi stellte jüngst fest: "Die Finanzkrise kehrt dramatisch an die Finanzmärkte zurück." Gleichzeitig appellierte er an die Gemeinschaft der Europäer: "Entweder wir überstehen diese Phase gemeinsam oder die gegenwärtige Krise wird keine Gewinner übriglassen."

Die Finanzmärkte reagierten prompt: Die Zinsaufschläge für italienische Staatsanleihen stiegen. Die Rendite für zehnjährige Italien-Anleihen kletterte um 0,3 Punkte auf 2,72 Prozent.

Überraschend kommt das nicht. Zinsen sind eben nichts anderes als die Entlohnung für Risiken. Die Hoffnungen, dass sich die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone von der Krise erholt hätte, sind verpufft. Das Wachstum ist schwächer als in Spanien. Die Schuldenquote liegt bei beachtlichen 132,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dass die Renditen für Staatsanleihen noch unter drei Prozent liegen, heißt nicht, dass das so bleiben muss.

Renzis große Wette auf Italiens Rettung

Renzi versucht derzeit in einer Art Verzweiflungsakt, das Ruder herumzureißen, der Wirtschaft mit einem "superexpansiven" Sparprogramm auf die Beine zu helfen und Unternehmen dazu zu bringen, neue Stellen zu schaffen. Was er plant, ist die größte Steuersenkung in der Geschichte der Republik. Von den 36 Milliarden Euro, die Renzi unters Volk bringen will, werden allein 11 Milliarden Euro mit Schulden gestemmt. 15 Milliarden Euro soll der Staat einsparen. Den Rest will der Premier bei Steuersündern, bei Glücksspielautomaten und bei Kapitalerträgen reinholen. Offen ist, wie die EU darauf reagieren wird.

Das "verlorene Jahr" 2014 soll sich für die Italiener auf keinen Fall wiederholen. Am Anfang hatten noch alle einen Aufschwung prophezeit. Renzi hatte zu seinem Amtsantritt ein straffes Reformtempo versprochen. Danach ging jedoch so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte. Ukraine-Krise, Isis-Terror, Ebola. Statt sich zu erholen, fiel Italiens Wirtschaft in die dritte Rezession seit 2008 zurück. Dass eine Änderung in der Statistikberechnung die Wirtschaft des Landes jetzt günstiger aussehen lässt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Konjunktur schrumpft.

"Eine realwirtschaftliche Krise"

Hans-Werner Sinn meint, mit "Klein-Klein" kommt Europa nicht weiter.
Hans-Werner Sinn meint, mit "Klein-Klein" kommt Europa nicht weiter.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Annahme, die Euro-Krise sei eine reine Finanzkrise, sei falsch gewesen, konstatiert Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. "Wir haben eine realwirtschaftliche Krise." Es habe seit der Euro-Einführung Kreditblasen bei Staaten, Privaten und Bauherren gegeben, die zu Fehlinvestitionen führten. In vielen Ländern seien die Preise zu hoch. "Solange die Realkrise nicht gelöst wird, wird die Krise immer wieder aufflackern", warnt Sinn.

Gleichzeitig beschwichtigt der Wirtschaftswissenschaftler aber auch: "Ich glaube nicht, dass Italien aus dem Euro austreten sollte oder wird." Er wolle nicht sagen, dass es schon wieder so schlimm sei. Mit einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone rechnet Sinn nicht. "Es ist nicht notwendigerweise der Fall, dass es einen Knall gibt."

Seine Kritik richtet sich erneut gegen die Politik der EZB, die die Krisenländer vor allem in Südeuropa mit niedrigen Zinsen und einem Aufkauf von Staatsanleihen unterstütze. Damit werde ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum verhindert. "Wir haben schon ein Jahrzehnt verloren durch den Euro", zieht Sinn Bilanz. Viel Geld sei in Südeuropa im Staatsystem versickert oder in dubiose Immobilienprojekte geflossen. Seit 2007 würden alle Probleme durch öffentliche Gelder gelöst.

Bereits jetzt bereitet nicht nur Italien Sorgen. Wie vor drei Jahren stehen plötzlich alle "südeuropäischen Sorgenkinder" im Fokus. Als Krisensignal werten Finanzmarktbeobachter die Meldung, dass die EZB griechischen Banken den Zugang zu frischem Geld erleichtern will. "Das ist eine Stützungsmaßnahme, nachdem sich in den vergangenen beiden Tagen Druck aufgebaut hat", sagte ein griechischer Zentralbanker.

"Die EZB macht weiter mit ihren Anleihekäufen, Geld fließt weiter nach Süden und wird verbraten", warnt Sinn. Das habe Europa bereits Wachstum gekostet. Und die Folge werde ein langes Siechtum sein.

Quelle: n-tv.de

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