Wirtschaft

Fünf Wahrheiten über den Euro, Teil 2: Der Euro ist kein Teuro

von Jan Gänger

Der Euro wird hierzulande häufig als Teuro bezeichnet. Er sorge seit seiner Einführung für kräftig steigende Preise, lautet der Vorwurf. Viele Deutsche sehnen sich deshalb nach der Mark zurück. Aber wird der Euro dem Ruf als Inflationstreiber wirklich gerecht?

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seit der Einführung als Bargeld wird dem Euro nachgesagt, er habe in Deutschland für einen Teuerungsschub gesorgt. Der Gemeinschaftswährung wurde deshalb das Etikett "Teuro" verpasst, im Jahre 2002 wurde die Bezeichnung hierzulande zum Wort des Jahres gekürt. Seitdem scheint sich an der Wahrnehmung des Euro als Inflationstreiber nicht viel geändert zu haben. Zu Recht?

Der Euro hat die Verbraucherpreise in Deutschland nicht angeheizt. Er hat sich stattdessen seit seiner Einführung – 1999 als Buchgeld und 2002 als Bargeld – als stabile Währung erwiesen. Die durchschnittliche Inflationsrate liegt in Deutschland seitdem im Schnitt bei rund 1,5 Prozent und damit noch unter dem Niveau, bei dem die Europäische Zentralbank Preisstabilität gewährleistet sieht. Auch im restlichen Euroraum sorgt die Gemeinschaftswährung für stabile Preise. Seit Beginn der Währungsunion liegt die durchschnittliche Teuerungsrate bei 2 Prozent.

Die Mark war nicht stärker

Der Euro steht der Mark damit in nichts nach – und das, obwohl Deutschland dem Bundesverband deutscher Banken zufolge zu Zeiten der D-Mark die niedrigste Geldentwertung aller Industriestaaten hatte: In der rund 50-jährigen Geschichte der Mark lag die Inflation im Schnitt bei 2,8 Prozent.

Die Gemeinschaftswährung sieht sich trotzdem zwei hartnäckigen Vorwürfen ausgesetzt: Zum einen habe es mit der Einführung einen regelrechten Preisschub gegeben, und zum anderen seien die Preise in Deutschland auch in den folgenden Jahres kräftig geklettert.

Beides ist nicht richtig. Die Preise sind zwar gestiegen, aber in einem weit geringeren Maße als von vielen Deutschen empfunden. Im Januar 2002 lag die Inflationsrate in Deutschland bei 2,1 Prozent und damit über den Werten der Monate vor und nach der Einführung der neuen Währung. Ein Preisschub war das allerdings nicht. Zudem kann laut Bundesbank der Euro-Bargeldeinführung höchstens ein Beitrag von 0,3 Prozentpunkten angerechnet werden – und das, obwohl es bei "Gaststätten-, Kino- und Freizeitbesuchen sehr auffällige Preisbewegungen gab."

Der Großteil der Preisanhebungen hing also nicht mit der Euro-Einführung zusammen, sondern lässt sich auf andere Faktoren zurückzuführen.

  • Mit der Euro-Einführung trat die vorletzte Stufe der ökologischen Steuerreform in Kraft. Im Jahr darauf folgte die zweite Stufe. Das hatte spürbare Auswirkungen auf die Benzinpreise.
  • Einige Nahrungsmittel, besonders Obst und Gemüse, wurden zum Teil deutlich teurer. Das Statistische Bundesamt sieht darin jedoch vor allem witterungsbedingte Gründe. Im November 2002 lag das Preisniveau der Lebensmittel schließlich wieder 0,9 Prozent niedriger als im Jahr zuvor. Obst war um 2,2 Prozent günstiger, Gemüse 5,3 Prozent.

Auch in den folgenden Jahren entwickelte sich die Inflation in Deutschland moderat und lag auf Jahressicht zwischen 0,4 und 2,6 Prozent. Wesentliche Gründe für die Preissteigerungen:

  • Der Ölpreis stieg von etwa 10 Dollar im Jahre 1998 auf 140 Dollar Mitte 2008. Dadurch verteuerten sich Kraftstoffe und Energie, sie wurden allein zwischen Januar 2002 und Dezember 2006 um 30 Prozent teurer.
  • Maßgeblich waren auch die Auswirkungen der Gesundheitsreform im Januar 2004, die die Gesamtteuerung wesentlich beeinflussten.
  • Auch die Erhöhungen der Tabaksteuer sind nicht zu vernachlässigen. Zwischen Januar 2002 und September 2005 gab es fünf Erhöhungen. Im Mai 2011 trat die erste von fünf weiteren Stufen in Kraft, die Zigaretten bis zum Jahre 2015 weiter verteuern. 2007 wurde die Mehrwertsteuer für zahlreiche Waren und Dienstleistungen von 16 auf 19 Prozent erhöht.

"Gefühlte Inflation"

Dennoch hält sich die Überzeugung, der Euro sorge für kräftig steigende Preise. Der Vorwurf: Die ermittelten Inflationsraten widersprechen den persönlichen Erfahrungen und können deshalb nicht stimmen.

Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank Norbert Walter sagte dazu einmal: "Wie bei den tatsächlichen Preisniveauentwicklungen seit Etablierung der EZB das Verdikt 'Teuro' Überlebungschancen haben konnte, ist eher eine Frage an den Psychotherapeuten als an den Statistiker."

Das ist keine verkappte Beleidigung, sondern der Hinweis auf ein bekanntes Phänomen, die "gefühlte Inflation". Für die Unterschiede zwischen individuellem Preisgefühl und amtlich gemessener Statistik gibt es aber gute Gründe:

Jeder Haushalt ist verschieden und gibt sein Geld für andere Dinge aus. Die Teuerungsrate der amtlichen Statistik bezieht sich aber nicht auf Einzelfälle, sondern auf einen nachvollziehbaren Durchschnittswert. Der so genannte Verbraucherpreisindex bildet deshalb die Preisentwicklung von rund 750 Waren und Dienstleistungen ab und gibt so die allgemeine Teuerung an.

Dabei haben die Preise von Produkten, für die mehr Geld ausgegeben wird (beispielsweise Strom) ein höheres Gewicht als Preise von Produkten, für die weniger Geld ausgegeben wird (beispielsweise Brot).

Dazu kommt, dass Verbraucher Preisänderungen vor allem bei Produkten bemerken, die sie häufig kaufen, beispielsweise bei Lebensmitteln, Kleidung und Benzin. Das liegt daran, dass sie Preisanstiege bei Gütern des täglichen Bedarfs dauernd spüren, während die Preise selten gekaufter Produkte wie Möbel oder Haushaltsgeräte nur zum Zeitpunkt des Kaufs wahrgenommen werden. Deshalb werden günstige Preistrends bei Fotokameras, Autos oder Computern kaum beachtet.

Außerdem werden Preisänderungen besonders dann registriert, wenn sie bar bezahlt werden. Mieten werden häufig ausgeklammert, weil sie in der Regel überwiesen oder vom Konto abgebucht werden. Doch die Nettokaltmieten leisten dem Statistischen Bundesamt zufolge einen nennenswerten Beitrag zur relativen Preisstabilität.

Zur "gefühlten Inflation" tragen weitere psychologische Aspekte bei: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Preissteigerungen stärker wahrgenommen werden als Preissenkungen. Außerdem bleiben Preissteigerungen länger im Gedächtnis als Preissenkungen.

Problematischer Vergleich

Viele Verbraucher fällen auch deshalb ein ungerechtes Urteil über den Euro, weil sie die aktuellen Euro-Preise mit D-Mark Preisen von 2002 vergleichen. Dabei übersehen sie, dass inzwischen fast zehn Jahre vergangen sind und es auch mit der Mark Inflation gegeben hätte. Liegt die jährliche Inflationsrate bei 2 Prozent, so hat sich nach zehn Jahren das Preisniveau um mehr als 20 Prozent erhöht.

Die Jahresteuerung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949
Die Jahresteuerung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949

Nicht zu vernachlässigen ist auch, dass Preissteigerungen gelegentlich mit einer höheren Qualität des Produkts einhergehen. Ist beispielsweise ein Neuwagen teurer als vor einigen Jahren, hängt das häufig auch mit einer besseren Ausstattung zusammen. Anders ausgedrückt: Er ist zwar teurer, dafür bekommt der Käufer aber auch mehr für sein Geld.

"Persönliche" Inflationsraten sagen also viel über individuelles Konsumverhalten und eigene Wahrnehmung aus, aber wenig über die allgemeine Entwicklung der Inflation. Das Phänomen ist nicht neu, auch zu Zeiten der Mark hat es "gefühlte Inflation" gegeben.

Der Euro war und ist kein Teuro. Aber wie das mit Legenden so ist: sie zeichnen sich durch Beharrlichkeit aus.

Quelle: n-tv.de

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