Wirtschaft
Die Börse in Frankfurt am Main eröffent am Freitag mit panikartigen Verkäufen.
Die Börse in Frankfurt am Main eröffent am Freitag mit panikartigen Verkäufen.(Foto: picture alliance / dpa)

Warum die Börsen abstürzen: "Politik muss die Märkte führen"

Die Börsenkurse brechen ein brechen ein. Dax, Dow Jones sowie die Kurse an asiatischen und lateinamerikanischen Börsen gehen in den Keller, ein Hauch von Schwarzem Freitag umweht die Aktienmärkte. Finanzmarktexperte Robert Halver erklärt bei n-tv.de, wo die Ursachen der dramatischen Kursverluste liegen, ob die Märkte nun ins Bodenlose fallen und welche Anlagen derzeit Sinn machen.

n-tv.de: Herr Halver, die Börsen auf der ganzen Welt brechen ein. Erleben wir einen Schwarzen Freitag?

Robert Halver: Als so schwarz würde ich ihn nicht bezeichnen, aber die Situation, in der wir uns befinden, ist politisch verursacht. Politische Börsen sind immer sehr schwierig einzuschätzen, und das ist das große Problem, das wir haben. Denn was man im Augenblick macht, ist wirklich keine klare, nachhaltige Lösung.

Sie spielen auf die Schuldenkrise an …

Die Börsianer sind verzweifelt.
Die Börsianer sind verzweifelt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wir haben eine Schuldenkrise, und die ist auch nicht zu verniedlichen. Aber noch wichtiger wäre es, zu überlegen, wie man die Schulden denn wieder weg bekommt. Die bekomme ich doch nicht weg, indem ich eine reine Schuldenverwaltung mache. Dass ich das alles als eine Art Management betrachte und mir immer nur überlege, wie möglichst viele Rettungspakete geschnürt werden können. Was wir brauchen, ist eine Perspektive. Womit wollen wir Geld verdienen? In Amerika macht man es falsch, bei uns auch. Der Desaster mit Ansage in den USA ist verdammt schlecht, und zwar weil es dort eine massive Nachfrageschwäche gibt. Dadurch, dass der Staat jetzt spart, wird diese Nachfrageschwäche noch verstärkt. Die USA hätten die Steuern erhöhen sollen. Amerika hat kein Steuerproblem, sondern ein Nachfrageproblem.

Und was ist das Problem in Europa?

In der Eurozone haben wir das Problem, dass wir auf Teufel komm raus versuchen, jedes Land drin zu halten. Obwohl doch völlig klar ist – wirtschaftlich, mathematisch, volkswirtschaftlich und finanzwirtschaftlich – , dass Länder wie Griechenland und Portugal keine Chance haben, im Korsett des Euro ihre Hausaufgaben zu machen. Damit gefährden wir dann letzten Endes auch stärkere Länder wie Spanien und Italien. Die müssen wir aber halten, denn die sind für uns auf der Exportebene viel wichtiger. Mit unserer Politik der Schuldenverwaltung, der scheibchenweisen Aufgabe von Stabilität und der tagtäglichen Kakophonie von Meinungen lassen wir doch erst zu, dass auch Länder wie Spanien angreifbar werden. Und dadurch spielen wir mit der Existenz der Eurozone, die ja gerade für Deutschland auf der Exportseite extrem wichtig ist.

Was sollte die Politik  also tun?

Es gibt keine Lösung mit Griechenland und Portugal. Sinnvoll wäre es – und zwar im eigenen Interesse dieser Länder- zu sagen, geht raus, wertet ab, macht eure Hausaufgaben, und wir schauen alle fünf Jahre mal, wie weit ihr seid. Zu dem politischen kommt ja noch das soziale Problem. Dass die Bürger nicht mehr mitspielen und sich immer neue Schuldenpakete auf Dauer nicht mehr umsetzen lassen. Da muss man gut aufpassen. Auch wenn Griechenland und Portugal aus dem Euro austreten, bleiben sie europäische Länder und werden auch dann noch eine gewisse Beziehung zum Euroraum haben. Das muss man sich klar vor Augen halten. Jetzt geht es darum, klare Ansätze zu fahren, damit wir da auf lange Sicht wieder heraus kommen.

"Die Märkte werden sich wieder erholen."
"Die Märkte werden sich wieder erholen."(Foto: picture alliance / dpa)

Diese Dinge sind alle schon recht lange bekannt. Warum brechen die Märkte ausgerechnet jetzt so drastisch ein?

Der Auslöser war, dass gerade Amerika, das jahrelang nicht gerade als Sparweltmeister bekannt war,  jetzt sagt, wir brauchen Einsparungen im Staatshaushalt. Auch wenn das nicht direkt zu einer Rezession in den USA führen muss, ist das besonders auch für die deutsche Exportwirtschaft ein großes Problem. Deutschland ist ja zweifach betroffen: Einmal durch die allgemeine Stimmungslage, und einmal durch die Exportwirtschaft, die dann weltwirtschaftlich sehr stark am Fliegenfänger hängt. Der Schuldenkompromiss in den USA – der falsch war – wird jetzt als Ansatzpunkt dafür genommen, zu überlegen, ob unser exportorientiertes Geschäftsmodell nicht Schaden nehmen könnte.

Sind die aktuellen Abstürze angemessen, oder ist die Reaktion an den Märkten auch übertrieben?

Von einer Bewertung her ist es völlig übertrieben. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind nach wie vor voll. Aber: Wenn die Politik weiterhin diese Unsicherheit schürt, wird sich diese auch irgendwann auf die Realwirtschaft niederschlagen. Dann werden die Aufträge irgendwann zurückgehalten, als nächstes fallen Arbeitsplätze weg. Und dann haben wir ein ähnliches Problem wie 2008 und 2009. Und darum sollte jemand, der bis drei zählen kann in der Politik, sofort darauf reagieren. Auf beiden Seiten des Atlantiks, gerade auch in der wirtschaftlich so hochintelligenten Supermacht USA, werden derzeit genau die gleichen Fehler gemacht. Jetzt zu sparen, ist völlig falsch. Wenn jetzt  Investitionen zurückgehalten werden, sind ganz schnell auch nachfolgende Prozesse wie die Schaffung von Arbeitsplätzen oder das Konsumklima betroffen. Und darauf reagieren dann wiederum die Märkte.

Wie geht es jetzt weiter an den Märkten? Fallen sie ins Bodenlose?

Nein, die Märkte werden sich wieder erholen. Aber wenn nicht bald ein paar grundlegende Dinge geklärt werden, werden wir an der Aktienfront keine nachhaltige Ruhe bekommen. Wir können in der Eurozone nicht mehr mit dieser Salamitaktik weitermachen, denn das führt dazu, dass die Märkte verunsichert bleiben. Denn die Märkte wollen, dass die Politik führt, derzeit führt sie aber ausschließlich zu Verunsicherung. Und das ist eigentlich das schlimmste, was den Finanzmärkten passieren kann. Für mich ist es erbärmlich zu sehen, dass die Politik hier trotz einer eigentlich robusten Verfassung der deutschen Konjunktur auf Risiko spielt. Das ist nicht ok.

Gibt es rationale Gründe für den Einbruch, oder reagieren die Anleger auch panisch?

Es gibt rationale Gründe. Aber natürlich reagieren die Anleger - ganz einfach, weil es Menschen sind – auch ein Stück weit panisch. Bei einem derartigen Niedergang von Aktienwerten sagen die Anleger verständlicherweise, gut, da gehe ich besser mal raus. Das ist durchaus nachvollziehbar und in gewisser Weise ein Herdentrieb. Aber die Anleger sehen natürlich auch, dass derzeit auf politischer Ebene, in den USA sowie in der Eurozone, manche Dinge nicht so laufen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Und wenn die nicht stimmen, können die Märkte nicht laufen. Da können die Finanzmärkte  noch so brav sein, wenn es der bösen Politik nicht gefällt.

Finanzmarktexperte Robert Halver telefoniert auf dem Parkett der Börse in Frankfurt.
Finanzmarktexperte Robert Halver telefoniert auf dem Parkett der Börse in Frankfurt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Welche Anlagen machen jetzt langfristig Sinn?

Gold und Silber werden auch weiterhin eine lohnende Investition sein, da ja auch weiter Schulden gemacht werden, die Eurokrise weitergeht, die Amerikaner Probleme haben und die Linie der Politik so unklar ist. Auch wenn sich der Goldpreis derzeit auf einem Allzeithoch befindet, ist das kein Grund, nicht weiterhin auch auf Gold zu setzen. Wenn die Märkte sich wieder etwas beruhigt haben, sollte man auch wieder auf Aktien setzen, aber im Augenblick gehören Gold und Silber zur Vermögensanlage dazu. Natürlich soll man aber auch nicht mit allem, was man hat, auf Gold setzen.

Und wie steht es mit Staatsanleihen, Rohstoffen oder Fremdwährungen?

In Sachen Staatsanleihen ist der Deutsche mit seiner Lebensversicherung, mit seiner Rentenversicherung voll bis oben hin. Empfehlenswert sind aber zum Beispiel  Immobilien und, wenn sich der Nebel etwas gelegt hat, auch wieder Aktienkäufe. Also nicht alles auf Staatsanleihen setzen.

 

mit Robert Halver sprach Johannes Süßmann

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen