Leben

Hochstrittige Beziehungen Ein Team bleiben, auch wenn's schwerfällt

imago0078539842h.jpg

In einem Rosenkrieg sind oft Kinder die Leidtragenden.

(Foto: imago/photothek)

Wenn Eltern sich trennen, finden sie sich nicht selten vor Familiengerichten wieder. Manche geraten in einen Rosenkrieg, der allen Beteiligten an die Substanz geht. Wie kann man es besser machen? Vor allem das Verharren bei Schulddiskussionen ist eine Falle, erklärt Autorin Marianne Nolde im Gespräch mit ntv.de. Und manchmal haben kleine Schritte erstaunlich große Wirkungen.

ntv.de: Sie haben 36 Jahre als Gutachterin an Familiengerichten gearbeitet. Hat Sie das bewogen, Ihr Buch "Eltern bleiben nach der Trennung" zu schreiben?

Marianne Nolde: Auch, aber nicht nur. Denn auch ich habe eine Trennung mit Kindern erlebt. Als mein Mann und ich uns trennten, war ich 33 Jahre alt und hatte schon acht Jahre Praxis als Gutachterin. Meine Kinder waren zu dem Zeitpunkt zwei und sechs Jahre alt. Obwohl ich aus meiner beruflichen Praxis wusste, worauf man achten muss, damit die Kinder die Trennung der Eltern möglichst gut verkraften, habe ich auch Fehler gemacht. Ich habe mir irgendwann selbst therapeutische Hilfe gesucht, um aus meinem Gefühlschaos herauszukommen - es ist wahrlich keine einfache Situation, für niemanden. Seitdem habe ich immer wieder beobachtet, wie oft Fehler aus Unwissenheit heraus gemacht werden. Dem wollte ich begegnen und Eltern, die sich trennen, Mut machen.

Was ist das Spektrum der Fälle, die man als Gutachterin erlebt?

Die Trennungen, die wirklich gut verlaufen, begleite ich nicht. Diese landen nicht vor Gericht, weil sich die Eltern schon im Vorfeld einig werden, oft mit der Hilfe von Mediatoren oder dem Jugendamt. Ein Gutachter kommt erst ins Spiel, wenn einiges gescheitert ist. Manchmal hilft aber auch dann Aufklärungsarbeit, und es macht auf einmal doch noch "Klick". Am anderen Ende des Spektrums sind die Rosenkriege. Da kommt die Akte schon als 5-Kilogramm-Paket. In diesen hochstrittigen Beziehungen ist oft schon so viel passiert, dass es für manche Kinder die letzte Überlebenschance ist, nur von einem Elternteil betreut zu werden.

Was eint diese Rosenkriege?

Eltern, die derart verfeindet sind, können nur schwer eine neue Perspektive einnehmen. Das habe ich meistens schon im ersten Gespräch gemerkt, dass da sehr starre Systeme vorliegen. Kinder können sich in so einer Situation, wenn über Jahre prozessiert wird, irgendwann nur noch auf eine Seite schlagen. Dazu kommt die paradoxe Situation, dass der physisch nicht anwesende Elternteil aufgrund des Prozesses im Leben der Familie trotzdem eine große Rolle spielt. Oft wird irgendwann mit allen Mitteln gekämpft, um dem anderen weh zu tun.

Wie können Eltern das vermeiden?

Autorenfoto_Nolde.jpg

Marianne Nolde ist seit langem Gutachterin in Familienprozessen.

(Foto: Birgit Röpke)

Zunächst hilft es, einzusehen, dass die Schuldfrage nicht sinnvoll oder zielführend ist. Nur in wenigen Ausnahmen gibt es dafür gute Gründe, wie zum Beispiel Drogenmissbrauch oder Gewalt. Da muss ein Elternteil alleine erziehen. Einer der wichtigsten Punkte ist aber, den Kindern zu zeigen, dass sie nach einer Trennung beide Eltern weiter lieben dürfen. Ich habe sehr oft gesehen, dass Kinder sich nicht trauen, einem Elternteil die Liebe zum anderen Elternteil zu zeigen. Sie haben Angst, ihn zu kränken. Vielen Eltern ist das nicht klar und sie verwechseln das Verhalten der Kinder mit echter Abneigung gegenüber dem Vater oder der Mutter.

Sie warnen auch vor der Opferrolle - was macht diese so attraktiv?

Dass man viel Mitgefühl bekommt, gerade nach einer Affäre kann das ein gutes Trostpflaster sein. Auch ich selbst hätte gar nicht so eine schlechte Opfergeschichte gehabt. Das Problem ist: Wer sich in dieser Rolle einrichtet, kommt schwer wieder heraus. Es ist wesentlich klüger, auf den eigenen Anteil zu schauen und sich zu fragen, was man tun kann, damit die nächste Beziehung besser verläuft.

Ist Ihnen das gelungen?

Ich glaube schon - ich hatte gerade Silberhochzeit!

Wie hat sich die Position der Väter entwickelt?

Sie hat sich sehr verändert. Als ich begann, Gutachten zu erstellen, arbeiteten die Väter Vollzeit und die Mütter waren meistens entweder Hausfrauen oder geringfügig berufstätig. Nach einer Trennung lebten die Kinder bei der Mutter und sahen ihre Väter nur in deren Freizeit. Heute bringen sich Väter anders in Familien ein, Frauen haben ein ganz anderes Interesse am Berufsleben. Deswegen finden wir heute natürlich ganz andere Lösungen als noch vor 30 Jahren, denn Kontinuität ist bei Gutachten ein wichtiger Faktor. Wenn sich die Eltern vor der Trennung die Betreuung geteilt haben, dann soll das nach der Trennung auch so bleiben.

Einige Väter fühlen sich vor Gericht diskriminiert, ist das aus Ihrer Sicht ein berechtigter Vorwurf?

In manchen Fällen mag das so sein. Es gibt natürlich Väter, die sich stark engagiert haben und in einer Trennungssituation auf die alte, eher abwesende Vaterrolle zurückgesetzt werden. Aber es gibt auch Väter, die nicht sonderlich engagiert waren, und bei einer Trennung plötzlich auf das Recht pochen, die Kinder möglichst viel zu sehen. Dabei kann auch die Angst vor Unterhaltszahlungen eine Rolle spielen. Das zu prüfen und auf den Einzelfall einzugehen, ist die anspruchsvolle Aufgabe der Familienrichter.

Immer wieder wird die mangelnde Qualifizierung der Richter kritisiert. Wie haben Sie das erlebt?

Ich habe in den 36 Jahren sehr engagierte, fähige, motivierte und auch psychologisch geschickt arbeitende Familienrichter- und Richterinnen kennengelernt und möchte mich auf keinen Fall an generellem Familienrichter-Bashing beteiligen. Wie bei jeder anderen Berufsgruppe mit einer verantwortlichen Tätigkeit halte ich Fortbildung für Familienrichter und -richterinnen für wichtig. In jedem Fall sinnvoll wären Schulungen in Gesprächsführung. Ich habe erlebt, dass RichterInnen, die im Umgang mit den Eltern den richtigen Ton getroffen haben, Streitigkeiten frühzeitig beilegen konnten. Oder dass sie Eltern dazu motivieren konnten, statt weiterer ausufernder Gerichtsprozesse in einer Mediation doch noch eine gütliche Lösung zu suchen.

Wie hat sich die Situation der Familien verändert - und wie wirkt sich das auch vor Gericht aus?

Es gibt eine Vielzahl neuer gesellschaftlicher Entwicklungen, mit denen sich Familienrichter und -richterinnen auseinandersetzen müssen. Da fällt mir speziell das Wechselmodell ein, das in meiner Tätigkeit früher lange Zeit gar nicht vorkam, heute aber schon eine größere Rolle spielt. Ich finde unbefriedigend, wenn es am Ende von subjektiven Vorlieben des jeweiligen Richters abhängt, ob ein Wechselmodell überhaupt als ernsthafte Option mit geprüft wird oder ob es an dem betreffenden Gericht heißt: Bloß das nicht, das kann doch nicht gut sein - ohne sich mit dem aktuellen Forschungsstand zum Thema intensiver auseinandergesetzt zu haben. Umgekehrt höre ich mittlerweile auch schon, dass vom Wechselmodell überzeugte Richter und Richterinnen es ohne ausreichende Einzelfallprüfung als Lösung für alle Streitigkeiten sehen. Auch das führt zu Problemen, weil es eben doch nicht die für alle Familien optimale Lösung ist.

Manchmal kann eine Lösung ganz banal sein - in Ihrem Buch schreiben Sie darüber, wie Sie Ihren Sohn mit Orangensaft nachhaltig beeindruckt haben.

978-3-426-21473-2_xl.jpg

Noldes "Mutmachbuch" ist bei Knaur erschienen und kostet 16,99 Euro.

Ja, das mag erst einmal komisch klingen. Aber gerade der Elternteil, der das Kind zum größten Teil betreut, hat oft Angst, dass es das Kind bei dem anderen schöner findet, weil es dort mehr darf. Das war auch in meinem Fall so: Ich fühlte mich als Mutter, die die meisten Regeln setzte, oft als graue Maus, weil meine Kinder beim Vater und den Großeltern mehr durften. Als ich meinen Sohn fragte, was er bei Oma und Opa besser findet, nannte er eine Vielzahl von Dingen, unter anderem, dass er dort vor dem Fernseher zu Abend essen darf, womit ich mich nicht anfreunden konnte. Aber er sagte auch: Außerdem gibt es da immer Orangensaft - bei uns gab es "nur" Bio-Apfelsaft und Wasser. Ich habe ab da auch Orangensaft gekauft. Das war eine kleine Veränderung, die niemandem weh tat. Und mein Sohn sagte mir dann Jahre später als Erwachsener, wie toll es war, dass es immer Orangensaft gab, nachdem er das angesprochen hatte. Selbstwirksamkeit kann also auch erlebt werden, wenn Kinder vermeintlich kleine Dinge gestalten dürfen.

Bei einer Trennung geht es um sehr viel, es ist eine extrem emotionale Situation und doch plädieren Sie für Versöhnlichkeit - kann das auch gelingen, wenn man sich gerade so gar nicht edelmütig fühlt?

Ja. Ich kenne den Frust und die Rachegelüste und die Wut bei einer Trennung aus eigener Erfahrung. Und auch mir ist es nicht immer geglückt, versöhnlich zu sein. Aber das Wissen darüber, was man den Kindern antut, wenn man seinen Impulsen nachgeht, kann eine große Motivation sein, es nicht zu tun. Und: Man darf auch Fehler machen, man muss nicht immer und überall versöhnlich sein. Trennungen verlaufen nie stromlinienförmig. Und auch Eltern, die sich trennen, können ihren Kindern etwas sehr Wertvolles vorleben: wie man sich im Guten trennt. Wenn man eine gescheiterte Beziehung mit diesem Blick betrachtet, dann ist Heilung möglich.

Mit Marianne Nolde sprach Sarah Borufka

Quelle: ntv.de