Leben

Omar und der VW Käfer "Lino" Musik-Nomade lebt seinen Traum

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"Il Pianista sul Maggiolone" in Aktion.

(Foto: Andrea Affaticati)

Omar hat sich seinen Traum erfüllt: Er fährt in einem originell umgebauten VW Käfer namens Lino durch Italien und macht Musik - und zwar an eher ungewöhnlichen Orten. ntv.de hat "il Pianista sul Maggiolone" beim Wandern mitten in der Natur getroffen.

Mitte Juni, Piani di Castelluccio, eine Hochebene, die sich zwischen den Regionen Umbrien und Marken erstreckt. Castelluccio di Norcia gehört zu den Gemeinden Mittelitaliens, die im August und Oktober 2016 von mehreren verheerenden Erdbeben heimgesucht wurden. Castelluccio trägt, wie alle anderen betroffenen Ortschaften auch, noch immer offene Wunden. Deswegen hat der Verband "Cammino delle Terre Mutate" wie jedes Jahr ein mehrtägiges solidarisches Trekking entlang des Erdbebenkraters organisiert.

Und der Kontrast könnte nicht größer sein: Da der historische Kern des Ortes, der noch in Trümmern liegt, dort das Farbenmeer, das sich über die von den Bergen des Nationalparks Monti Sibillini umringte Hochebene erstreckt. Soweit das Auge reicht, rote Mohnblumen, gelbe Senfblüten und blaue Kornblumen, die den Blick fesseln.

Und während der Wanderung durch diese Naturpracht ertönt plötzlich der Klang eines Klaviers. In der Ferne erblickt man einen schlaksigen jungen Mann, der vor der Seitentür eines knallroten VWs sitzt und auf dem Piano spielt. Das sind Omar und Lino, der "Pianista sul Maggiolone", also der Pianist mit dem Käfer. Omar ist ein aufgeschlossener, wenngleich ein wenig schüchterner 27-Jähriger mit Bart, die braunen Haare zu einem Dutt gebunden. Lino ist ein Super Beetle Baujahr 1973, "das erste dieser Modelle", wie Omar Conti, so heißt der junge Mann mit vollem Namen, ntv.de stolz sagt. Das Piano, auf dem er spielt, ist digital und hängt an einem der Autofenster.

Musik im Blut

Wer Omars Geschichte beziehungsweise seinen Traum nicht kennt, würde meinen, dass hier, mitten in der Hochebene, wo abgesehen von gelegentlich vorbeikommenden Wanderern keine Menschenseele ist, ein ziemlich ungewöhnlicher Ort für ein Treffen ist. Das stimmt aber nicht, denn wie Omar erzählt, "ist das genau das, wovon ich lange geträumt habe. Wie ein Nomade mit Auto und Musikinstrumenten durch Italien zu ziehen und wo immer mir der Schauplatz der Natur zuwinkt, haltzumachen und zu spielen." Und zwar Klavier oder Cello und am liebsten Filmmusik von Ennio Morricone und Ludovico Einaudi. Oder seine eigenen Kompositionen.

Die Leidenschaft für die Musik habe man ihm in die Wiege gelegt, berichtet Omar. "Meine Mutter erzählte mir, sie habe mir vom ersten Tag an Bach und Vivaldi aufgelegt." Eines Tages, er war um die zehn Jahre alt, fand er die Gitarre der Mutter. Er begann auf ihr herumzuzupfen und brachte sich selber das Spielen bei. Dasselbe machte er Jahre später mit dem Klavier und dem Cello. Omar hat die Musik im Blut und er spielt traumhaft gut. Auch das Cello. Seins ist aber nicht irgendeins, sondern ein französisches Exemplar aus dem Jahr 1844. Für seinen Geldbeutel unerschwinglich, deswegen hat er es sich nur ausgeliehen. "Musik ist die Konstante in meinem Leben, sie gibt mir Ruhe, mit ihr fühle ich mich zu Hause. Daher auch die fixe Idee, meine Arbeit müsse auch mit Musik zu tun haben", erzählt Omar weiter.

Dann kam die Idee mit dem Reisen in einem Oldtimer-Käfer. Sein Studium in Transportdesign passte perfekt dazu. Und plötzlich fügten sich seine Leidenschaften wie Puzzleteile ineinander. Vor drei Jahren startete er ein Crowdfunding-Projekt, mit dem er seine erste CD "TLEN" aufnahm und dem Umbau des VW-Käfers begann. Im Sommer darauf machten sich die beiden auf ihre erste zweiwöchige Tour. Lino war damals noch nicht so professionell umgebaut wie jetzt, aber immerhin reichte es fürs Erste, um "die Musik in die weite Welt zu bringen", wie Omar selber sagt. Und es lief super, auch was das "Einkommen" betraf.

Dann kam die Pandemie, die seine Sehnsucht nach der weiten Welt noch mehr anfachte. Gleichzeitig verschaffte sie ihm die Zeit, seine Doktorarbeit fertigzuschreiben und an Linos Umbau weiterzuwerkeln.

Wie viel Arbeit und Erfindungsgeist die Umgestaltung erfordert hat, sieht man mit bloßem Auge, wenn man das Auto näher betrachtet. Auf der Motorhaube ist eine kleine Solaranlage angebracht, die dem Klavier und den Tonverstärkern vorne im Gepäckraum dient. Neben der Plattform für Musikperformances muss Lino für Omar aber auch ein Zuhause sein, daher die akkurate Ausstattung im Inneren. Je nach Tages- und Nachtzeit kann sich der nicht wirklich großzügige Innenraum verwandelt - entweder in einen Wohnraum samt Kochnische oder in einen Schlafraum.

Perplexe Eltern

Am Anfang seien seine Eltern über seine Nomadenpläne nicht gerade entzückt gewesen. Nichtsdestotrotz haben sie ihn unterstützt. Schließlich ist man nur einmal jung. Der Vater habe ihm tatkräftig beim Bau der Elektroanlage geholfen, "ohne seine Hilfe hätte ich das nicht geschafft". Und die Großmutter spornte ihn immer wieder an, seinen Traum nicht aufzugeben.

Seit Anfang Juni haben sich Omar und Lino wieder auf den Weg gemacht. "Bis Ende Juli bleiben wir hier im zentralen Apennin", sagt Omar. Er selber kommt aus den Marken, genauer gesagt aus Fossombrone in der Nähe von Urbino. "Dann geht es weiter Richtung Dolomiten, dort werden wir den August verbringen". Musik in der Stille der Alpenwelt ist seit einigen Jahren sehr beliebt, dem Erfolg der beiden inmitten der Alpen steht also nichts im Weg. Nicht zuletzt, weil man sie nicht übersehen kann. "Es sind aber besonders die Deutschen, die uns enthusiastisch grüßen. Sie finden Lino super cool", sagt Omar. Im September geht es dann in den Süden, nach Apulien.

Inspirieren lässt sich Omar von der Umgebung. Wie unlängst, als eine Pferdeherde an ihm vorbeizog und er eine Musik von Ennio Morricone spielte. Wer also in diesem August durch die Dolomiten wandert, der sollte nach den Omar und Lino Ausschau halt. Gut möglich, dass irgendwo aus der Ferne der Klang eines Klaviers oder eines Cello ertönt.

Quelle: ntv.de

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