Essen und Trinken

Unkraut oder Delikatesse Frühjahrsputz mit Löwenzahn

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Was kann schöner sein, als mit Opa und Bollerwagen in einer Löwenzahnwiese?

(Foto: picture alliance / dpa)

Was die wenigsten wissen: Die Pusteblume bestimmt, wer in den Himmel kommt. Klug ist derjenige, der den Löwenzahn mit Messer und Gabel statt mit der Hacke vertilgt und den Kaninchen und Bienen auch noch ein paar Pflanzen übrig lässt.

Einen Winter, der in vielen Regionen kein richtiger war, und Sturmtief Niklas haben wir zum Glück überstanden und können endlich den Frühling genießen. Die Sonne scheint wieder länger, aber wenn sie auf die Wohnzimmerfenster trifft - oh, oh … Die männliche Belegschaft des Haushalts greift sich am Samstag das Auto und fährt in die Waschanlage; das dauert erfahrungsgemäß den ganzen Tag. Dann nämlich hat die zweite Hälfte der dualen Zweckgemeinschaft, meist "die bessere" genannt, hoffentlich den Hausputz erledigt.

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Für 1 kg Honig muss ein Bienenvolk über 100.000 Löwenzahnblüten besuchen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Millionen Haushalte werden jedes Jahr im Frühling grundgereinigt, entrümpelt und aufgehübscht. Das ist seit Jahrhunderten so; schon die Kelten werkelten in ihren Hütten im Frühjahr besonders gründlich herum. Schmutz galt als Versteck für böse Geister und als Ursache für mannigfaltiges Unglück. So ganz ist dieser Urtrieb wohl immer noch nicht verschwunden. Warum aber denken wir bei "Frühjahrsputz" nicht auch mal an uns selbst? Körper und Seele haben in der dunklen Jahreszeit auch "Staub" angesetzt: Beim Körper ist das mehr Speck, bei der Seele Müdigkeit und Missmut durch das Schlafhormon Melatonin, das im Winter vermehrt ausgeschüttet wird, nun aber langsam dem stimmungsaufhellenden Serotonin weichen muss. Jetzt kommen wir wieder in Bewegung. Bevor es an die Erneuerung geht, halten viele Menschen inne und verordnen sich eine Fastenkur. "Das Fasten ist die Speise der Seele", schrieb im vierten Jahrhundert der Erzbischof von Konstantinopel Johannes von Antiochia,  einer der größten christlichen Prediger. "Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger und verschafft ihr bewegliche Flügel, hebt sie empor und lässt sie über himmlische Dinge nachdenken", so griechische Kirchenlehrer, dem im 6. Jahrhundert der Beiname Chrysostomos ("Goldmund") gegeben wurde.

Nun ist das Fasten nicht jedermanns Sache, auch kann es nicht jeder, der es möglicherweise gerne täte, in die Tat umsetzen, zum Beispiel aus beruflichen Gründen. Dennoch muss niemand auf einen inneren Frühjahrsputz verzichten: Mitunter ist schon ein bisschen mehr Grün hilfreich. Jetzt sprießen wieder die ersten Wildkräuter, deren Fülle an Vitaminen, Mineralstoffen und pflanzlichen Muntermachern uns aus dem Winterschlaf weckt. Dass Bärlauch lecker schmeckt und nicht nur den wintermüden Bären neue Kraft verleiht, hat sich schon herumgesprochen. Aber Löwenzahn, Vogelmiere, Sauerampfer, Brennnessel, Gänseblümchen und Giersch würden die meisten Menschen als Unkraut bezeichnen. Aber nur, solange sie noch nicht davon gekostet haben! Vor allem Löwenzahn wirkt wie ein Hausputz von innen, und nach einer Löwenzahnkur fühlt man sich deutlich erleichtert.

Kaninchen machen’s vor

Wer keinen eigenen Garten hat, in dem das "Unkraut" gedeiht, bekommt mitunter jungen Löwenzahn, Sauerampfer und Brennnesseln auf dem Bauernmarkt, zugegebenermaßen selten. Selbst sammeln ist dann die einzige Möglichkeit, an die "jungen Wilden" zu gelangen. Sammeln sollten Sie allerdings nur weitab von befahrenen Straßen und bewirtschafteten Feldern, weil sich Schadstoffe sowie Düngemittel in den Pflanzen ablagern.

Einen makellosen Rasen brauchen eigentlich nur Golfer und Tennisspieler (ja doch, Fußballer auch); doch eine Wiese im Frühling und im Sommer, auf der weiße und rosa Gänseblümchen sowie gelber Löwenzahn blühen, macht nicht nur gute Laune, sondern sieht regelrecht zum Anbeißen aus. Das können Sie auch getrost, wobei die Blüten von Gänseblümchen nicht gerade ein intensives Aroma haben, aber die peppen jedes Gericht optisch auf und werden quasi als Deko einfach mitgesammelt. Ein wahrer Tausendkünstler dagegen ist der Löwenzahn: Blüten, Blätter und Wurzel sind allesamt essbar, lecker und versorgen den Körper mit neuer Kraft. Kaninchen wissen das! Darüber hinaus ist durch das frühe Erscheinen der Blüten im April und Mai Löwenzahn eine wichtige Bienenweide.

Entgegen vielen Gerüchten ist Löwenzahn nicht giftig, auch der Milchsaft nicht: In der Volksheilkunde wird der Stängelsaft als Heilmittel gegen Warzen und Hühneraugen empfohlen. Wie bei allen bitterstoffhaltigen Pflanzen kann es bei übermäßigem Genuss allerdings zu Bauchgrimmen und Durchfall kommen. Vor allem Kinder sollten den Saft nicht aus den hohlen Stängeln saugen. Der Saft kann auch Flecken auf Haut und Kleidung hinterlassen. Der Milchsaft des unscheinbaren Löwenzahns (Taraxacum officinale) hat längst das Interesse der Industrie geweckt - daraus lässt sich nämlich Gummi herstellen.

Verantwortlich für den typischen Geschmack von Blättern, Wurzel und Saft ist der Bitterstoff Taraxacin, der zwar ausgesprochen bitter schmecken kann, zugleich aber sehr gesundheitsfördernd ist. Damit der Salat nicht zu bitter wird, sollten Sie nur die Blattstiele sammeln, die etwas versteckt in Bodennähe wachsen. Die sind durch den Lichtentzug blasser und dadurch zarter und wesentlich weniger bitter als die dunkelgrünen Blätter. Deshalb wird Zucht-Löwenzahn ähnlich wie Chicorée lichtgeschützt herangezogen; er weist dann eine vornehme Blässe auf. Kommerziell in großem Stil angebaut wird Löwenzahn aber nur in Belgien, Italien, der Schweiz und Frankreich, wobei Frankreich führend ist. Dort bereitet man bereits seit dem 17. Jahrhundert Salate daraus zu. In Deutschland gibt es wohl im Saarland sowie in der Pfalz einige Flächen mit Löwenzahn. Als echte Delikatesse wie in Frankreich hat sich der Löwenzahn in Deutschland aber nicht etabliert, gleichwohl gewinnt der Korbblütler wegen des Wildkräuter-Trends auch hierzulande wieder an Bedeutung als Frühlingssalat, als Gemüse, in Suppen und Saucen. Im eigenen Garten kann man sich mit einem Trick helfen: Wenn man den jungen Pflänzchen einen Eimer überstülpt, werden die Blätter gebleicht. Überhaupt sollten für einen Salat die Blätter frühzeitig geerntet werden; sobald die ersten Blüten kommen, werden die Blätter bitterer: Je älter die Pflanzen werden, desto mehr Bitterstoffe enthalten sie. Diese Löwenzahnblätter können dann aber kurz blanchiert werden, das mildert den bitteren Geschmack. Es hilft auch, wenn man sie 30 Minuten in kaltes Salzwasser legt.

Unterschätztes Wunderkraut

Lange Zeit war die Verwendung von Löwenzahn in der Küche gang und gäbe, bis eine Vielzahl neuer Zuchtgemüse und -salate das Wildkraut verdrängte. Von der heilenden Wirkung des Löwenzahns berichteten als erste arabische Gelehrte des 9. und 10. Jahrhunderts, so die berühmtesten orientalischen Ärzte des Mittelalters, Al-Razi und Ibn Sina (Avicenna). Auch die Kräuterbücher des 16. und 17. Jahrhunderts empfehlen die heilende Droge. Auch glaubten unsere Ahnen, es erfülle sich jeder Wunsch, wenn man sich mit Löwenzahn den Körper einreibt. Man schätzte den Löwenzahl als eine Pflanze, die man mit Stumpf und Stiel verwenden konnte: von der Wurzel bis zur Blüte. Später geriet die Verwendung als Wildgemüse und Heilmittel in Vergessenheit, nur in Kriegs- und Hungerzeiten besann man sich auf den Löwenzahn. So wurde die getrocknete und gemahlene Wurzel zum Kaffeeersatz und die Blätter halfen über Eisen- und Vitaminmangel hinweg. Die Blüten dienten nicht nur zur essbaren Dekoration von Gerichten, wie das heutzutage mitunter geschieht, sondern in Essig eingelegt als Kapernersatz.

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Der ausdauernde Löwenzahn siedelt auch an unwirtlichen Orten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist sehr schade, dass der als anspruchsloses Unkraut auf fast jedem Fleckchen Erde wachsende Löwenzahn so unterbewertet wird. Kenner schätzen ihn zum Beispiel als Allround-Stärkungsmittel und nennen ihn den "Ginseng Europas". Hartnäckig allem Beton zum Trotz, nutzt er die kleinste Ritze um sich zu entfalten - diese Unempfindlichkeit, Zähigkeit und Lebenskraft überträgt der Löwenzahn auf all jene, die ihn anzuwenden wissen. Im Vergleich mit dem so beliebten Kopfsalat erscheint der Löwenzahn dank seines Wirkstoffreichtums als wahres Wunderkraut und lässt den grünen Salat ziemlich mickrig dastehen: Löwenzahnsalat versorgt Sie mit einem Vielfachen und Vital- und Mineralstoffen - nämlich mit dem Vierzigfachen an Vitamin A, dem Neunfachen an Vitamin C, dem Vierfachen an Vitamin E sowie an Magnesium, dem Achtfachen an Kalzium, dem Dreifachen an Eisen und der doppelten Proteinmenge. Der Gehalt an Eisen im Löwenzahn schlägt den im Spinat um das Dreißigfache.

Die Bitterstoffe regen Speichel- und Magensaftproduktion an, fördern die Freisetzung von Verdauungsenzymen und kurbeln die Gallentätigkeit an; Blähungen und Völlegefühl werden gemindert. Löwenzahn eignet sich auch als wirksamer Begleiter beim Abnehmen, weil er mit seinen Inhaltsstoffen den Stoffwechsel ordentlich ankurbelt. Auch heute noch kommt Löwenzahn in Blutreinigung- und Entschlackungstees vor. Wegen seines hohen Gehalts an Kalium (bis zu fünf Prozent) kann es trotz seiner entwässernden Wirkung nicht zu einem Kaliummangel kommen wie bei vielen synthetischen Diuretika. Seiner harntreibenden und entschlackenden Wirkung verdankt der Löwenzahn auch viele seiner über 500 volkstümlichen Namen: Bettsäächer, Pissblume, Bettschisser, Bettseicher, Pissnelke … Die Bezeichnung "Butterblume" belegt, dass die Blütenblätter früher zum Gelbfärben von Butter verwendet wurden; und den Namen "Löwenzahn" hat die Pflanze von der Form ihrer Blätter, die an die Zähne der Raubkatze erinnern.

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Für den Salat zu spät, macht aber viel Spaß.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der herb-würzige Geschmack der Blätter ähnelt ein wenig dem Radicchio oder der Endivie. Man kann sie separat oder zusammen mit anderen Blattsalaten anrichten. Sie harmonieren gut mit Walnüssen, gekochten Eiern, Knoblauch-Croutons oder gebratenen Speckwürfeln. Die Saison ist kurz, deshalb heißt es schnell zugreifen, denn kommt die Pflanze erst einmal zur Blüte, sind die Blätter nicht mehr zart und auch ziemlich bitter. Es sei denn, Sie wollen wissen, ob Sie ein Engel sind, dann lassen Sie ein paar Löwenzahn-Pflanzen im Garten stehen und warten, bis die gefiederten Samen die allseits bekannten und vor allem bei Kindern so beliebten "Pusteblumen" gebildet haben. Denn die Pusteblume entscheidet darüber, wer in den Himmel kommt: Ist nach dem Wegblasen der Pusteblumen-Samen der Fruchtboden weiß, ist Ihnen ein Platz im Paradies sicher. Sind dagegen schwarze Punkte zu sehen … Dann schon lieber Salat!

Löwenzahnsalat

Zutaten (4 Pers):

400 g Blätter vom Wiesenlöwenzahn
4 EL Löwenzahn-Blütenknospen (oder 8 EL Croutons)
8 EL Haselnussöl
6 EL Haselnussblättchen
40 ml Sherryessig
8 Wachteleier
1 Lauchzwiebel
½ Bd glatte Petersilie
Meersalz, weißer Pfeffer, Zucker, etwas Butter

Zubereitung:

Die Wachteleier hart kochen, pellen, abkühlen lassen und halbieren. Die Löwenzahnblätter putzen, waschen und gut abtropfen lassen. Größere Blätter zerkleinern. Die geputzte Lauchzwiebel schräg in feine Streifen schneiden; die Petersilienblätter hacken und beides zum Löwenzahn geben.

Die Blütenknospen, sie sollten noch vollständig geschlossen sein, in etwas Butter und 1 Prise Salz braten. Die Haselnussblättchen ohne Zugabe von Fett mild rösten und abgekühlt mit dem Salat vermengen. Salz im Essig auflösen, pfeffern und mit dem Haselnussöl cremig aufmischen. Das Dressing über den Salat geben, vorsichtig unterheben und portionieren. Die gebratenen Knospen und die halbierten Eier auf den Salatportionen verteilen.

Tipp: Ohne eigenen Garten dürfte es schwer sein, an geschlossene Löwenzahnblütenknospen zu kommen: Verwenden Sie stattdessen 8 EL selbst aus Weißbrot hergestellte Croutons oder gekaufte.

Viel Freude an den ersten Frühlingstagen wünscht Ihnen Heidi Driesner. Und geben Sie dem Löwenzahn in Ihrem Garten eine Chance!

Quelle: ntv.de