Panorama

Zugfahren in Südafrika Kaffee, Chips und Chaos

Stimmengewirr, schlürfende Flip-Flops, klackernde Pfennigabsätze: In der Bahnhofshalle von Kapstadt wird es hektisch. Der Zug Shosholoza Meyl ist gerade eingetroffen. Auf dem Bahnsteig wuseln die Passagiere chaotisch herum. Kinder plärren, Mütter mühen sich mit ihrem Gepäck in riesigen Plastiktüten ab. Wer schon auf dem Bahnsteig steht, hat die Strapazen des Fahrkartenkaufs glücklicherweise hinter sich. Denn dafür sind viel Geduld und organisatorische Fähigkeiten nötig. So mancher benötigt Tage dafür. Dennoch ist der Reiz groß: Für umgerecht 32 Euro in der Ersten Klasse überwindet der Shosholoza Meyl von Kapstadt nach Johannesburg eine Distanz, die bis auf ein bisschen mehr als 100 Kilometer in etwa der von Berlin nach Moskau entspricht.

Drei Jahre vor der Fußballweltmeisterschaft 2010 in dem Kap-Staat wird der Zug zunehmend auch von Rucksack-Touristen als billige und sichere Alternative zu den teuren Luxuszügen "Blue Train" oder "Rovos" entdeckt. Vier Millionen Passagiere nutzen jährlich den Shosholoza Meyl, der bei den Südafrikanern immer beliebter wird. Firmenchefin Maria Ramos hofft, auch die sich entwickelnde schwarze Mittelklasse damit anzulocken.

Die Bedienung summt "sho sho..loohoza"

Rund 18 Stunden dauert die rund 1500 Kilometer lange Fahrt. Wen der Hunger plagt, der kann sich an einfacher südafrikanischer Kost im Bordrestaurant laben. Schon kurz nach der Anfahrt genießen die ersten Fahrgäste fettige Sandwiches mit Ei und Schinken. Es riecht nach alter Küche, die Tische und Klappsitze kleben noch von der Brause des Vorgängers. Doch das freundliche Summen der Bedienung zaubert schnell ein Schmunzeln ins Gesicht. "Sho...sho..loohoza", klingt es melodisch, "was darf ich bringen?" Der weit über Afrikas Grenzen bekannte Refrain passt zum Namen des Zuges.

Das traditionelle südafrikanische Volkslied wurde ursprünglich von den Bergwerksarbeitern in einer Art "Ruf-und-Antwort-Stil" auf ihrer beschwerlichen Zugreise in die Minenregionen gesungen. Der Kehrreim - "stimela, stimela" - empfindet sogar das von Dampflokomotiven verursachte Geräusch nach. Das Wort Meyl dagegen lehnt sich an ein südafrikanisches Wort für "Fernstreckenzug" an.

In den engen Abteilen haben sich die Fahrgäste mittlerweile eingerichtet. Mitgebrachte Wolldecken, offene Koffer, Lebensmittel liegen auf den Sitzen. Grelles Lachen und die eigenartigen Klickgeräusche des Xhosa-oder Zulu-Volksstammes ertönen hier und da aus den einzelnen Kompartements. "Möchtest Du Erdnüsse oder Chips?", fragt eine der beleibten Frauen im Abteil. Breit durch eine Zahnlücke lächelnd meint sie: "Wir Südafrikaner haben immer was zu knabbern dabei, sonst können wir nicht reisen."

In dem Zug hat die Klassengesellschaft überlebt. Die Passagiere der Ersten Klasse können zwischen Einzel-, Zweier- oder Viererabteil wählen, wobei die Geschlechter strikt getrennt werden. Aus Sicherheitsgründen: Nicht nur stinkende Socken, sondern auch Überfälle oder gar Misshandlungen gaben Anlass, separate "weibliche und männliche Abteile" einzurichten. Verheiratete Paare dürfen sich ein Abteil teilen, sofern dies vor der Reise angemeldet wurde. Die Schlafwaggons sind spartanisch, aber praktisch ausgestattet. In dem Viererabteil wird es mit zwei beleibten Damen und Stapeln an Tüten und Taschen sehr eng. Die Reisegäste der Dritten Klasse haben eine ruckelige Nacht auf grell grünen, harten und unbequemen Sitzen vor sich.

Ein Geruch von Staub, kaltem Kaffee und Erdnüssen

Tänzelnd, mit einem breiten Grinsen im Gesicht verlangt der Schaffner in fliederfarbener Uniform die Fahrkarten. In den schmalen Gängen lehnen Reisegäste an den Türen, schauen aus dem Fenster oder schwatzen. Das sanfte Schaukeln des Zuges und die Schmatzgeräusche der Sitznachbarinnen machen müde. Geruch von Staub, kaltem Kaffee und Erdnüssen ist alles andere als erfrischend. "Mach das Fenster auf, ich brauche frische Luft", gackert es laut und direkt von der Sitzbank gegenüber. In der Ersten Klasse klemmen die Zugfenster. Ein Mitarbeiter nimmt all seine Kraft zusammen, um es zu öffnen.

Staub weht ins Gesicht, als der Blick aus dem offenen Fenster schweift. Frischluft und Fahrtwind wirbeln Chipskrümel auf den Sitzen auf und kühlen das Abteil aus. Das Dilemma: Nun lässt sich das Fenster nicht mehr schließen. Transnet, die halbstaatliche Muttergesellschaft des Shosholoza Meyl, hat seit langem nicht mehr in Grundüberholungen investiert. Sie setzt lieber auf den Ausbau des Frachtsystems und will über kurz oder lang den Zug verkaufen.

Auch der heimische Wein fehlt nicht im Bordrestaurant

Mittlerweile ist die Sonne untergegangen. In den Gängen wird es allmählich lebhaft. Hungrige Passagiere schlurfen in ausgetretenen Badeschlappen ins Bordrestaurant, wo immer noch alte Küchengerüche wabern. Der Appetit ist größer, es wird fleißig bestellt. Makkaroni, Beefcurry oder Sandwiches stehen auf der Speisekarte. Auch der Rebsaft darf im Weinland Südafrika nicht fehlen - auf den Tischen stehen Miniatur-Weinflaschen. Trotz langer Wartezeit wird niemand ungeduldig. Laut unterhalten sich Reisegäste in den verschiedenen südafrikanischen Sprachen. Klicklaute, englische Intonation und das rollende "r" der Buren vermischen sich zu einem Klangbrei, der den gesamten Abend im Bordrestaurant anhält.

Es wird kalt im Zug. Noch ist niemand gekommen, um das klemmende Fenster im Abteil wieder zu schließen. Das Bettzeug für die Nacht fehlt auch noch. "Entschuldigung, wann könnten wir unsere Decken bekommen?", fragen die ersten Reisenden. Der Mitarbeiter guckt nur verwirrt und meint: "Die musst du selbst mitbringen oder kaufen." Routinierte Shosholoza Meyl-Reisende wissen das natürlich vorher: Sie ziehen sich warm an oder kramen eigene Decken aus den Taschen.

Im Abteil wird es jetzt gemütlich und kommunikativ. Mit Chips wird geknuspert und geschmatzt, Familien-Begebenheiten werden besprochen, Fotos von Kindern herumgereicht. Die nächtliche Fahrt geht durch die Karoo - eine Halbwüste in der zentralen Hochebene Südafrikas. Die Landschaft ist in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Das Abteilfenster bleibt nun offen, Landluft, die nach Gras riecht, weht ins Abteil. Ab und an hält der Shosholoza Meyl an verlassenen Bahnhöfen. Kein Licht weit und breit, aber einige Leute steigen aus. Das serviceorientierte Personal hilft beim Heraustragen des Gepäcks. Trotz der Müdigkeit, die einigen Mitarbeitern ins Gesicht geschrieben steht, wird stets Freundlichkeit bewahrt.

Das Personal ruft laut "Kaffee?" - und weckt die Schlafenden

Die Nachtfahrt verläuft ruhig und ohne Zwischenfälle. Kurz vor Sonnenaufgang weckt eine Gruppe Zulu-Frauen - erkennbar an ihren großen bunten Tellerhüten - einen Teil der Reisenden auf. Mitten in der Karoo steigen sie auf einem Bahnhof aus und begrüßen geräuschvoll Freunde und Familie. Nach der Weiterfahrt wird es in den Gängen langsam lebendig. Die ersten verschlafenen Gesichter schauen aus ihren Abteilen heraus. Warme Sonnenstrahlen kitzeln die Gesichter. Das Zugpersonal klopft an und bietet Kaffee. Schlafende werden gnadenlos mit einem unüberhörbaren "Kaffee?" ins Ohr aufgeweckt.

Auch die Reinigungskräfte sind schon früh auf den Beinen und sammeln den Müll ein. Laut brummen die Staubsauger. Jetzt ist es eindeutig zu unruhig, um weiter zu schlummern. "Bis Johannesburg sind es nur noch einige Stunden", freut sich ein kleines Mädchen im Gang beim ungeduldigen Blick aus dem Fenster.

Die mitgebrachten Lebensmittel und Knabbersachen neigen sich dem Ende. Die Reisenden tummeln sich nun im Bordrestaurant. Es gibt die üblichen Sandwiches mit Käse und Tomaten, wahlweise auch mit Ei und Schinken. Die zwei Afrikanerinnen lassen sich ihr Frühstück ins Abteil liefern. Sie wollen jetzt per Handy mit der Familie sprechen und den Transport vom Bahnhof Johannesburg nach Hause organisieren. "Ich lasse mich immer von meinem Mann abholen. Du weißt nie, was passiert, und mit Gepäck bin ich nicht so schnell", sagt eine. "Du musst immer aufpassen, wer in Deiner Nähe steht. Am Bahnhof werden gerne Handtaschen geklaut", betont die andere Frau.

Von der Wüste in die Stadt

Nur noch wenige Stunden bis zum Hauptbahnhof Johannesburg. Der Shosholoza Meyl wird noch ein oder zweimal davor halten. Viele Reisende beginnen schon unruhig ihre Decken und Tüten zu ordnen. Mitarbeiter des Zuges laufen nun durch alle Gänge und Abteile, gehen die Namenslisten der Passagiere durch und wecken auch den letzten Reisenden. Die Halbwüsten-Landschaft wandelt sich allmählich in eine Stadt - der Zug fährt durch die Vororte von Johannesburg. Die Häuser werden immer größer und stehen dichter beieinander. Nach rund 1500 Kilometern hält der Shoholoza Meyl mit quietschendem Bremsen im Hauptbahnhof Johannesburg - Endstation!

Gezeter und Gedrängel, jeder möchte zuerst aussteigen. Auf dem Bahnsteig winken Verwandte oder Freunde und begrüßen sich mit Lärm. Allmählich löst sich die große Menschentraube am Bahnsteig allmählich auf. Der bunte Shosholoza Meyl ist bereit für die Tour zurück nach Kapstadt.

Von Hanni Heinrich, dpa

Quelle: ntv.de

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