Panorama

Sterbehilfe für Transsexuellen Nathans Tod bewegt Belgien

Ein belgischer Mann, der früher eine Frau war, macht vom Recht auf Sterbehilfe Gebrauch. Nach seiner misslungenen Geschlechtsumwandlung ist er "unerträglichen psychischen Leiden" ausgesetzt. Belgien diskutiert nun, ob es ein Recht auf den Tod gibt.

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In den meisten europäischen Staaten ist Sterbehilfe verboten.

(Foto: dpa)

Nathan war 44 Jahre alt, als er sich die Todesspritze setzen ließ. "Ich denke an das, was hätte sein können, wenn die Dinge anders gelaufen wären und du mir ein bisschen Liebe gegeben hättest", schreibt er im Abschiedsbrief an seine Mutter.

Die tut, als gehe sie das gar nichts an. "Wenn ich ehrlich bin, berührt mich ihr Tod immer noch nicht", sagte die Frau nach Lektüre der Zeilen. Sie spricht über ihre Tochter Nancy. "Ich fühle mich nur erleichtert." Aber Nathan ist Nancy: Er ist der erste Belgier, der nach einer misslungenen Geschlechtsumwandlung wegen "unerträglichen psychischen Leidens" das Recht auf den Tod einforderte.

Nun diskutiert das Land darüber, ob das im Mai 2002 in Kraft getretene Gesetz über legale Sterbehilfe - in Belgien wird das in Deutschland durch die NS-Zeit schwer belastete Wort Euthanasie benutzt - auch wirklich so gemeint war. 1432 Belgier wählten diesen Tod allein im Jahr 2012, ein Viertel mehr als im Vorjahr, ein nationaler Höchststand. Etwa 50 beriefen sich auf psychische Leiden.

"Ich wollte kein Monster werden"

"Es war nicht so, dass hier jemand in einem Tief mal eben beschlossen hat, zu sterben. Der Entscheidung ist ein halbes Jahr Kampf vorangegangen", sagte Professor Wim Distelmans von der Freien Universität Brüssel, der Nathans Tod begleitete. Aber Distelmans, Vorsitzender des belgischen Euthanasie-Ausschusses, räumt ein: "Wenn wir jemanden sehen, der vom Krebs gezeichnet ist und noch 40 Kilo wiegt, tun wir uns mit solchen Entscheidungen leichter."

"Ich war das Mädchen, das keiner wollte", sagte Nathan vor seinem Tod der Zeitung "Het Laatste Nieuws". Im Gegensatz zu seinen Brüdern habe er in einem Lagerraum über der Garage schlafen müssen, seine Mutter habe stets gesagt: "Wenn du nur ein Junge wärst..." Und als er 2012 schließlich operiert worden sei, um von Nancy zu Nathan zu werden, da sei der Penis vom Körper nicht angenommen worden, auch anderes sei nicht gelungen: "Ich wollte kein Monster werden."

Tod auf Wunsch für kleine Kinder?

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Das belgische Parlament denkt über Gesetzesreformen zur Sterbehilfe nach.

(Foto: REUTERS)

Die belgischen Medien berichteten zeitgleich über Leid und Tod Nathans sowie über die Ergebnisse einer Umfrage: Demnach sind etwa 75 Prozent der Belgier "sehr" oder zumindest "eher" dafür, dass auch kleine Kinder getötet werden dürfen, wenn sie eine unheilbare Krankheit haben. Demnächst berät das belgische Parlament über mögliche Änderungen des Gesetzes.

"Ich habe kein Problem mit Sterbehilfe bei unerträglichen körperlichen Leiden, aber bei psychischen Leiden muss es andere Lösungen als den Tod geben", sagte der Neuropsychiater Georges Otte aus Gent der Zeitung "Gazet van Antwerpen". Und auch dem Psychiater Dirk De Wachter ist nicht wohl. "Extra Vorsicht" sei bei psychisch kranken Patienten nötig, sagte er dem Blatt "De Morgen". Das Gesetz sehe vor, dass zwischen dem Antrag und der Todesspritze ein Monat liegen müsse: "Bei psychischen Leiden ist das eine sehr kurze Zeit." Distelmans hingegen argumentiert, es gebe furchtbare Leiden, die nicht zu sehen seien: "Wir müssen die Wahl des Lebensendes respektieren."

Der Mutter bedeutet der Tod nichts

Nathans Mutter Jenny trauerte ihrer Tochter Nancy nicht nach. "Sie war so hässlich, ich hatte ein Monster zur Welt gebracht", sagte sie der Zeitung "Dernière Heure". Dass Nancy von den Brüdern geschlagen worden sei, sei ihr eigener Fehler gewesen: "Sie hat mir nichts gesagt."

Ob sie wisse, dass Nathan ihr einen Brief geschrieben habe, wurde sie da gefragt. "Ich werde ihn lesen, aber er wird voller Lügen sein. Ihr Tod bedeutet mir nichts." Einen Tag später wurde die Mutter überrascht: In seinem Brief teilt Nathan mit, dass er ihr sein Geld vererbt: "Ich gebe dir etwas, womit du wahrscheinlich nicht rechnest: Etwas Geld, damit du deine Schulden bezahlen kannst, damit du ein bisschen was vom Leben hast." Und er fügt hinzu: "Ich hoffe, dass du lange lebst."

"Ich hatte nie gedacht, dass Nancy mir etwas vererbt", sagt die Mutter. Aber das ändere nichts daran, dass der Tod des Kindes sie nicht berühre. "Ich werde ihrem Rat folgen und jetzt erst einmal das Leben ein bisschen genießen."

Quelle: ntv.de, Dieter Ebeling, dpa

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