Panorama

Ideenschmiede IBA 2010 Sachsen-Anhalt als Stadtumbau-Labor

Schwindende Einwohnerzahlen machen immer mehr Städten zu schaffen. Doch was tun? 19 Orte in Sachsen-Anhalt erproben verschiedene "Werkzeuge" des Stadtumbaus.

Aschersleben_IBA 2010.jpg

"Blindekuh" von Christopher Winter: Aschersleben präsentiert im Rahmen der IBA Stadtumbau 2010 die erste Drive-Thru-Gallery Deutschlands.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ganz Sachsen-Anhalt ist seit 2002 ein Open-Air-Labor für den Stadtumbau. 19 Orte - von Aschersleben bis Weißenfels - entwerfen seitdem im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Stadtumbau 2010, kurz IBA, Modelle für die Kommune der Zukunft. Erstmals ist damit ein komplettes Bundesland IBA-Domizil. Den 19 Städten gemein ist: Als Folge der demografischen Entwicklung, etwa der Abwanderung, sinken ihre Einwohnerzahlen deutlich - und dies hat Wohnungsleerstand und die Verödung ganzer Viertel zur Folge. 174 Millionen Euro wurden nun in Projekte investiert, die dafür sorgen, dass die Städte attraktiv bleiben. Dieses Jahr geht die IBA zu Ende.

"Der Anspruch der IBA ist es, das Schrumpfen der kleinen und mittleren Städte positiv zu gestalten", sagt Geschäftsführer Philipp Oswalt, der zugleich Direktor des Bauhauses Dessau ist. "Das Thema ist extrem relevant: In den 90er Jahren hat ein Viertel aller Großstädte auf der Welt Einwohner verloren. Es ist ein Normalfall der Stadtentwicklung geworden." Seiner Ansicht nach ist es allen 19 Orten gelungen, einen Ansatz zu finden, wie sie sich profilieren und ihren Stadtkern stärken können.

Modellhaftes Projekt

Koethen_Bibliothek für Homoeopathie.jpg

Die Europäische Bibliothek für Homöopathie in Köthen beherbergt nicht nur Werke aus dem 18. Jahrhundert, sondern auch aktuelle Publikationen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Beispiel Köthen: Die "Bachstadt" hatte vor zehn Jahren noch 30.360 Einwohner, derzeit sind es 28.800. "Auf 25.000 werden wir uns zubewegen", sagt Oberbürgermeister Kurt-Jürgen Zander. Um mehr Leben in den Ort zu bringen, hat er sich im Zuge der IBA auf einen berühmten ehemaligen Einwohner besonnen: Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie. Für 2,6 Millionen Euro wurde das Spitalgebäude eines früheren Klosters in eine Europäische Zentralbibliothek für Homöopathie umgewandelt.

Dass ihre Heimat nun Sitz einer solch bedeutenden Institution ist, stärke das Selbstwertgefühl vieler Menschen, meint Zander. Die Stadt habe sich als Standort für homöopathische Kongresse für Ärzte, Apotheker, Hebammen, Tierärzte und Zahnärzte etabliert, wovon Gastronomie, Hotels und Pensionen profitieren. "Wir stellen uns darauf ein, dass wir eine gesunde, lebenswerte Stadt sein werden - auch mit weniger Menschen", sagt Zander, und: "Ich möchte zum Beispiel nicht in Bombay wohnen!"

Eine Frage bleibt

Stadtumbau_Aschersleben.jpg

Aufsteller werben für den Kauf eines Baugrundstückes in der Altstadt von Aschersleben im Salzlandkreis.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Verbindung der Stadt Köthen mit der Homöopathie sei naheliegend, sagt Martin Rosenfeld, Stadtökonomie-Experte am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), aber er fragt sich: "Kam man dort wirklich erst durch die IBA auf diese Idee?" Zudem kritisiert er, dass es an einigen Orten - etwa in Halle - "kein geschlossenes Gesamtkonzept" gebe, sondern eine "Verzettelung" mit vielen Einzelmaßnahmen, die teilweise sicherlich auch ohne die IBA realisiert worden wären. "Hier fehlt der große strategische Wurf", meint Rosenfeld, der die IBA grundsätzlich für sinnvoll hält.

Die 19 Konzepte könnten durchaus Anregungen für Regionen im In- und Ausland vermitteln, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, meint Ministerpräsident Wolfgang Böhmer. Tatsächlich rufen im IBA-Büro Interessenten aus anderen Regionen an. "Wir haben schon Anfragen aus Deutschland, den Niederlanden und Italien", sagt Annette Zehnter, die den Fachtourismus organisiert. Politiker, Studenten oder Architekturbüros planen Exkursionen. "Wir schlagen ihnen Routen zu bestimmten Themen vor, etwa Landschaft oder historisches Erbe", sagt Zehnter. Im IBA-Abschlussjahr wollen zudem alle Städte ihre Projekte in Ausstellungen präsentieren.

Quelle: n-tv.de, Sophia-Caroline Kosel, dpa

Mehr zum Thema